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Deutsches Haus: Eine Einrichtungsfibel
 
 
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Deutsches Haus: Eine Einrichtungsfibel [Taschenbuch]

Peter Richter
3.4 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (9 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Pressestimmen

Peter Richter verfügt über einen "scharfen Blick, der die Präzision eines Gerichtsmediziners verbindet mit der zwanglosen Fröhlichkeit eines Zauberers". (Der Spiegel )

"Ironisch und rasant ist Peter Richters Sprache, voll detailliert-pointierter Beobachtungen und Erlebnisse." (Süddeutsche Zeitung )

"Auch in seinem Neuling 'Deutsches Haus' versteht es Richter, sich soziologischen Phänomenen höherer Gewichtsklasse mit klug-amüsanter Leichtigkeit zu nähern." (die Literarische Welt )

Kurzbeschreibung

„LEBST DU NOCH, ODER WOHNST DU SCHÖN?“

„Zeig mir wie Du wohnst, und ich sag Dir, wer Du bist“: Noch nie war das Zuhause ein derart wichtiger Teil der Selbstinszenierung, und noch nie gab es so viele Ratgeber, die einem dabei hineinreden wollen. Wie wir wohnen ist alles andere als unsere Privatangelegenheit. Im Gegenteil: Nichts spiegelt die Lage des Landes und die Lebenslügen seiner Bewohner zuverlässiger als die Einrichtungen der Deutschen. Es sind die öffentlichsten Bühnen, die es gibt. Und was da aufgeführt wird, sind absurde Dramen und groteske Komödien. Man weiß nicht, ob man lachen oder weinen soll, wenn man Peter Richter bei seiner Besichtigung des deutschen Wohnwahnsinns folgt. Denn den Kampf um seine Individualität kämpft jeder für sich, aber es stellen sich allen die gleichen Fragen: Kinderklinik oder ganzheitliche Geburtshütte? Miete oder Eigentum? Bis hin zu: Urne, Sarg oder Mausoleum?

Die Wohnung als Weltanschauung:

eine Besichtigung der deutschen Wohnwelten und Einrichtungsexzesse – klug, pointiert und komisch!



Klappentext

Peter Richter verfügt über einen "scharfen Blick, der die Präzision eines Gerichtsmediziners verbindet mit der zwanglosen Fröhlichkeit eines Zauberers".
Der Spiegel

"Ironisch und rasant ist Peter Richters Sprache, voll detailliert-pointierter Beobachtungen und Erlebnisse."
Süddeutsche Zeitung

"Auch in seinem Neuling 'Deutsches Haus' versteht es Richter, sich soziologischen Phänomenen höherer Gewichtsklasse mit klug-amüsanter Leichtigkeit zu nähern."
die Literarische Welt

Über den Autor

Peter Richter wurde 1973 in Dresden geboren. Er studierte Kunstgeschichte in Hamburg und Madrid und arbeitet als Redakteur im Feuilleton der »Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung«. Peter Richter lebt in Berlin. Nach »Blühende Landschaften« und »Deutsches Haus« ist dies sein drittes Sachbuch. Einem größeren Publikum ist Peter Richter auch bekannt durch seine Videokolumnen in der "Harald Schmidt Show" und auf faz.net.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

INHALT
| Das Problem | Das Geburtshaus | Die Kinderstube | Das Jugendzimmer | Wohnkarrieren | Der Umzug | Die Wohnlage | Männer und Frauen | Das Möbelhaus | Die Heimerziehung | Wohnen und Fernsehen | Die Kindergartentantenhaftigkeit der Moderne | Miete oder Eigentum | Wohnen im Alter | Das Sterbezimmer | Das Grab |


Gekränkter Hausbesitzer erschlägt Innenarchitektin. Weil der Innenarchitektin seine Einrichtung nicht gefiel, hat sich ein Südafrikaner tödlich beleidigt gefühlt. Aus Rache ermordete er die Frau mit einer Axt.
Johannesburg – Der 37-jährige Hausbesitzer José da Silva wurde schuldig gesprochen, seine Innenarchitektin Beatrice Harrowyn ermordet zu haben.
2001 hatte da Silva die zehn Jahre ältere Frau eingeladen, um ihr voller Stolz sein neues Haus in einer vornehmen Vorstadt von Johannesburg vorzuführen. Doch statt lobende Worte für das Dekor zu verlieren, kritisierte die Ausstatterin mit geübtem Blick die Inneneinrichtung – und traf damit da Silva an einer empfindlichen Stelle.
»Wir gingen durch das Haus, und ich sagte ihr, was ich alles wollte«, berichtete da Silva laut der Zeitung »Star«. »Sie machte keine netten Kommentare über mein Haus, deswegen ging ich in die Garage und holte die Axt. Sie erinnerte mich an einen alten Schullehrer, den ich sehr gehaßt habe.« Da Silva sagte aus, Stimmen in seinem Kopf hätten ihm befohlen, ein Serienmörder zu werden.
Spiegel Online, 16. Juni 2004.


