Die hilfreichsten Kundenrezensionen
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13 von 14 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Streifzug durch die Mythengeschichte, 2. Mai 2009
Ein Streifzug durch die deutsche Mythengeschichte, profund geschrieben und trotzdem spannend zu lesen, deshalb absolut empfehlenswert. Münkler gliedert in fünf Großkapitel: "Nationalmythen" (Barbarossa, Nibelungen, Faust), "Kampf gegen Rom" (Tacitus, Hermannschlacht, Luther, Canossa), "Preußische Mythen" (u.a. Friedrich der Große, Königin Luise, Hitlerattentat), "Burgen und Städte" (Wartburg, Weimar, Nürnberg/Dresden, Rhein) und "Politische Mythen nach dem Zweiten Weltkrieg". Interessant dabei, wie ein "mythischer Kern" im Laufe der Geschichte immer wieder umerzählt und den jeweiligen politischen Verhältnissen entsprechend neu interpretiert wurde, wie Mythen miteinander verknüpft wurden (etwa die Arminius- mit der Siegfried-Legende), in Vergessenheit gerieten und wiederbelebt wurden. Im Mittelpunkt steht dabei immer wieder die mythentrunkene Zeit des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, Kulminations- und Endpunkt vieler Mythengeschichten schließlich das Kriegsende 1945. Besonders spannend und erhellend fand ich die Kapitel über den Mythos "Faust" und seine Wandlungen, über die Weimarer Klassik und die Gründungsmythen der DDR. Dürftig allerdings die Mythenlandschaft der Bundesrepublik: statt "mythischer Großerzählungen": Wirtschaftswunder, Autos, Fußball, - war da noch was? Sicher, die Wiedervereinigung hat mythisches Potential, doch hier muss sich die "Arbeit am Mythos" (Blumenberg) noch gestalten. Münkler betont die Wichtigkeit von Mythen für die politische Kultur, stattdessen herrscht ein emotionales Vakuum, das von kurzlebigen Kampagnen ("Mehr Demokratie wagen", "Du bist Deutschland") und Parolen ("Wir sind Papst") kaum kompensiert werden kann. Denn eine Sehnsucht nach Mythen ist unverkennbar, doch darin liegt auch eine Gefahr: die Beschwörung unseliger Geister der Vergangenheit. Ein Kapitel hat Münkler nämlich ausgespart (auch wenn er in fast jedem Kapitel darauf zu sprechen kommt), das alle Voraussetzungen erfüllt, zum Mythos zu werden: das "Dritte Reich". Hier gibt es "narrative Variation" in Hülle und Fülle, wie die Flut an Veröffentlichungen zeigt, "ikonische Verdichtung" auf wenige Führergestalten und Ereignisse sowieso, auch "rituelle Inszenierung" durch die wiederkehrende Aufarbeitung zu Jahrestagen ("Machtergreifung", "Kriegsausbruch", "Untergang"), dazu eine große Ambivalenz, die vielen Mythen eignet, eine Mischung aus Faszination und Abscheu. Ein negativer Mythos, gewiss, aber gerade Münklers Buch zeigt, wie oft in der Geschichte Mythen umgedeutet wurden.
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17 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Ein tolles Sachbuch - nicht nur für Historiker oder Politikwissenschaftler, 29. Mai 2009
Auf gut 500 Seiten schreibt Herfried Münkler in fünf Hauptkapiteln
- Nationalmythen
- Ein Kampf gegen Rom
- Preußenmythos und preußische Mythen
- Burgen und Städte
- Politische Mythen nach dem Zweiten Weltkrieg
über die deutsche Geschichte vor dem Hintergrund ihrer Mythen. Dabei identifiziert er die Bundesrepublik zunächst als symbolarmen Staat, was in der alten westdeutschen Republik durch den Provisoriumscharakter des Grundgesetzes sowie der Bundeshauptstadt zusätzlich erleichtert wurde. Wenn es überhaupt so etwas wie Mythen gab, beschränkten sie sich auf das Wirtschaftswunder oder die Weltgeltung deutscher Produkte.
