Isabel Kreitz gehört nicht zufällig zu den namhaftesten deutschen Comic- bzw. Graphic-Novel-Zeichnern der Gegenwart; man denke nur an ihre
Graphic-Novel-Biographie über Richard Sorge. Dass sie hervorragend zeichnen kann -- wer sich einmal eines ihrer Werke angeschaut hat, erkennt sie an sofort unter Tausenden wieder -- und dass sie klare Linien mit verblüffendem Sinn für die entscheidenden Details kombiniert, das beweist sie auch mit diesem etwas anderen Buch über die deutsche Geschichte: Ereignisse, die ihrer Ansicht nach das Jahr prägten, von 1949 bis 2008. Den Anfang macht Thomas Manns Deutschland-Besuch nach dem Krieg -- ehrwürdiger geht's kaum.
Auf der linken Seite liest man einen Kurzkommentar zum Comic-kommentierten Datum, auf der gegenüberliegenden rechten Seite wird das Datum kurz erläutert. Der Dumont-Verlag hat hier nicht am falschen Ende gespart: Fadenbindung und festes, mattes Papier.
Einigen hier gewürdigten Zeitpunkten dürften die meisten Bürger schon damals ihre Bedeutung angemerkt haben, bei anderen hingegen spürten sie erst Jahre oder gar Jahrzehnte später die Wirkung. Siehe z.B. den hinterhältigen gezeichneten Kommentar zum ersten Supermarkt hierzulande anno 1949: Ein Comic-Strip, in dem anständige Hausfrauen beim Einkauf im anständigen Laden ihre Meinung loslassen, während sie an der Theke warten, bis sie drankommen. Was hingegen ein Jahr später das offizielle Ende der Lebensmittel-Rationierung bedeutete, dürfte damals auf Anhieb allen klargewesen sein... Ganz anders, feinfühliger, ist der Comic-Strip für 1955 konstruiert, in dem sie die Rückkehr der letzten Kriegsgefangenen thematisiert. Ohne Worte, aber mit viel Gespür für die völlig fremde Welt, in der sich die 10.000 vermutlich nach dem ersten Jubel wiedergefunden haben mussten.
Die Comics sind nicht nur für Kenner, sondern auch für Betrachter, die "einfach so" mal gucken wollen. Manchmal kommt die Erinnerung an fast Vergessenes angeschlichen -- und man vergisst schneller, als man glaubt. Die Comics sind zwar kurz, aber von einer Könnerin gezeichnet. Das merkt man auch daran, wie sie sich ihrem Thema nähern. Dem schleichen sie sich nämlich oft wunderbar hinterhältig an. Weit und breit keine Spur des momentan so beliebten Wühlens in tiefstmöglicher Bedeutungsinbrunst. Man schaue sich nur mal an, wie Kreitz den braven Bürger aufs Korn nimmt, wenn sie sich dem Datum 13.8.1961 widmet... Und wie sie möglicherweise mehr über damalige NS-Bewältigung andeutet als so manche pädagogisch aufbereitete Fernsehsendung, das zeigt ihr Comic, in dem ein Stammtisch Eichmanns Hinrichtung betrauert. Möglicherweise kommt sie hier der damaligen deutschen Befindlich- und Wirklichkeit näher, als uns heute lieb ist.
Manche Jahre sind sogar mit zwei Ereignissen vertreten, andere wiederum überhaupt nicht. Im allgemeinen gilt: Je näher die Gegenwart, desto größer die Sprünge. Manchmal wüsste ich auch gern Kreitz' Auswahlkriterien. Dass sie z.B. für das Jahr 1968 die Einführung der Mehrwertsteuer (gab's vorher tatsächlich nicht hierzulande!) festhält in einem witzigen Comic, und sonst nichts -- das macht mir durchaus Spaß, das hat Charakter. Dass das der Inhalt des Buches dann aber erst 1972 weitergeht, dass der Cartoonistin viele Ereignisse total entgangen sein müssen, die sogar mir damals als Kind in der Provinz nicht entgangen sind -- nun, das irritiert mich. Wohlgemerkt: Es geht mir nicht darum, dass meine Datums-Auswahl anders ausgesehen hätte. Das ist mir klar; jeder von uns hätte anderes ausgesucht. Aber manchmal frage ich mich schon, warum z.B. weder die Hamburger Flut noch das Grabenunglück in Lengede wichtig sind, warum Benno Ohnesorg unerwähnt bleibt oder warum der PLO-Terror anno 1972 in München fehlt (stets gäbe es ein konkretes Datum) -- um nur wenige Beispiele zu nennen. Mir fielen noch mehr ein, zumal wenn ich gleichzeitig grüble, inwiefern z.B. Mathias Rust und sein Moskau-Flug im nachhinein wichtig sein sollen. Wie gesagt: Leider sind das keine Einzelfälle. Sie weisen leider deutlich darauf hin, dass "Deutschland. Ein Bilderbuch" ein roter Faden fehlt, dass das hier ganz einfach ein thematisch willkürlicher Stapel zu sein scheint. Motto: "irgendwas".
Zeichnerisch ist "Deutschland. Ein Bilderbuch" erstklassig, die einzelnen Comic-Strips ebenfalls. Auch das Layout ist vom Feinsten. Thematischer Zusammenhang völlig verhaut. Ein gewissenhafter Lektor hätte mehr aus diesem Rohdiamanten gemacht.
4 oder 3 Sterne? 3 1/2 wären angemessen. Meine vier Sterne sind kein Ausdruck der Gnade, sondern Ausdruck der Hochachtung vor der Zeichenkunst von Isabel Kreitz.