Vorwort
Und so verläßt er die Höhle, fest entschlossen, durch seine Geschicklichkeit der Rücksichtslosigkeit und Unaufmerksamkeit der Natur abzuhelfen. Der Mensch will sich eine Unterkunft schaffen, die ihn schützt, ohne ihn zu begraben. Er wählt vier starke Äste aus, verbindet sie mit vier anderen, die er quer über sie legt. Darüber breitet er von zwei Seiten Äste, die sich schräg ansteigend in einem Punkt berühren, und bedeckt das so entstandene Dach mit Blättern, die vor Hitze und Regen schützen.
Marc-Antoine Laugier, Essai sur l’Architecture, 1753

Nur ein paar Jahrtausende, nachdem der Mensch also die Höhlen verlassen hat, um sich seine erste eigene Urhütte zu zimmern, sieht die Sache schon ganz anders aus: Aus den Baumstämmen sind Wände geworden, an der Innenseite der Wände hängen große flache Fernseher, und davor sitze ich. Ich sitze da, starre die Wand an und sehe: Wohnungen. Wohnungen. Wohnungen. Einrichtungsmagazine. Wohn-Shows. Deko-Soaps. Das erfolgreichste Fernsehformat der letzten Jahre. Es sind faktisch Horrorfilme, und sie handeln davon, wie der einzelne sich ins Private flüchtet – aber die Öffentlichkeit rückt gnadenlos hinterher und hält voll mit der Kamera drauf. Zu sehen sind: Wohnungen von völlig fremden Leuten, von Leuten, die es aufgegeben haben, die einfach nicht mehr weiterwissen. Sie hätte es auch gern endlich mal ein bißchen schön, sagt abgewirtschaftet die Frau, die dort wohnt, sie komme aber nicht dazu. Ganze Lebensläufe liegen da plötzlich vor einem, man kann in diesen Einrichtungsruinen lesen wie in einem offenen und leider leeren Sparbuch. Die Leute lassen die Hosen weiter herunter als in den schlimmsten Nachmittagstalkshows, zur Belohnung stellen einem die vom Fernsehen dafür aber auch eine komplett neue Einrichtung in die Wohnung. Schlichte, klare Formen, hell, zur Zeit meistens auch irgendwas in Orange, nächstes Jahr vermutlich dann in Gelb, und fast immer mit »Loungecharakter«. Vorher sah es aus wie bei jemandem zu Hause, nachher wie bei Ikea. Die Frau weint vor Freude. Ich weine auch. Aber vor Angst.
Ja, ich habe wirklich Angst vor solchen Sendungen und den Frauen, die sie moderieren, vor Sonya Kraus und vor Enie van de Meiklokjes und am allermeisten vor Tine Wittler. Tine Wittler ist angeblich genauso alt wie ich, könnte aber meine Mutter sein, sie benimmt sich jedenfalls so. Ihre physische Erscheinung muß man mit dem Wort durchsetzungsfähig beschreiben, und ihre Sendung trägt nicht ohne Grund den martialischen Namen »Einsatz in vier Wänden«. Tine Wittler ist eine Wohnmatrone, die mit einer ganz besonders großen Portion Mutterwitz durch das Abendprogramm walzt, Haustüren eintritt, keinen Stein auf dem anderen läßt. Nie war man in seinen eigenen vier Wänden weniger sicher als heute. Immer diese Angst, daß meine Nachbarn sich bei Tine Wittlers Sendung bewerben, und dann verwechselt die aber aus Versehen die Tür, es klingelt, ich ahne nichts Böses, und draußen steht plötzlich ein Fernsehteam, Kameralampen gehen an, der Ton läuft, ich werde durch den Flur geschubst, drehe mich um, sehe den Fernseher, sehe im Fernseher, wie sich jemand, der aussieht wie ich, nur schlechter, nach dem Fernseher umdreht und genau dort