Warum Sönke Wortmanns "WM-Tagebuch", wenn man seinen Doku-Film "Deutschland. Ein Sommermärchen" schon gesehen hat? Weil es nicht noch Mal die gleiche, sondern eine zusätzliche Perspektive auf den wahrlich märchenhaften WM-Sommer bietet! Der Film hat Sönke Wortmann und mit seiner Kamera auch uns Zuschauer so nah an die Nationalmannschaft geführt, wie es niemand für möglich gehalten hätte. Hier schreibt er, was ihm dabei durch den Kopf gegangen ist. Der Film transportiert Stimmungen und Emotionen; das Buch ist so etwas wie der dazugehörige Kommentar - wenn man einen haben möchte. Er ist auf jeden Fall sehr gelungen, da nicht von oben herab erzählt. Wortmann, Jahrgang 1959, schreibt nämlich weniger wie der Filmemacher über sein Werk, sondern viel mehr wie ein Fußballfan, der selbst eigentlich nicht begreifen kann, WIE nah er der deutschen Nationalelf ist. Und dass er sich dabei wie ein kleiner Junge fühlt - denn die da, das waren schon immer "die Großen", und sind es für ihn irgendwie immer noch. Das macht ihn so sympathisch und glaubhaft und sein WM-Tagebuch so kurzweilig zu lesen: man kann jede Zeile, die er schreibt, nachfühlen. In 39 kleinen Kapiteln teilt es sich auf und fängt weit vor der WM an, im Juni 2006. Langsam entsteht die Idee für den Film; die Aussichten bleiben wegen nicht gerade berauschenden Feedbacks seitens der DFB-Verantwortlichen eher schlecht. Wortmann schildert, wie die Wende kam, wie er sich langsam an das Umfeld der deutschen Elite-Kicker gewöhnen durfte und was dabei in ihm vorging. Wir können nachempfinden, wie einige der Szenen zu Stande kamen, die wir aus dem Film kennen und was dem Mann hinter der Kamera dabei durch den Kopf geht: Klinsmanns Ansprache in der Kabine, die Interviews auf den Hotelzimmern und der Besuch der Bundeskanzlerin. Abseits dessen, was die Kamera für die Nachwelt konserviert hat, bekommen wir Eindrücke des abgeschotteten Lebens mitten in einem selten so Fußball-verrückten Deutschland. Wie wurden die Zeitungsmeldungen im Quartier der DFB-Elf aufgenommen? Welche täglichen "Rituale" haben die "einkasernierten" Fußballer entwickelt? Wie fühlte sich die Fußball-Euphorie im Land inmitten der Mannschaft an? Was stand auf Lehmanns Zettel? Wann musste die Kamera eigentlich aus bleiben; und wann hat Wortmann einfach vergessen, sie anzuschalten, um selbst mitjubeln zu können?
Wortmanns WM-Tagebuch ist ein Mix aus dem, was "zwischen den Szenen" passiert ist und dem, was man den Szenen IM Film nicht ansieht - ohne sie zu entmystifizieren. Eine gelungene Zugabe zum Film - leicht zu lesen, menschlich und nachfühlbar geschrieben, mit der richtigen Portion Witz - auch wenn es manchmal ernst gemeint ist:
"Meist gehen Tierfilmer so vor, dass sie während einer Eingewöhnungszeit der zu beobachtenden Spezies die Gelegenheit geben, ihre Anwesenheit und die der Kamera für einen Teil ihres Lebens zu halten."