Das Weltbild der Autorin dieses Buches lässt sich wie folgt zusammenfassen: Die Welt ist so, wie ich sie sehe, und wer sie anders sieht, ist bestenfalls ein Idiot und schlimmeren falls ein übler Rassist.
Die Argumentation von Noah Sow beruht auf einigen Definitionen, die teils selber ausgedacht und teils willkürlich aus der Literatur zum Thema ausgewählt sind. So heißt es auf S. 26, Schwarze seien „alle, die sich als Schwarz definieren, … alle anderen sind Weiße. Schwarz zu sein ist nichts, was man wirklich ist, sondern steht eher für gemeinsame Erfahrungen, die man in der Gesellschaft gemacht hat. Weiße können daher nicht bestimmen, wer Schwarz ist, und wer nicht.“ Das ist nun in höchstem Maße unlogisch. Unabhängig von der Hautfarbe ist jeder, der sich als solcher „definiert“, schwarz, es sei denn, er ist weiß? Demnach gibt es also für's Schwarzsein keinen objektiven Maßstab, wohl aber für's Weißsein? Und über diesen Maßstab verfügen die, die sich als schwarz „definieren“? Das verstehe wer will.
Ähnlich willkürlich geht es im ganzen Buch zu. Da wird auf einen Text der UNESCO von 1995 verwiesen, nach dem es „Rassen“ nicht gibt, und damit ist das Thema für Frau Sow erledigt. Neuere Forschungen von Genetikern und Anthropologen werden völlig ignoriert, außerdem versteht sie den Text falsch, denn er behauptet keineswegs, dass es keine genetischen Unterschiede zwischen verschiedenen Menschengruppen gibt (wie Sow im ganze Buch unterstellt), sondern nur, dass der Rassenbegriff nicht geeignet ist die „menschliche Vielfalt“ (die sich natürlich auch im Körper und damit biologisch ausdrückt) zu beschreiben.
Noah Sow definiert Rassismus als „die Theorie, dass es verschiedene Menschen-“Rassen“ gibt, die über bestimmte Veranlagungen verfügen, ohne diese Veranlagungen zu werten. … Rassismus ist nicht erst die negative Reaktion auf einen angeblichen Unterschied, sondern bereits die Behauptung des Unterschieds.“ (S. 78) und auf S. 77 heißt es: „Rassismus funktioniert auch ganz ohne die Behauptung von Höher- oder Minderwertigkeit. Es genügt bereits, davon auszugehen, dass Menschen verschieden seien.“ Demnach gibt es also keinerlei Unterschiede zwischen Menschen, und wer etwas anderes behauptet ist ein Rassist. Man möchte lachen, aber es ist leider ernst gemeint.
Trotz ihrer mit soviel Überzeugung vorgetragenen Ansichten ist Noah Sow davon überzeugt, dass es keine objektiv wahren Erkenntnisse geben kann: „Den wissenschaftlichen Mythos der „Objektivität“ können wir getrost zu den Akten legen, denn es gibt ihn nicht. … Der Anspruch „Objektiv“ zu sein, ist immer ein wenig größenwahnsinnig, weil darin immer die Anmaßung mitschwingt, andere Menschen seine nicht objektiv.“ (S. 119) Angesichts solcher Erkenntnistheoretischer Grundlagen fragt man sich schon, wie jemand mit einem dermaßen massiven Anspruch alles und jeden souverän als Rassist oder Opfer des Rassismus verorten kann?
Überhaupt ist in diesem Buch ständig von „weißen“ und „Schwarzen“ die Rede, die auch eindeutig über ihre äußere Erscheinung identifiziert werden („Eine Tat ist rassistisch motiviert, wenn sie an Menschen verübt wird, deren ethnischer Hintergrund sichtbar ein anderer ist als der der Täter.“ S. 31); Weiße z.B. sind „rotnasig“, Schwarze haben krauses Haar usw., während gleichzeitig immer wieder betont wird, dass Schwarz und Weiß nur soziale Konstruktionen sind, so dass sich mit der Zeit beim Leser ein gewisses Befremden einstellt.
