Noah Sow hat mit 'Deutschland Schwarzweiß' das erste Buch über Rassismus bzw. kritisches Weißsein vorgelegt, das als Zielgruppe den Ottonormal-'"Weißdeutschen"' hat und ' ohne viel wissenschaftliches Gerede ' in einer spannenden und unterhaltsamen Lektüre nicht ohne einen gewissen Witz die bestehende Problematik präsentiert. Ihre Analogien sind originell und (meistens) zutreffend und haben somit eine große Überzeugungskraft. Thematisch geht sie auf ein weites Spektrum ein: Sie belehrt den Leser um den alltäglichen Rassismus sowie ' was besonders interessant ist ' um den teils versteckten Rassismus in den Medien.
Gegen dieses Buch wäre tatsächlich rein gar nichts einzuwenden gewesen, wenn Frau Sow seinen Inhalt von vornherein als ihre subjektive Meinung deklariert und nicht so maßlos mit Fußnoten gegeizt hätte. Viele ihrer Ideen sind sehr gut und richtig und regen zum Nachdenken an. Bei mir haben sie das auch erfolgreich getan. Das wichtigste Anliegen von 'Deutschland Schwarzweiß' ist es wohl, die weißen Deutschen für das Thema zu sensibilisieren. Sows beste Punkte sind solche, die der Leser durch Beobachtung seiner Umwelt selbst beobachten kann. Angesichts dieser vielen guten Inhalte möchte ich, bevor ich die negativen Aspekte von Sows Erstlingswerk aufzeige, bereits sagen, daß ich trotz aller Einwände dieses Buch jedem Fachinteressierten und auch jedem Laien empfehle. Man sollte es lesen aber nicht zum unantastbaren Standard erheben. Man sollte es genau so kritisch beäugen wie jedes andere Sachbuch auch. Wissenschaftlich ist dieses Buch jedoch eine Katastrophe ' was bei Sachbüchern eigentlich zum '"sudden death"' führen müßte. Ich hatte mich bei der Bewertung bereits auf drei Sterne festgelegt, bis ich den Abschnitt "'Beispiele für Polizeigewalt'" noch einmal genauer betrachtete. Dieser Abschnitt ist so schwach, daß ich einen Stern wieder abziehen muß, trotz eines großen Plus für die interessante Veranschaulichung von latenten Rassismen in Gebieten, bei denen man es nie gedacht hätte (UNICEF, etc.). Die Kinder mit dem Schlamm im Gesicht wiegen leider derartiges wissenschaftliches Versagen nicht gänzlich auf.
Lassen Sie sich also verführen in die erste Schwarze Polemik der deutschen Sachliteratur!
Warum dieses Buch eine Katastrophe ist:
Obwohl Noah Sow zu keiner Zeit den Anspruch erhebt, mit '"Deutschland Schwarzweiß"' ein wissenschaftliches Buch vorzulegen, fällt auf, daß ihr Tonfall bzw. ihre Kritik an der deutschen Gesellschaft nicht sachlich ist. Zudem fehlen ca. 20 Fußnoten, ihre Recherche ist nicht unvoreingenommen und man wird den Eindruck nicht los, daß Madame Sow nur solche Inhalte an den Leser dringen läßt, die ihn ihre persönlichen Konklusion erreichen lassen.