das gleiche noch einmal sieht, und zwar so lange, bis einem ganz schlecht wird vor lauter Rückkopplungen; daraufhin schiebt sich die Decotainment-Mutti ins Bild und sagt: »Hier wohnst du also« – und bei dem Wort »wohnen« malt sie mit den Fingern Gänsefüßchen in die Luft, daß es aussieht, als wolle sie ein ganzes Flugzeug voller Sarkasmus auf die Landebahn winken. Mit stummfilmhaft überdeutlich ausgedrücktem Entsetzen schaut sie in das, wofür ich Miete zahle: »Nun: Jaaaa«, sagt sie dann, »wie siehst du selbst denn das Problem?«
Es gebe, eigentlich, keines, sage ich.
»Nein?«, fragt mit einem belustigten Kiekser in der Stimme sie – und dann klingt sie wie jemand, der einem Kleinkind den Nuckel in den Mund zurückschiebt: »Kein Problem? Wir lösen es trotzdem!«
Einrichtungsexperten, Psychoanalytiker, Türkengangs – es ist immer das gleiche Schema:
Hast du ein Problem?
Nein.
Doch.
Nein.
Bumm.
Jedesmal brummt einem der Kopf hinterher mehr als vorher.
Und das liegt daran, daß es einen Spruch gibt, mit dem man einen Menschen genauso wirkungsvoll vor den Kopf schlagen kann wie mit einer Axt.
Dieser Spruch lautet:»Zeig mir deine Wohnung, und ich sage dir, wer du bist.«
Man kann es gar nicht dramatisch genug sagen: Dieser Satz ist für die moderne Wohnkultur, was in den antiken Mythen die Büchse der Pandora war. Seit er in der Welt ist, herrschen Unglück, Konfusion und Selbsthaß unter den Mietern. Und die Erfahrung zeigt, daß man besonders bei alleinstehenden Großstädtern jenseits der Dreißig mal besser alle spitzen Gegenstände aus ihrer Reichweite räumt, bevor man ihn auspackt, denn wo allenfalls an Brüsten und Nasen ähnlich verbissen herumgebastelt wird wie an der Außenwirkung der eigenen Biographie, kann es keine Freude sein, wenn man beim Öffnen der Wohnungstür einem Menschen gegenübertritt, der ganz offensichtlich ein noch größerer Versager ist, als draußen ohnehin schon alle glauben.
Denn was siehst du denn, wenn du in deine Wohnung hineinschaust wie in einen Spiegel? Biografische Geröllhalden. Windschiefe Konstruktionen aus gigantischen Ansprüchen, fehlenden Mitteln, Modeirrtümern und traurigen Kompromissen. Und das bist dann also du. Du bist: Das Billy-Regal, das alle haben. Und du bist: Das Teil von Alessi auf dem Billy-Regal, das alle haben, die auch mal etwas Besonderes wollten. Du bist: Sofa + Bett + Schrank + Fernseher + Eßtisch = Du bist das Existenzminimum, das nicht einmal ein Gerichtsvollzieher wegpfänden dürfte, sowie ein paar Urlaubsandenken.
Und falls jetzt jemand einwenden möchte, daß das doch immerhin schon mal eine ganze Menge sei, jedenfalls mehr, als die meisten sich jahrhundertelang für ihr Leben erhoffen durften, daß es ja wohl noch ein paar schlimmere Krisenherde auf der Erde gebe als die eigene Wohnung und daß man deswegen nicht gleich durchdrehen und mit der Axt herumfuchteln müsse: Nein! Das trifft, leider, nicht zu. In den Industriestaaten des Westens nicht, und in Deutschland schon gar nicht.
Es war der Maler Heinrich Zille, der gesagt hat, daß man einen Menschen mit einer Wohnung genauso erschlagen könne wie mit einer Axt. Und damit meinte er vor allem die tuberkulösen Wohnbedingungen in den Arbeitervierteln von Berlin, wo er,...

