"Wer den Frieden in der Welt haben will, der muß auch bereit sein, dafür etwas zu geben!"
Mit diesem Satz endet dieses 470 Seiten* starke erste Buch der Trilogie politischer Erinnerungen von Helmut Schmidt. Während die meisten seiner bisher zirka 40 Buch-Veröffentlichungen (Stand Ende 2011) konkreten Themen zugewandt sind, in denen sich Erinnerungen, Einschätzungen und Analysen der gegenwärtigen Situation und daraus abgeleitete Prognosen und Handlungs-Empfehlungen für die Zukunft finden, legte er 1987 mit "Menschen und Mächte" den ersten Band seiner politischen Erinnerungen vor.
Politische Erinnerungen ist nicht gleichzusetzen mit Autobiographie! Eine Autobiographie im herkömmlichen Sinne der ganzheitlichen Selbstbespiegelung gibt es von Helmut Schmidt nicht, wird es auch nicht geben. Das müssen Biographen übernehmen.
Diese Haltung hielt Schmidt erfreulicherweise aber nicht davon ab, zumindest Erinnerungen an besondere und hervorhebenswerte Situationen und Begegnungen seines öffentlichen politischen Lebens niederzuschreiben. So gewinnt der Leser sehr gute Einblicke hinter die Kulissen von Gipfeltreffen auf höchster politischer internationaler Ebene, von Verläufen kritischer Situationen, die Mühsal mit oft allzu menschlichen Befindlichkeiten auch in höchsten Regierungskreisen, aber auch von humorvollen Albernheiten zwischen Staats-Chefs.
In "Menschen und Mächte" konzentriert sich Schmidt auf Begebenheiten mit den Weltmächten USA, Sowjetunion und China. Letzteres so zu betrachten war 1987 noch keineswegs selbstverständlich! Schmidt berichtet hintergründig, pointiert und aufschlussreich über sein persönliches Verhältnis zu den US-Präsidenten Nixon/Ford/Carter/Reagen, zu Sowjet-Präsident Breschnew und Chinas Führern Mao Zedong und Deng Xiaoping, sowie wichtigen Regierungsmitgliedern der jeweiligen Administrationen wie Henry Kissinger, George Shultz oder Gromyko usw., über die Vorzüge und Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit, über gelungenes und vergebene Chancen.
Worum es auch geht, Schmidt schildert gleichsam sachlich und spannend, hebt sich selbst nie in den Vordergrund, selbst dann nicht, wenn es um Entwicklungen geht die er forciert hat, um Entscheidungen geht, die ohne ihn undenkbar gewesen wären. Der Leser wird es, so er es nicht aus anderen Quellen weiß, am Sprach-Modus nicht herauslesen.
Das stellt den größten und auch angenehmsten Kontrast zu vielen anderen Politiker-Erinnerungen dar. Liest man beispielsweise in den mehrbändigen Politischen Erinnerungen von Helmut Kohl, so wird einem (unangenehm) auffallen, dass penetrant häufig Formulierung wie "ich habe... / durch mich.../ Aufgrund meiner Anregung... Ich, ich, ich, mir und mein und wieder ich" auftauchen.
So nicht bei Schmidt! Nicht eine Zeile lang entsteht der Eindruck, hier würde jemand an seinem eigenen Denkmal meißeln.
"Menschen und Mächte" beleuchtet die fernen, mächtigen internationalen Partner in der Sowjetunion - 135 Seiten, den USA - 180 Seiten, China - 80 Seien und abschließend 20 Seiten über Japan und seine Präsidenten Takeo Fukuda und Nakasone.
Drei Jahre später, 1990, im zweiten Band "Deutschland und seine Nachbarn" schildert Schmidt Erlebtes in Europa und mit europäischen Spitzen-Leuten. Abgeschlossen wurde diese Trilogie 1996 mit "Weggefährten", wo es rundum um Menschen geht, mit denen Helmut
Schmidt besonderes verbindet.
Ganz deutlich und glaubhaft tritt in allen drei autobiographischen Bänden hervor, dass Schmidt zwar von Begebenheiten und Erlebnissen aus seinem Leben erzählt, sich selbst aber nicht in den Mittelpunkt des Geschilderten rückt.
Selbst bei diesen autobiografischen Schriften, geht es ihm weniger um die eigene Person oder bestmögliche Selbstdarstellung, viel mehr um das Mahnen zur Vernunft, zum entschlossenen und verantwortungsvollen Handeln für Stabilität und den nur daraus folgend möglichen Frieden.
In dem ihm eigenen rhetorischen Stil beschreibt Schmidt erzählerisch spannend selbst hochkomplexe politische Vorgänge und führt den Leser zu der Einsicht, daß wie auch auf jeder anderen gesellschaftlichen Ebene, auch und gerade zwischen großen Mächten und Weltmächten, Meinungsverschiedenheiten und Gefahrenpotentiale besser zu bewältigen, einzudämmen oder sogar auflösbar sind, wenn die Akteure möglichst oft und möglichst direkt miteinander reden. Der vertrauensvolle Umgang miteinander und die Gewißheit von Verläßlichkeit des Gegenübers, wiegen unendlich viel mehr, als ideologischer Aktionismus. Die andere Seite zu kennen und zu verstehen, ist gegenseitig unerläßlich für die Wahrung des Friedens. Nur der Wille zum fairen Kompromiß löst Gefahren auf, nicht das betonierte Beharren auf den eigenen Standpunkt.
Bücher von Helmut Schmidt erreichten alle sehr hohe Auflagen, "Menschen und Mächte" zählt mit bisher über 800.000 verkauften Exemplaren allein Deutschland (hinzu kommen übersetzte Auslands-Auflagen) zu seinen absoluten Bestsellern - zurecht!
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* Die abweichende Seitenzahl von 544 Seiten der 2011 erschienenen broschierten Neuauflage im Pantheon Verlag, zu 470 Seiten der originalen gebundenen Ausgabe von 1987 bei Siedler, sowie einiger Lizensdrucke und Taschenbuch-Ausgaben, begründet sich lediglich durch ein anderes Seitenformat. Inhaltlich ist diese Ausgabe 2011 nicht verändert oder ergänzt.