In einem Punkt hat der Vorrezensent sicher Recht: Das Buch setzt Maßstäbe.
Doch so brilliant, gründlich und beeindruckend es gestaltet wurde, so deutlich zeigt es doch die Schwächen der (deutschen?) Historiographie.
Schwerpunktmäßig werden die Kämpfe an der Ostfront 1943/44, sowie im Balkan, Griechenland und Afrika (Tunis) und Italien beschrieben. Der Titel täuscht dabei ein wenig über den genauen Zeitraum hinweg, denn manche Nebenkriegsschauplätze werden bis zum Ende des Krieges behandelt. Der Krieg an der Ostfront wird erst nach den Abwehrschlachten im Süden nach Stalingrad geschildert (wer sich diesbezüglich interessieren sollte, dem sei der 6. Band der Reihe anempfohlen).
Die angesprochene, methodische Schwäche liegt nun in der angewandten, induktiven Erkenntnismethode. Das MgF vertritt die These, dass der Krieg bereits 1941 vor Moskau gescheitert, konkret, strategisch nicht mehr zu gewinnen war. Dementsprechend suchen sie zielgerichtet Beweise um ihre These zu untermauern. Kernargument stellt dabei der Faktor Quantität in jeder nur denkbaren Form dar (Militärisch, Strategisch, Wirtschaftlich) - und hier kommt eine wahre Stärke des Buches zum Vorschein, man wird überhäuft mit Statistiken, Zahlen, Daten, Fakten, die den horrenden Unterschied zwischen den Achsenmächten und den Aliierten deutlich macht. Doch gleich im ersten Kapitel, in der Fußnote 116 heisst es verräterisch: "Natürlich ist ein Ressourcenreichtum für sich allein genommen noch kein kriegsentscheidender Faktor; er wird dazu erst in einer Verbindung mit einer Fülle weiterer, z.T. schwer quantifizierbarer Bedingungen... Die in diesem Beitrag vertretenen Aufassung basiert auf der hier nicht näher zu erörternden Annahme, daß Deutschlands Kriegsgegner in keinem dieser Bereiche derart unterlegen waren, daß ihr gewaltiger Vorsprung an Menschen und Material dadurch kompensiert worden wäre."
Dies stellt sicher die größte Schwäche des Buches - wohl der gesamten Reihe - dar. Genaugenommen sind es zwei Schwächen:
Erstens die Tatsache, dass auch die im Buch vertretenen Position mit historischen Fiktionen arbeitet. Der Konjunktiv am Ende des Satzes zeigt dies deutlich. Die alte Frage der Historiker - "Was wäre wenn ?" - schlägt auch hier zu. Niemand weiß, ob ein vollständiger Erfolg dieses oder jenes Gefechtes nur ein weiterer "verlorener Sieg" gewesen wäre. Natürlich kann man es plausibel machen - Faktizität erreicht man jedoch nicht.
Eng damit verbunden ist die zweite Schwäche der (übermäßige) Darstellung des quantitativen Elements. Jeder kann eine Tabelle aufstellen und berechnen, dass 300 000 gebaute Panzer besser, weil mehr als 25 000 gebaute Panzer sind. Doch ist es nicht gerade die wahre Kunst der militärischen Historiographie, diese beiden Elemente, das Quantifizierbare und eben auch das "schwer quantifizierbare" zu erfassen ? Nun mag man antworten, es hat nicht gereicht, dass zeigt der Kriegsausgang, doch das ist zu platt, denn in einer 1300-Seiten starken Arbeit in einer nominell 10-Bändigen Reihe kann man doch wohl zumindest einen Verweis erwarten, wo denn die Stelle sein soll, wo dieser Unterschied erörtert werden muss - und sei in den folgenden Beiträgen oder in einem anderen Band.
Aber gerade ein solches Fehlen schmerzt, erzeugt es doch den Ruch, dass die Verfasser - getreu der induktiven Methode - sich nicht mit Positionen befasst zu haben scheinen, die ihrer Meinung zuwiderlaufen. Wer die Gründlichkeit des Mgf kennt, weiß, dass das Unsinn ist, aber eine Schwäche bleibt es dennoch: Wer einen wissenschaftlichen Streitentscheid herbeiführen will, der muss auch die Gegenseite darstellen.
