"Deutsche sehen dich an" bietet einen gewohnt bissigen und derben Dietmar Wischmeyer. Die Qualität der Texte schwankt, nicht nur nach Länge, sondern besonders nach deren Treffsicherheit als Satire. Etwas aus dem Rahmen fallen der Text über das Oderbruch-Hochwasser, die Dialoge, etwa beim Frisör, sowie das Vor- und das Nachwort.
Die Themen in diesem Buch sind sehr aktuell und wirken zumeist so als wären sie in grosser Eile entstanden. Von der sprachlichen Eleganz, Originalität und Grösse eines Max Goldt sind Wischmeyers Texte weit entfernt. Eher gleichen sie den Focus-Kolumnen von Harald Schmidt, allerdings sind Wischmeyers Themen weniger abwechslungsreich und nicht so informativ.
Dann wiederum gibt es Texte, etwa über die Frage, wann Deutschland den ersten Bundeskanzler namens Kevin bekommt, die mich ausserordentlich begeistert haben. Der Text Kevin und Chantal gehört für mich zu den lustigsten aus diesem Buch. Wären Kevins Eltern in den 60er oder 70er Jahren Eltern geworden, dann hiessen ihre Kinder Flipper oder Lassie, behauptet Wischmeyer. Und bei unserer amtierenden Kanzlerin sind wir nur ganz knapp an einer Mandy vorbeigeschrammt, gibt der Autor zu bedenken. Das mag böse und politisch unkorrekt sein, aber so ist ohnehin nahezu alles von Dietmar Wischmeyers Werk als Komiker.
Die Texte zur Opel- und Karstadtrettung sind sehr gelungen, weil treffend, gewitzt und nicht dumm. Auch Wischmeyers immer wiederkehrende Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit ist wieder bewegend und klug. Das Thema Überbevölkerung und Resourcen-Knappheit regt ebenfalls zu eigenen, düsteren Gedanken an.
Neben vielen Momenten, in denen der Erfinder von Günther dem Treckerfahrer, so wirkt als würde er generell nur Meckern des Meckern willens und mit seinem diffusen Überlegenheitsgefühl (dank Abi und Philosophie- und Literaturwissenschaftsstudium?) mitunter recht unsympathisch wirkt, besonders dann wenn er über Harz-4 Empfänger spottet, gibt es immer wieder sehr viel bessere Stellen in diesem Buch. Die Abhandlung über die Sängerin Lena ist ein komplett ironiefreier, durchweg positiver Lobgesang darauf, dass endlich mal wieder Menschen aus dem Mittelstand mit normaler Bildung und ohne Skandale zu Stars werden. Es gibt durchaus einige Texte in diesem Buch, bei denen ich mich so wohl gefühlt habe wie bei der Fernsehserie Scrubs, die Mischung aus (oft albernem) Humor und Tiefe hat mich zu 4 Sternen tendieren lassen, leider gibt es aber zu viele weniger gelungene und schon zu oft (auch von Wischmeyer in älteren Büchern bereits mehrfach abgehandelten Themen) gelesenen, eher altbackenen Ergüssen.
Die Bilder sind grössenteils nicht der Knaller, wirklich lachen muste ich nur beim, mit der Unterschrift: "Wenn Kurierfahrer in diesem Land was zu sagen hätten..." versehenen, Foto eines Hauses.
Das Foto vom biertrinkenden Niedersachsen Wischmeyer auf dem Feld (des Spargels und nicht der Ehre), sowie mehrere Texte über Wunstorf und Hannover erinnern dann nochmal daran, dass Wischmeyer eben ganz besonders in Niedersachsen verwurzelt hat. Hier gibt es keine Uralt-Witze über meine Freundin und Ikea, wie bei dem absurd erfolgreichen Berliner Comedian, sondern Humor, der öfter mal nach Gülle und Kneipe riecht.
Für Freunde von Frühstyxradio und Fättäh Brokänn ein sehr empfehlenswertes Buch, für alle anderen ein Buch mit viel Licht und viel Schatten. Probelesen lohnt sich!
3,5 Sterne
237 Seiten, Softcover, s/w-Fotos, Ullstein 2011