Auszug aus Deutsches Haus. Eine Einrichtungsfibel von Peter Richter. Copyright © 2006. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

INHALT
| Das Problem | Das Geburtshaus | Die Kinderstube | Das Jugendzimmer | Wohnkarrieren | Der Umzug | Die Wohnlage | Männer und Frauen | Das Möbelhaus | Die Heimerziehung | Wohnen und Fernsehen | Die Kindergartentantenhaftigkeit der Moderne | Miete oder Eigentum | Wohnen im Alter | Das Sterbezimmer | Das Grab |

Gekränkter Hausbesitzer erschlägt Innenarchitektin. Weil der Innenarchitektin seine Einrichtung nicht gefiel, hat sich ein Südafrikaner tödlich beleidigt gefühlt. Aus Rache ermordete er die Frau mit einer Axt.
Johannesburg - Der 37-jährige Hausbesitzer José da Silva wurde schuldig gesprochen, seine Innenarchitektin Beatrice Harrowyn ermordet zu haben.
2001 hatte da Silva die zehn Jahre ältere Frau eingeladen, um ihr voller Stolz sein neues Haus in einer vornehmen Vorstadt von Johannesburg vorzuführen. Doch statt lobende Worte für das Dekor zu verlieren, kritisierte die Ausstatterin mit geübtem Blick die Inneneinrichtung - und traf damit da Silva an einer empfindlichen Stelle.
»Wir gingen durch das Haus, und ich sagte ihr, was ich alles wollte«, berichtete da Silva laut der Zeitung »Star«. »Sie machte keine netten Kommentare über mein Haus, deswegen ging ich in die Garage und holte die Axt. Sie erinnerte mich an einen alten Schullehrer, den ich sehr gehaßt habe.« Da Silva sagte aus, Stimmen in seinem Kopf hätten ihm befohlen, ein Serienmörder zu werden.
Spiegel Online, 16. Juni 2004.

Vorwort
Und so verläßt er die Höhle, fest entschlossen, durch seine Geschicklichkeit der Rücksichtslosigkeit und Unaufmerksamkeit der Natur abzuhelfen. Der Mensch will sich eine Unterkunft schaffen, die ihn schützt, ohne ihn zu begraben. Er wählt vier starke Äste aus, verbindet sie mit vier anderen, die er quer über sie legt. Darüber breitet er von zwei Seiten Äste, die sich schräg ansteigend in einem Punkt berühren, und bedeckt das so entstandene Dach mit Blättern, die vor Hitze und Regen schützen.
Marc-Antoine Laugier, Essai sur l'Architecture, 1753

