Ein Streifzug durch die deutsche Mythengeschichte, profund geschrieben und trotzdem spannend zu lesen, deshalb absolut empfehlenswert. Münkler gliedert in fünf Großkapitel: "Nationalmythen" (Barbarossa, Nibelungen, Faust), "Kampf gegen Rom" (Tacitus, Hermannschlacht, Luther, Canossa), "Preußische Mythen" (u.a. Friedrich der Große, Königin Luise, Hitlerattentat), "Burgen und Städte" (Wartburg, Weimar, Nürnberg/Dresden, Rhein) und "Politische Mythen nach dem Zweiten Weltkrieg". Interessant dabei, wie ein "mythischer Kern" im Laufe der Geschichte immer wieder umerzählt und den jeweiligen politischen Verhältnissen entsprechend neu interpretiert wurde, wie Mythen miteinander verknüpft wurden (etwa die Arminius- mit der Siegfried-Legende), in Vergessenheit gerieten und wiederbelebt wurden. Im Mittelpunkt steht dabei immer wieder die mythentrunkene Zeit des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, Kulminations- und Endpunkt vieler Mythengeschichten schließlich das Kriegsende 1945. Besonders spannend und erhellend fand ich die Kapitel über den Mythos "Faust" und seine Wandlungen, über die Weimarer Klassik und die Gründungsmythen der DDR. Dürftig allerdings die Mythenlandschaft der Bundesrepublik: statt "mythischer Großerzählungen": Wirtschaftswunder, Autos, Fußball, - war da noch was? Sicher, die Wiedervereinigung hat mythisches Potential, doch hier muss sich die "Arbeit am Mythos" (Blumenberg) noch gestalten. Münkler betont die Wichtigkeit von Mythen für die politische Kultur, stattdessen herrscht ein emotionales Vakuum, das von kurzlebigen Kampagnen ("Mehr Demokratie wagen", "Du bist Deutschland") und Parolen ("Wir sind Papst") kaum kompensiert werden kann. Denn eine Sehnsucht nach Mythen ist unverkennbar, doch darin liegt auch eine Gefahr: die Beschwörung unseliger Geister der Vergangenheit. Ein Kapitel hat Münkler nämlich ausgespart (auch wenn er in fast jedem Kapitel darauf zu sprechen kommt), das alle Voraussetzungen erfüllt, zum Mythos zu werden: das "Dritte Reich". Hier gibt es "narrative Variation" in Hülle und Fülle, wie die Flut an Veröffentlichungen zeigt, "ikonische Verdichtung" auf wenige Führergestalten und Ereignisse sowieso, auch "rituelle Inszenierung" durch die wiederkehrende Aufarbeitung zu Jahrestagen ("Machtergreifung", "Kriegsausbruch", "Untergang"), dazu eine große Ambivalenz, die vielen Mythen eignet, eine Mischung aus Faszination und Abscheu. Ein negativer Mythos, gewiss, aber gerade Münklers Buch zeigt, wie oft in der Geschichte Mythen umgedeutet wurden.