Beispiele für beleglose Behauptungen, unbelegte Zitate:
"'Dass sich rechtsextremes, rassistisches und demokratiefeindliches Gedankengut [...] durch die Gesellschaft zieht, belegen jüngere Studien eindeutig."' (S. 33, letzte vier Zeilen)
"'[E]rst kürzlich [wurde] die Bundeswehr dabei erwischt, dass sie das Schießen auf lebende Menschen trainieren ließ, indem sie die Soldaten anwies, sich vorzustellen, es handele sich bei den Zielscheiben um 'Afroamerikaner aus der Bronx'.' (S. 139, unterster Absatz)"
Nach rassistischen Fanchören bei einem Fußballspiel: "'Wenig später darf eine Fanvertreterin desselben Vereins [...] unwidersprochen behaupten, beim HSV gebe es 'Gott sei Dank so etwas wie Rassismus nicht'."' (S. 144, viert- und drittletzte Zeile)
Das sind die plumpsten Zitierfehler. Es gibt noch viele weitere, die ihren Klimax in ihrer Darstellung von rassistischer Polizeiarbeit finden (siehe unten). Gern bedient sich Sow auch der anekdotenhaften Beweisführung, d.h. sie plaudert aus dem Nähkästchen, was irgend jemandem irgendwann mal passiert ist oder passiert sein könnte. Obwohl diese Anekdoten zumeist relativ glaubwürdig sind (Irgendeine Frau verliert ihre Stelle im Adlon Hotel, weil sich Gäste über ihre Haare beschwerten [S. 210]), kann man sie nicht verifiziert, obwohl das bei an mancher Stelle möglich gewesen wäre!
Ihre Glaubwürdigkeit verspielt Sow allerdings bei ihrer Darstellung des Fall von Mareame Sarr im Kapitelabschnitt '"Beispiele für Polizeigewalt"' (S. 134ff), die vor einigen Jahren in einer anscheinend banalen Auseinandersetzung von einem Polizisten erschossen wurde. Im besagten Abschnitt werden vier Fälle von Polizeigewalt gegen Schwarze von der Autorin aufgezeigt. Der Fall von Sarr ist einer davon. Die vier langen und mit einer Vielzahl von Behauptungen geschwängerten Absätze enthalten ganze ZWEI Fußnoten, von der eine das Foto der verstorbenen Sarr ist. Das Todesdatum derselben hat Sow übrigens von ihrer Internetquelle falsch übertragen.
So viel zur Form. Inhaltlich zitiert Sow allen Ernstes eine Presseerklärung der '"Black Students Organisation"' als EINZIGE Angabe um den Tathergang. (Dabei handelt es sich übrigens um die zweite verbleibende Fußnote.) Zumindest eine Gegenüberstellung des offiziellen Polizeiberichtes wäre doch sinnvoll gewesen! Die Glaubwürdigkeit desselben hätte jeder Leser für sich selbst einschätzen können! Es berichtet also eine völlig unbeteiligte Gruppe von Sows Interessengenosse ohne Angabe um den Ursprung ihrer Informationen unangefochten, wie die Tat abgelaufen sein muß. Dabei bedient man sich durchgängig wertenden Vokabulars: Sarrs Ehemann habe ihre Tochter '"entführt'", wobei nie belegt wird, daß der Ehemann (der Kindsvater) nicht über das Sorgerecht verfügt hat. Diese völlig diffuse Darstellung des Tathergangs der '"Black Students Organisation"', in der übrigens auch ein Gespräch der bereits verstorbenen Sarr mit ihrer Schwiegermutter beleglos zitiert(!) wird, raubt Sow als Autorin wie auch ihren Quellen jede Glaubwürdigkeit und disqualifiziert sie als Autorin, die nur im entferntesten wissenschaftlich arbeiten und mit halbwegs ordentlicher Zitierweise umgehen kann.
Die restlichen Beispiele von Polizeigewalt entbehren jeglichen Beleg um den Ursprung ihrer Informationen! Interessanterweise spart Sow dennoch nicht mit der Verwendung von Begriffen wie '"nachweislich"' oder gibt die Inhalte von irgendwelchen '"gerichtswissenschaftliche[n] Befunden"' und '"Gutachten"' schematisch wieder. Die Herkunft dieser Informationen bleibt dabei freilich im Dunkeln. Der gesamte Abschnitt hat allenfalls das Zeug zur Verschwörungstheorie und ist der Grund, daß ich statt anderweitig drei nur zwei Sterne vergebe.