Nur ein paar Jahrtausende, nachdem der Mensch also die Höhlen verlassen hat, um sich seine erste eigene Urhütte zu zimmern, sieht die Sache schon ganz anders aus: Aus den Baumstämmen sind Wände geworden, an der Innenseite der Wände hängen große flache Fernseher, und davor sitze ich. Ich sitze da, starre die Wand an und sehe: Wohnungen. Wohnungen. Wohnungen. Einrichtungsmagazine. Wohn-Shows. Deko-Soaps. Das erfolgreichste Fernsehformat der letzten Jahre. Es sind faktisch Horrorfilme, und sie handeln davon, wie der einzelne sich ins Private flüchtet - aber die Öffentlichkeit rückt gnadenlos hinterher und hält voll mit der Kamera drauf. Zu sehen sind: Wohnungen von völlig fremden Leuten, von Leuten, die es aufgegeben haben, die einfach nicht mehr weiterwissen. Sie hätte es auch gern endlich mal ein bißchen schön, sagt abgewirtschaftet die Frau, die dort wohnt, sie komme aber nicht dazu. Ganze Lebensläufe liegen da plötzlich vor einem, man kann in diesen Einrichtungsruinen lesen wie in einem offenen und leider leeren Sparbuch. Die Leute lassen die Hosen weiter herunter als in den schlimmsten Nachmittagstalkshows, zur Belohnung stellen einem die vom Fernsehen dafür aber auch eine komplett neue Einrichtung in die Wohnung. Schlichte, klare Formen, hell, zur Zeit meistens auch irgendwas in Orange, nächstes Jahr vermutlich dann in Gelb, und fast immer mit »Loungecharakter«. Vorher sah es aus wie bei jemandem zu Hause, nachher wie bei Ikea. Die Frau weint vor Freude. Ich weine auch. Aber vor Angst.
Ja, ich habe wirklich Angst vor solchen Sendungen und den Frauen, die sie moderieren, vor Sonya Kraus und vor Enie van de Meiklokjes und am allermeisten vor Tine Wittler. Tine Wittler ist angeblich genauso alt wie ich, könnte aber meine Mutter sein, sie benimmt sich jedenfalls so. Ihre physische Erscheinung muß man mit dem Wort durchsetzungsfähig beschreiben, und ihre Sendung trägt nicht ohne Grund den martialischen Namen »Einsatz in vier Wänden«. Tine Wittler ist eine Wohnmatrone, die mit einer ganz besonders großen Portion Mutterwitz durch das Abendprogramm walzt, Haustüren eintritt, keinen Stein auf dem anderen läßt. Nie war man in seinen eigenen vier Wänden weniger sicher als heute. Immer diese Angst, daß meine Nachbarn sich bei Tine Wittlers Sendung bewerben, und dann verwechselt die aber aus Versehen die Tür, es klingelt, ich ahne nichts Böses, und draußen steht plötzlich ein Fernsehteam, Kameralampen gehen an, der Ton läuft, ich werde durch den Flur geschubst, drehe mich um, sehe den Fernseher, sehe im Fernseher, wie sich jemand, der aussieht wie ich, nur schlechter, nach dem Fernseher umdreht und genau dort das gleiche noch einmal sieht, und zwar so lange, bis einem ganz schlecht wird vor lauter Rückkopplungen; daraufhin schiebt sich die Decotainment-Mutti ins Bild und sagt: »Hier wohnst du also« - und bei dem Wort »wohnen« malt sie mit den Fingern Gänsefüßchen in die Luft, daß es aussieht, als wolle sie ein ganzes Flugzeug voller Sarkasmus auf die Landebahn winken. Mit stummfilmhaft überdeutlich ausgedrücktem Entsetzen schaut sie in das, wofür ich Miete zahle: »Nun: Jaaaa«, sagt sie dann, »wie siehst du selbst denn das Problem?«
Es gebe, eigentlich, keines, sage ich.
»Nein?«, fragt mit einem belustigten Kiekser in der Stimme sie - und dann klingt sie wie jemand, der einem Kleinkind den Nuckel in den Mund zurückschiebt: »Kein Problem? Wir lösen es trotzdem!«
Einrichtungsexperten, Psychoanalytiker, Türkengangs - es ist immer das gleiche Schema:
Hast du ein Problem?
Nein.
Doch.
Nein.
Bumm.
Jedesmal brummt einem der Kopf hinterher mehr als vorher.
Und das liegt daran, daß es einen Spruch gibt, mit dem man einen Menschen genauso wirkungsvoll vor den Kopf schlagen kann wie mit einer Axt.
Dieser Spruch lautet:»Zeig mir deine Wohnung, und ich sage dir, wer du bist.«
Man kann es gar nicht dramatisch genug sagen: Dieser Satz ist für die moderne Wohnkultur, was in den antiken Mythen die Büchse der Pandora war. Seit er in der Welt ist, herrschen Unglück, Konfusion und Selbsthaß unter den Mietern. Und die Erfahrung zeigt, daß man besonders bei alleinstehenden Großstädtern jenseits der Dreißig mal besser alle spitzen Gegenstände aus ihrer Reichweite räumt, bevor man ihn auspackt, denn wo allenfalls an Brüsten und Nasen ähnlich verbissen herumgebastelt wird wie an der Außenwirkung der eigenen Biographie, kann es keine Freude sein, wenn man beim Öffnen der Wohnungstür einem Menschen gegenübertritt, der ganz offensichtlich ein noch größerer Versager ist, als draußen ohnehin schon alle glauben.
