45 Jahre lang ist der Leser dieses Buches an nahezu jedem Heiligen Abend Gast beim Ehepaar Wagner. Und es ist sehr faszinierend, wie viele Informationen diese Fotos über das Leben eines ganz normalen deutschen Bürgerehepaars verraten.
Richard Wagner, geboren 1873 in Berlin, ist Beamter bei der Reichsbahn. Seine ein Jahr jüngere Frau Anna stammt aus Erfurt. Sie liebten das Reisen und Fahrradfahren, haben Sinn für Humor. Und Herr Wagner entdeckte schon in jungen Jahren - und noch vor der massenhaften Verbreitung dieser Betätigung in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts - ein Hobby für sich, das ihn sein Leben lang fesselte: die Amateurfotografie.
So entstand jedes Jahr eine Aufnahme der Wagners in ihrem Wohnzimmer, vor ihrem Weihnachtsbaum, die Geschenke sorgfältig auf dem Tisch vor ihnen arrangiert. Besonderes, wie der neue Staubsauger, wurde im Vordergrund aufgestellt. Der Leser erhält einen Einblick darin, was man sich damals, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, üblicherweise zum Fest geschenkt hat. Nützliches war das vor allem, neue Kleidung, Haushaltsgegenstände oder Tischwäsche, auch ein wenig Luxus wie Zigarren, Likör oder Parfum.
Wir erleben mit den Wagners den Wandel der Zeiten: Kaisers Zeiten, die Jahre des Ersten Weltkriegs, als das Ehepaar im Wohnzimmer im Wintermantel feiern muß, weil es an Brennstoff fehlt. Später, im Zweiten Weltkrieg, wird der Leser sie noch einmal so erleben. Die Zeiten ändern sich, jedoch bleibt das Wohnzimmer der Wagners immer gleich. Bis zum letzten Bild haben sie beispielsweise die gleiche Wohnzimmertapete in ihrer Berliner Wohnung - man kann ihr beim Nachdunkeln zusehen. An Details erfährt der Leser mehr über die Wagners und ihre gutbürgerlich-brave Gesinnung.
In jedem Foto kann der Leser "spazierengehen", Dinge entdecken, die Geschichte am normalen Leben der ganz normalen Leute erleben. Ein wunderbares Weihnachtsbuch, wie ich finde. Ich habe es schon oft zur Hand genommen und kann immer wieder darin blättern und gucken, es beschäftigt und fasziniert mich immer wieder. Und deshalb kann ich es nur weiterempfehlen.