Aus der Amazon.de-Redaktion
2005 jährt sich die Befreiung Deutschlands und Europas vom Joch des Nationalsozialismus zum sechzigsten Mal. Und dieses Mal finden sich unter den erwähnenswerten Publikationen, die sich dieser historischen Zäsur widmen, einige sehr persönliche Bücher. Neben vorzüglichen Reportagen, wie etwa der nun endlich publizierten
Straße des Siegers von Osmar White, gehören dazu auch die Aufzeichnungen, die der Sohn des Rotarmisten Wladimir Natanowitsch Gelfand (1923-1983) aus dem Nachlass seines (seien wir ehrlich: literarisch nicht sonderlich begabten) Vaters für den Druck zusammengestellt hat.
In der historischen Forschung galt es lange Zeit als ausgemacht, dass es in der Roten Armee kaum Tagebuchschreiber gegeben habe. Doch auch wenn es sehr wohl Zensurbestimmungen gegeben hat, deren genauen Inhalt man bis heute nicht kennt, so war doch das Führen von Tagebüchern nicht grundsätzlich verboten. So eifrig aber, wie Wladimir Gelfand, haben gewiss nur wenige die Ereignisse und das eigene Erleben dokumentiert. Der Ukrainer jüdischer Herkunft hatte von jüngster Jugend an Tagebuch geführt. Mit den Aufzeichnungen, die er anfertigte, nachdem er 1942 Soldat in der Sowjetarmee wurde, wollte er nicht "nur" seine Kriegserlebnisse verarbeiten, sondern mit Blick auf die erhoffte literarische Nachkriegskarriere sein Ausdrucks- und Reflexionsvermögen schulen. Doch die Schriftstellerkarriere wurde auch nach dem Krieg erst einmal zugunsten eines Brotberufes als Lehrer hintan gestellt. Doch nach seiner Pensionierung wollte der ehemalige Leutnant im 1052. Schützenregiment endlich Ordnung in sein Archiv bringen und Teile daraus veröffentlichen. Dazu ist es nicht mehr gekommen. Gelfand starb 1983 mit nur sechzig Jahren.
Nun hat sich der Sohn des Nachlasses seines Vaters angenommen und Tagebucheintragungen, Briefe und Dokumente aus den Jahren 1945 für dieses Deutschland-Tagebuch zusammengestellt. Herausgekommen ist ein bemerkenswertes authentisches Zeitzeugnis, das uns aus der Perspektive eines Rotarmisten auf das besiegte Deutschland 1945/46 blicken lässt. "Unterstützung" bei der Lektüre erhält der Leser durch eine kundige Einführung und einen biographischen Nachtrag von Elke Scherstjanoi. -- Hasso Greb
Kurzbeschreibung
Eine Sensation: Die Tagebücher des Wladimir Gelfand zeichnen ein ungeschminktes Bild vom Umgang der sowjetischen Armee mit den Deutschen.
Über den Autor
Wladimir Gelfand, geboren am 1923 in Nowo-Archangelsk (Ukraine), Jude, einziger Sohn seiner Eltern. Die Familie zieht 1928 nach Dneprodzerschinsk (Ukraine). Wegen Anrückens deutscher Truppen wurde die Stadt evakuiert. Gelfand meldete sich im April 1942 zur Roten Armee und marschierte mit seiner Einheit Anfang Mai 1945 in Berlin ein. Im September 1946 kehrte er nach Dnepropetrowsk zurück, wo auch die Eltern wieder lebten. Gelfand arbeitete bis zu seinem Tode ununterbrochen in der gleichen städtischen Polytechnischen Berufsschule in Dnepropetrowsk. Er leitete dort einen Geschichtszirkel, schrieb für verschiedenen regionale Zeitungen und Zeitschriften. Er war aktives Parteimitglied.Wladimir N. Gelfand starb 1983. Elke Scherstjanoi, Historikerin am Institut für Zeitgeschichte München-Berlin. Sie forscht und publiziert unter anderem zu mentalen Fragen der deutsch-russischen Begegnungen bei Kriegsende 1945. Gab das Buch "Rotarmisten schreiben aus Deutschland. Briefe von der Front (1945) und historische Analysen" heraus. Ihr Hauptforschungsgebiet ist SBZ- und DDR-Geschichte.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.