Denn was siehst du denn, wenn du in deine Wohnung hineinschaust wie in einen Spiegel? Biografische Geröllhalden. Windschiefe Konstruktionen aus gigantischen Ansprüchen, fehlenden Mitteln, Modeirrtümern und traurigen Kompromissen. Und das bist dann also du. Du bist: Das Billy-Regal, das alle haben. Und du bist: Das Teil von Alessi auf dem Billy-Regal, das alle haben, die auch mal etwas Besonderes wollten. Du bist: Sofa + Bett + Schrank + Fernseher + Eßtisch = Du bist das Existenzminimum, das nicht einmal ein Gerichtsvollzieher wegpfänden dürfte, sowie ein paar Urlaubsandenken.
Und falls jetzt jemand einwenden möchte, daß das doch immerhin schon mal eine ganze Menge sei, jedenfalls mehr, als die meisten sich jahrhundertelang für ihr Leben erhoffen durften, daß es ja wohl noch ein paar schlimmere Krisenherde auf der Erde gebe als die eigene Wohnung und daß man deswegen nicht gleich durchdrehen und mit der Axt herumfuchteln müsse: Nein! Das trifft, leider, nicht zu. In den Industriestaaten des Westens nicht, und in Deutschland schon gar nicht.
Es war der Maler Heinrich Zille, der gesagt hat, daß man einen Menschen mit einer Wohnung genauso erschlagen könne wie mit einer Axt. Und damit meinte er vor allem die tuberkulösen Wohnbedingungen in den Arbeitervierteln von Berlin, wo er, Zille, die vielen dicken Proletarierinnenhintern gemalt hat, die da aus den Souterrains immer so dekorativ ins Bild ragten. Wenn man aber mal in Betracht zieht, daß in denselben Souterrains heute Retromöbel und Designer-Lampen verkauft werden, während die Leute dort über die Schwierigkeiten mit der Möblierung ihres Selbstbildes noch viel erbarmungswürdiger dreinschauen als alle Lumpenproletarier auf allen Zillebildern zusammen: Dann weist das nicht nur ziemlich eindeutig darauf hin, daß in der Zwischenzeit eine ganze Menge passiert sein muß - es ist vielmehr sogar so, daß im Grunde kaum etwas anderes passiert ist.
Vielleicht lag Friedrich Engels gar nicht so falsch, als er 1872 die »Wohnungsfrage« gewissermaßen zum eigentlichen Kernthema der Weltgeschichte erklärt hat; und seine These, daß eine wirkliche Lösung dieser Frage nur mit dem Anbruch des Kommunismus zusammenfallen könne, die ist zumindest bis heute nicht widerlegt. Im Gegenteil, vielleicht muß man vorläufig auch das Ziel einer umfassenden Wohnzufriedenheit als eine Utopie begreifen, der man einfach nicht näherkommt, egal über wie viele Leichen man geht.
Wenn auch beim Wohnen der Fortschritt ein Wind ist, der vom Paradies her weht, dann müßte zunächst einmal von den biblischen Strafgerichten der Restauration geredet werden, von dem Moment, als aus Mann und Weib Familienvater und Hausfrau gemacht wurden, und davon, daß der Unterschied zwischen »bürgerlichen« und »sozialistischen« Vorstellungen von der richtigen Art zu leben von Engels bis heute immer noch am zuverlässigsten anhand der jeweiligen Wohnkonzeptionen deutlich wird. Von der ungerechten Rolle, die das Wohneigentum im Wahlrecht des deutschen Kaiserreichs spielte, müßte gesprochen werden und von der sogenannten »Hauszinssteuer«, die vielleicht das Revolutionärste war, was die Weimarer Republik zu bieten hatte, und natürlich davon, was aus diesen Finanzmitteln wurde und was uns von den berühmten zwanziger Jahren im wesentlichen geblieben ist, nämlich Wohnsiedlungen und Siedlungswohnungen. Wenn man also wie ein Benjaminscher Engel der Geschichte rückwärts durch das Entsetzen flöge, würde man die verwaisten Zimmer der Deportierten zu Gesicht bekommen, und wie sich das Volk ohne Wohnraum breitmacht, und wie sich die britischen Bomber dann vor allem dessen Wohnviertel vornehmen. Danach kämen Trümmerfrauen ins Bild. Und Kräne. Und die Bauarbeiter von der Stalinallee am 17. Juni 53. Und ein Land, das den seltsam eschatologischen Beschluß faßt, die alte Engelssche Wohnungsfrage »als soziales Problem bis 1990« zu lösen. Ein Land, das erst von einem gelernten Tischler