Warum dürfen die Engländer "Right or wrong, my country ..." und die Franzosen "allons enfants de la patrie, le jour de glore est arrivee ..." singen und als Deutscher wird man schief angesehen, wenn man "Deutschland, Deutschland über alles ..." singt ? Ganz einfach: Weil 99,5% aller Interpreten nicht wissen wie die Strophe weitergeht und was es bedeutet: ...wenn es stets zu Schutz und Trutze brüderlich zusammenhält." Den Text, der auf so inhalttschwangere Weise zu deutschen Nationalhymne werden sollte, schrieb Hoffmann von Fallersleben als zum allerersten Mal Würtemberger neben Bayern, Rheinländer neben Sachsen und Hessen neben Holsteinern 1870/71 als "Deutsche" in die Schlacht gingen.
Fernau charakterisiert diese Nationalhymne als Ausdruck eines uns über Jahrhunderte von unseren "friedliebenden" europäischen Nachbarn anerzogenen Kleinmuts und unserer bescheidenen Sehnsucht, doch "bitte auch eine Nation sein zu dürfen".
Fernau polarisiert schon mit dem Titel des Buches, so viel ist mal klar. Wer jedoch den zeitgemäßen "politisch korrekten Reflex von Abscheu" vor dem Titel überwinden kann und anfängt zu lesen, der wird feststellen, daß sich Fernau in gewohnter Diktion mit Ironie, Sarkasmus und kritscher Distanz zu Anspruch und Wirklichkeit (manches volltönenden Namens oder Zeitalters) in der ihm eigenen Weise ins Benehmen setzt. Fernau wandelt bei seiner Betrachtung Deutschlands zwischen Liebe und Albtraum sicher auf historisch brüchigem Eis und in dunklen Wäldern, um in Zeiten schwindender und wankender Werte seinen Appell an den Mann bzw. die Frau zu bringen: Nicht alles ist schlecht nur weil irgendwo ausdrücklich "deutsch" draufsteht. Andere sind auch nicht besser, sie benehmen sich lediglich nicht so bescheuert wie wir.
Als ergänzende Leseempfehlung sei in erster Instanz unbedingt "Sprechen wir über Preußen ..." genannt; gleicher Tenor nur anderer Titel. Zu den "Vorzügen" der unbedingten Demokratie sei ergänzend "Rosen für Apoll" empfohlen. Da stellt Fernau nämlich auch fest, daß Völker - mit einem Touch von jovialem Mitleid - immer erst dann zur "Nation der Dichter und Denker" ernannt werden, "wenn sie bereits japsend auf dem Rücken liegen".
"Deutschland, Deutschland über alles ..." qualifiziert sich aufgrund weitgehend fehlender historisch genauer Daten kaum als Geschichtsbuch, als Orientierungshilfe für den zunehmend orientierungslosen Durchschnitts-Deutschen ist es hingegen unübertroffen. Ohne Zweifel eines von Fernaus besten Büchern, dem die tiefe Liebe und Zerrissenheit eines Vaterländers im eigenen Vaterland deutlich anzumerken ist.