Dieses Buches wurde eigentlich für Christen geschrieben, die überzeugt sind, dass es wichtig ist, für Situation in unserer Gesellschaft zu beten. Aber es ist auch spannend für alle, die nach Neuansätzen für eine Interpretation der deutschen Geschichte aus christlicher Perspektive suchen.
Dementsprechend gibt das Buch einerseits eine Menge Anregungen, wie man für Deutschland beten kann. Andererseits besteht der große Verdienst dieses Buches darin, dass die Autoren mit mutiger Entschlossenheit eine völlig neue Perspektive in die Geschichtsbetrachtung einführen: Wie sieht Gott die geschichtlichen Abläufe? Wie bewertet er z. B. bestimmte philosophische Glanzleistungen oder staatsmännisches Geschick?
Überraschungen sind vorprogrammiert: Im Vergleich zur herkömmlichen Geschichtsinterpretation ergeben sich aufgrund dieser Fragestellung ganz neue Wertungen; so wird z. B. für manchen die Kritik an den negativen Einflüssen Goethes auf die deutsche Geistesgeschichte oder an problematischen Entscheidungen Luthers überraschend sein.
Das Buch hilft dabei, ein neues "Denken nach dem Willen Gottes" einzuüben, herkömmliche Beurteilungen oder gar Vergötzungen kritisch zu hinterfragen und nach Gottes Gedanken zu forschen. Hier tauchen naturgemäß Schwierigkeiten auf: Interpretationen, wie die Geschichte aus Gottes Perspektive zu sehen sei, müssen mit manchen Vorläufigkeiten auskommen, wenn sie von Menschen gemacht werden. Vielleicht hätten die Autoren deutlicher zum Ausdruck bringen sollen, dass manches auch ganz anders gedeutet werden könnte und dass die Schlussfolgerungen nicht immer zwingend sind, sondern stark vom Werdegang und theologischen Standpunkt des jeweiligen Autors geprägt sind. Im Vorwort wird erwähnt, dass man eine gewisse "Einseitigkeit" dieser Darstellung bewusst in Kauf nehmen wolle, damit eine geschichtsbewusste Fürbitte und ein Neuansatz in der Geschichtsbeurteilung möglich werden. Wer diese Einseitigkeit bei der Lektüre mit bedenkt, kann wertvolle Impulse für die Fürbitte (das eigentliche Ziel des Buches) und Denkanstöße für die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und Gegenwart gewinnen.
Durch Bibeltexte begründet W. Margies im Einführungskapitel die Denkvoraussetzungen, die der Analyse und der Nennung von Gebetsanliegen im Buch zu Grunde liegen (z. B. den Ansatz, dass stellvertretende Buße für die Schuld der Vorfahren möglich und nötig sei). Manche Schlussfolgerungen im Buch sind schwer nachvollziehbar oder setzen bestimmte Hypothesen über geistliche Zusammenhänge voraus. Auch ist die Qualität der einzelnen Kapitel, die eine Fülle von Material in gelungener Auswahl bieten, recht unterschiedlich. Deshalb sollte man diejenigen Schlussfolgerungen und Fürbitteanliegen, die man so nicht übernehmen kann, durch eigene Überlegungen oder differenzierende Gedanken ergänzen. Als horizonterweiternder Anstoß zum Gebet und als mutiger Diskussionsbeitrag, wie eine Neuinterpretation der Geschichte aussehen könnte, ist das Buch jedenfalls zu empfehlen.
Leserkreis: Christen mit Interesse an Fürbitte für Deutschland, an der deutschen Vergangenheit und an den geistigen Grundlagen unserer heutigen Gesellschaft
Rolf-Dieter Braun