regiert wurde und dann von einem Dachdecker. Selten hat sich ein Staat so verzweifelt über die Unterbringung seiner Bürger zu legitimieren versucht wie die DDR mit ihrem wahnwitzigen Wohnungsbauprogramm, und selten ist einer so tragisch daran gescheitert. Die Massen an Plattenbauwohnungen, die über Deutschlands Osten gekübelt wurden, hatten einen Mangel beseitigen sollen und standen am Ende selber als Inbild des Mangels da. Und daß die sozialen Bedürfnisse nicht befriedigt werden können, ohne sofort neue, eher psychische zu wecken, wird vielleicht nirgends greifbarer als in der hilflosen Vertröstung »Erst jedem eine Wohnung, dann jedem seine Wohnung.« Mit den Folgen muß sich heute ein anderer Staat herumschlagen, und das wiederum liegt an einem Ereignis, zu dem es letztlich ja auch vor allem infolge sehr vieler Wohnungsumzüge zwischen Ost und West gekommen war. Daß einige besonders kluge Leute das gleich als »Ende der Geschichte« bejubelt haben, heißt aber noch lange nicht, daß damit auch die Wohnungsfrage schon vom Tisch wäre. Wohinein fließen denn ganz beträchtliche Teile der Aufbau-Ost-Milliarden? Und worum genau geht es noch mal, wenn von schrumpfenden Städten die Rede ist? Und von Eigenheimzulagen, Pendlerpauschalen, privater Altersversorgung, anrechenbarem Vermögen usw. usf.?
Wohnungen, Wohnungen, Wohnungen, Wohnungen.
Deutsche Politik ist seit über hundert Jahren im wesentlichen Wohnungspolitik. Es gibt zwischen Arbeitsmarkt, Energiekrise, innerer Sicherheit und Rente praktisch kein Thema, das nicht irgendwie auch mit der eigenen Wohnung zu tun hätte. Und wenn nach so vielen Jahren und so vielen Anstrengungen alles immer nur besser, aber nichts endlich auch einmal gut geworden ist, dann weist das sehr eindringlich darauf hin, daß das Wohnen eines jener selbsterhaltenden Probleme ist, die nie gelöst, sondern immer nur auf neue Niveaus gehoben und unendlich verfeinert werden.
Noch nie haben die Deutschen, oder zumindest die Westdeutschen, soviel Platz für sich selbst gehabt wie heute. Durchschnittlich vierzig Quadratmeter pro Kopf. Vor ein paar Jahrzehnten mußten sich noch ganze Großfamilien den Raum teilen, den heute im Schnitt jeder einzelne hat, fast alle anderen Europäer verfügen über weniger Quadratmeter an Privatsphäre. Alles ist über die Jahre immer größer, hygienischer oder sonstwie besser geworden, und der Wert der Wohnungsausstattung ist dabei sogar sprunghaft angestiegen: Deutsche Wohnungen sind heute Geldspeicher; wenn man den Zahlen der Wohnsoziologen glaubt, müßte man sich den Durchschnitts-Mieter als einen Dagobert Duck vorstellen, der seine von Verlustangst gepeinigten Nerven pausenlos in den angesammelten Werten seiner Wohnung badet. Tatsächlich trägt aber die Wohnung zu diesen Verlustängsten schon dadurch selber bei, daß sie das ist, wofür die meisten Menschen das meiste Geld ausgeben müssen. Trotz der vielen sozialpolitischen Gewaltanstrengungen hat sich in all diesen Jahren an einem Sachverhalt nichts geändert, der schon 1868 von einem Berliner Statistiker mit dem Namen Hermann Schwabe formuliert worden ist und seitdem als Schwabesches Gesetz durch alle privaten Haushaltspläne spukt: Je ärmer jemand ist, desto größer ist die Summe, die er im Verhältnis zu seinem Einkommen für die Wohnung ausgeben muß.
Es wäre natürlich schön, wenn diese Wohnung einen dann auch wirklich für die Strapazen entschädigen würde, die man an seinem Arbeitsplatz ihretwegen auf sich nimmt. Wie üblich beißt sich da aber die Katze mal wieder in den eigenen Schwanz, weil ein gelungenes und glückliches Wohnen nach dem Vorbild von Einrichtungszeitschriften, Prominenten-Homestorys und Fernsehfilmen, wie die Soziologen Harald Häußermann und Walter Siebel einmal lakonisch festgestellt haben, sowohl sehr viel Geld als auch sehr viel Freizeit erfordert. Die Tragik einer Erwerbstätigengesellschaft wie der unseren, möchte man ergänzen, besteht aber nun mal leider darin, daß die meisten nur entweder das eine oder das andere haben: Wer sich eine teure Wohnung leistet, muß dafür dermaßen viel arbeiten, daß er kaum noch nach Hause kommt, und wer arbeitslos ist, hat kein Geld für eine schöne Wohnung.