Dabei hätten die Macher eine allgemeine Beurteilung nicht zu scheuen brauchen, denn den Einzelbeiträgen gelingt dies um so mehr. So zum Beispiel der allerdings auch nicht unproblematische Beitrag von K.H. Frieser zur Operation "Zitadelle".
Er räumt gerhörig mit dem Mythos von der "Entscheidungsschlacht" von Kursk auf (und folgt damit den Tendenzen der neueren Forschung), angefangenen vom russischen Präventionsschlag bis hin zu den Gefechten bei Prochorovka. Insbesondere bei der "größten Panzerschlacht aller Zeiten" bei Prochorovka zeigte sich, dass wohl nur ein vergessener Panzergraben auf Seiten der Russen die deutsche Stellung intakt hielt. Dennoch stellen sich auch hier einige, vor allem quellenkritische Fragen. Auch hier kann man Prochorovka als Beispiel nehmen. Frieser übernimmt als Verlustzahlen bei den Panzern die Angaben der deutschen Seite: Drei (!). Damit werden natürlich die russischen Angaben, die z.T. von den anglo-amerikanischen Geschichtsschreibern übernommen wurden, ab adsurdum geführt, da diese meist mehrere hundert Verluste angeben. Doch russische (und auch amerikanische) Autoren ZÄHLEN zumeist anders - nämlich die TATSÄCHLICH während des Gefechtes beschädigten Fahrzeuge, nicht die VOLLSTÄNDIGEN Verluste. Ein kurzer Hinweis auf diese Tatsache hätte niemandem wehgetan. Auch weist Frieser daraufhin, dass die deutschen Quellen, insbesondere die Akten der beteiligten Wehrmachtsverbände, erst seit kurzen verstärkt in den Mittelpunkt gerückt sind. Doch das ist noch keine Garantie, dass man sie vorbehaltlos übernehmen kann - inwieweit sie genauer als ihre russischen Gegenstücke sind (die nachgewiesenermaßen aus den unterschiedlichsten Gründen meist widersprüchlich und unstimmig sind, insbesonder bei den Verlustzahlen), muss sich erst noch zeigen.
Auch wird man angesichts des schieren Ausmaßes der beteiligten Kräfte nie das Gefühl los, dass Kursk zwar keine Entscheidungsschlacht war, aber zumindest operativ im Osten eine hätte sein können. Ein kategorisches Verneinen erscheint gerade wegen dieses quantitativen Arguments dann doch ein wenig zu bequem und zu "passend" für die in der Reihe vorgetragene Generalthese. Eine Gegendarstellung - eben in Einbezug der anderen Position - wäre wünschenswert gewesen und klingt zumindest an, wenn Frieser auch das psychologische Moment der Operation "Zitadelle" erwähnt.
In jedem Fall zeigt, behauptet und belegt der Beitrag aber plausibel, warum GERADE bei Kursk die mehr oder minder quantifizierbaren Vorteile der Deutschen (Operatives Können; Technologischer Vorsprung) nicht ausreichte, quantifizierbaren und ebenso nicht quantifizierbaren Elemente der Gegenseite (Überzahl der russischen Streitkräfte; verspäteter Angriffszeitpunt und -ort; Abnutzungs- statt Bewegungsschlacht; Allierte Invasion in Italien) aufzuwiegen. Dies setzt sich in dem Buch fort und man hätte sich eine eine bessere Zusammenfassung am Ende des Buches gewünscht, als nur eine blanke Wiederholung von bereits Gesagtem.
Stilistisch bewegt sich das Buch auf hohem Niveau, es ist 'gut zu lesen', variiert aber z.T. in Stil und Aussage, da mehrere Autoren daran beteiligt waren. Dies führt auch zu der schon vom Vorrezensenten festgestellten Inkorhärenz mancher Positionen.
Am Ende bleibt ein beeindruckendes Werk. An Fakten aufgetürmt wie ein Gigant, erschlägt es einen fast mit der Dichte und Logik seiner Argumente - die aber nur in die Richtung der angestrebten Hauptthese gehen. Bestechend sowohl in seiner ereignisgeschichtlichen Darstellung als auch in der Vertretung seiner Position - aber eben nur der eigenen Position. Es ist aber auch diese kompakte Kombination an Argumenation und Darstellung, die (auch) diesen Band der Reihe schon jetzt als Standardwerk zur Darstellung des 2. Weltkrieges bezeichnen lässt.