Auf diesen Vorbemerkungen aufbauend geht Münkler systematisch, intelligent und sprachlich ansprechend vor und setzt mit dem Beginn der krampfhaften Suche nach Mythen im Zuge der deutschen Nationalbewegung am Anfang des 19. Jahrhunderts ein, die vorläufig in der "Verdenkmalung" nach der Reichsgründung 1871 gipfelte.
Um einen zentralen Aspekt des Buches zu verdeutlichen, soll hier der Autor selbst zu Wort kommen:
"Unabhängig von der Frage, ob politische Mythen eine befreiende oder einengende Wirkung haben, tragen sie zur Ausgestaltung eines kollektiven Gedächtnisses bei, das für die Identität politischer Gemeinschaften von zentraler Bedeutung ist. Auf diese Weise formen sie das Selbstbild von Kollektiven, werden politisch handlungsleitend und haben orientierende Funktion."
Besonders erhellend sind Münklers anschauliche Erklärungen wie aus einfachen historischen Erzählungen (Nibelungen), historischen Personen (Barbarossa) oder literarischen Figuren (Faust) Mythen wurden.
Diesem Buch kann man nur eine große Leserschaft wünschen. Thematisch und inhaltlich hätte es das allemal verdient.
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8 von 11 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Eine Gesellschaft ohne Mythen, 15. Mai 2009
MÜNKLER stellt zu Recht fest, dass die Gesellschaft Deutschlands heutzutage ziemlich mythenfrei ist. Besucht man Einheimische in Frankreich, Italien und den USA oder sonst wo, wird man sehr schnell feststellen, dass es dort anders ist. Oder können sie sich vorstellen, dass in jedem Rathaus eine Büste von Heidi KLUM als Germania herumsteht wie die Marianne in Frankreich. Diese Mythenlosigkeit ist natürlich, angesichts des mythenbeladenen blutgetränkten deutschen Nationalismus erstmal sehr begrüßenswert, wobei sich MÜNKLER nicht zu einer eindeutigen Haltung durchringen kann. Aber es lohnt sich doch allemal einen Überblick zu verschaffen, über Barbarossa, Hermann, Siegfried, Luther, der alter Fritz und noch vieles mehr. Es werden auch Themen behandelt, die einem nicht sofort einfallen, Wie der Mythos vom Alten Rhein", der Mythos Dresden" und Nürnberg". In der Zeit vor dem Nationalismus war die Sicht auf die alte Geschichten, Sagen und Überlieferungen viel differenzierter und anschlussfähiger. So konnte der Preußenkönig Fritz noch die Nibelungen verdammen und die Franzosen Arminius als einen Helden der Befreiung feiern. Erst im Nationalismus des 19 Jahrhunderts bekam der Mythos seine aggressive eliminatorische Ausrichtung. Der Bezug auf Heinrich Heine als Mythenkenner und Mythenzertrümmerer ist erhellend. In dem Buch nun werden auch die vielen Verbindungen deutlich, die durch die Mythen gewoben wurden. So wurde im Kulturkampf gegen die katholische Kirche Ende des 19. Jahrhunderts Luther und Hermann vereinnahmt, schließlich waren sie beide gegen Rom. Als moderne Mythenbildung wird der staatliche verordnete Antifaschismus der DDR beschrieben, der auch merkwürdige Anleihen an frühere Mythen nahm, wie an Arminius, Luther (besonders die späte DDR) und der deutschen Klassik. Als westdeutscher Mythos wird das Wirtschaftswunder beschrieben. So glauben noch etliche der Mär, dass jeder Deutsche 1948 mit nur 40 DM angefangen hat und wer heute eben mehr hat, eben tüchtiger war...Da Buch ist anspruchsvoll und gut geschrieben. Zur Recht hat es den Sachbuchpreis der Buchmesse Leipzig erhalten. Deutlich wird, dass der Autor angesichts der Fülle an Material manches nur sehr kurz anreißen konnte. Dann wird's etwas holprig.
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