Und wer diese Probleme nicht mehr hat, hat dafür andere: Wenn man aus dem Gröbsten raus ist, beginnt nämlich mehr oder weniger automatisch schon der Ärger mit den Feinheiten. Nachdem die Grundversorgung geklärt ist, muß das Ich möbliert werden, und es sieht ganz so aus, als müßte jeder einzelne in seiner Wohnkarriere unter Schmerzen noch einmal nachvollziehen, wofür die Geschichte des Wohnens Jahrhunderte gebraucht hat. Es ist offenbar ein bißchen so wie mit der Phylound der Ontogenese in der Biologie, und der Moment, wenn jemand zum ersten Mal im Möbelmarkt vor der Frage steht, wie denn jetzt bitte eigentlich sein ganz persönlicher Wohnstil aussehen müßte, der entspricht dabei jenem historischen Augenblick, als im Wohnen der Zunftzwang fiel.
Bis ins neunzehnte Jahrhundert hinein hatte man es sich nämlich gar nicht aussuchen können. Wie man zu wohnen hatte war schon durch den sozialen Stand unentrinnbar festgeschrieben. Bei den Bauern, Handwerkern und Arbeitern war das durch die Arbeitsabläufe und die Armut ziemlich eindeutig geregelt und bei Aristokraten durch Etikette. Es sind die bürgerlichen Wohnungen gewesen, wo das dann anfing mit dem Anspruch, sich in seinem Zuhause selbst zu erkennen, zu spiegeln, zu definieren. Und wie immer, wenn jemand in die Freiheit entlassen wird, fehlte es nicht an Leuten, die ihm sagen wollten, was er damit anzufangen habe, die ihm bei der Gestaltung seiner selbst unter die Arme greifen wollten und für schlechte Laune und schlechtes Gewissen sorgten. Mit der Freiheit kamen wie üblich auch die Unsicherheit und die Angst und die Sehnsucht nach klaren, orientierenden Worten. Erst in dem Moment, als das Wohnen endlich als Privatangelegenheit und ganz persönliche Geschmackssache galt, wurde ein öffentliches Thema daraus, und das war auch der Zeitpunkt, als mit großem Gedonner eine völlig neue publizistische Gattung auf den Markt gerollt kam, die bis heute ganze Regalmeter in den Buchgeschäften und Zeitungskiosken füllt: die Wohnratgeber und Einrichtungsfibeln.
Seitdem ist das moderne Wohnen eine hochgradig paradoxe Veranstaltung, was man unter anderem schon an den Formulierungen erkennen kann, mit denen der Verband der deutschen Möbelindustrie für seine Belange wirbt, zum Beispiel: »Massentrend Individualität«.Das klingt nicht ganz zufällig nach dem sogenannten Paradox der Mode, das vor ziemlich genau hundert Jahren schon von Leuten wie Georg Simmel mehr oder weniger fasziniert bestaunt wurde; es ist tatsächlich so, daß das Wohnen inzwischen zu einer ähnlich wichtigen Waffe in den sozialen Distinktionskämpfen geworden ist wie die Mode. Die Leute wollen nicht nur angezogen sein, sie wollen nach Möglichkeit modisch angezogen sein und ihrem Typ entsprechend. Genau das gleiche hat Elisabeth Noelle-Neumann, die Queen Mom des deutschen Umfragewesens, in den siebziger Jahren auch von der Wohnfront melden können: Die Nachkriegszeiten, in denen die Leute schon froh waren, wenn sie überhaupt ein Dach über dem Kopf hatten, waren definitiv vorbei, jetzt kam es darauf an, sich durch die Einrichtung von den anderen zu unterscheiden. Allerspätestens seit diesem Zeitpunkt kann leider auch keiner mehr behaupten, das ginge ihn alles nichts an. Wer nämlich der Ansicht ist, daß ihm das Maklergesülze von den gehobenen und den weniger feinen Wohnlagen egal sein könne und daß er dann doch lieber da wohne, wo es billig ist: Der wird sich unter Umständen wundern, wenn er mal einen Bankkredit beantragt und nicht bekommt, weil die SCHUFA, die Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung, die den Banken und Mobilfunkfirmen zuflüstert, wen sie für solvent und zuverlässig hält und wen nicht, ihre Kunden gnadenlos auch nach deren Wohnlage beurteilt. Schon die falsche Straßenseite kann einen da zum Loser machen. Und wer meint, daß die ganzen Verfeinerungszwänge und Dekorationsexzesse, von denen in den Wohnzeitschriften ständig die Rede ist, nur für hysterische Wohnschwuchteln relevant seien, die sich aufführen wie Jean des Esseintes, der dandyhafte Held aus Huysmans' »Gegen den Strich«, und ihre Wohnungen zu ästhetizistischen Bollwerken gegen die Verkommenheit ihrer Umwelt ausbauen, wer also so wahnsinnig ist anzunehmen, wenigstens daheim könne man die Dinge schleifen lassen ...

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