Besonders befremdlich ist das Kapitel über „Weiße Mütter mit Schwarzen Kindern“ (S. 220ff.). Für Noah Sow ist ein Kind, das einen schwarzen und einen weißen Elternteil hat, automatisch ein schwarzes Kind, womit ihm das Recht zur Selbstbezeichnung, das sie am Anfang ihres Buches (s.o.) postuliert, einfach verweigert wird. Und die Mütter in ihrer rassistischen Ignoranz „ignorieren schlicht, dass ihr Kind schwarz ist.“ (S. 222) Dass ein solches Kind die Hälfte seiner Gene von einem Weißen hat (und Mulatten sich selbst keineswegs automatisch als Schwarze sehen) wird ebenso schlicht ignoriert, wie die Tatsache, dass es in einer überwiegend weißen Umgebung aufwächst und unterschiedliche Identifikationsmöglichkeiten hat. Die Noah Sow vor Augen stehende Konstellation ist grundsätzlich: weiße (deutsche) Mutter hat ein Kind mit einem schwarzen Mann, der abwesend ist. Der umgekehrte Fall eines Kindes mit weißem Vater und schwarzer Mutter wird zwar kurz erwähnt, aber nicht weiter thematisiert. Die weißen Mütter sind natürlich nicht frei von Rassismus und wählen einen schwarzen Partner aus entsprechenden Motiven, „Exotismus“ bzw. Lust auf Sex mit einem schwarzen Mann, und sie behandeln auch ihre Kinder rassistisch, indem sie sie nicht explizit auf ein Leben als Schwarze vorbereiten: Sow gibt eine ganze Reihe von Erziehungsratschlägen, die dazu dienen sollen, dem Kind eine eindeutige schwarze Identität zu vermitteln.
Die Möglichkeit einer gelingenden Partnerschaft zwischen schwarzen und weißen Partnern ist jedenfalls im Weltbild der Autorin nicht vorgesehen. Man bekommt überhaupt den Eindruck, dass sie solche Partnerschaften zumindest als unglücklich empfindet uns sie lieber vermieden sähe, da sie die klare Grenze zwischen guten Schwarzen und bösen Weißen verwischen könnten. Dem Kampf gegen den Rassismus dürfte dadurch ein Bärendienst erwiesen werden, schließlich sind es grade die Mischehen bzw. gemischten Beziehungen, die helfen, Grenzen abzubauen.
Kurz: Die ist ein in keinster Weise empfehlenswertes Buch, man erfährt darin wenig über Rassismus und viel über die persönlichen Obsessionen von Noah Sow. Neben dem unangenehm oberlehrerhaften Ton, in dem es geschrieben ist, fehlt völlig eine angemessene Aufarbeitung der Literatur zum Rassismus, zitiert werden einzig Autoren, die sich zur Richtung der „Kritischen Weißseinsforschung“ zählen, einer aus den USA importierten Theorie, die dort von Historikern in ganz anderen Zusammenhängen entwickelt wurde und auf die deutsche Situation kaum anwendbar ist. Der Text ist bestimmt von emotionalen Äußerungen einer Autorin, die sich endlich einmal von der Seele schreibt, was sie der Welt schon immer mal ins Gesicht sagen wollte. Irgendeinen Erkenntnisgewinn sollte man sich davon nicht versprechen.
Wer sich auf angemessenem Niveau mit Rassismus auseinandersetzen möchte, dem sei das Buch „Strange Fruit“ des englischen Historikers und Neurobiologen Kenan Malik empfohlen:
http://www.amazon.de/Strange-Fruit-Sides-Wrong-Debate/dp/185168588X/ref=sr_1_1?s=books-intl-de&ie=UTF8&qid=1352572089&sr=1-1 . Malik diskutiert nicht nur in einem wesentlich weiteren Rahmen als Noah Sow, der auch Biologie und Geschichte einbezieht, sondern er thematisiert auch die Folgen von undifferenzierten Formen des Antirassismus.