In diesem Buch hat der erste Herausgeber der Abteilung "Deutsche Werke" im Auftrage der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der Germanist Josef Quint, schon 1963 eine Sammlung von 59 als echt erwiesenen deutschen Eckhart-Predigten, sowie die Eckhart-Traktate, -Legenden und auch eine Übersetzung der lateinischen Bulle Papst Johannes XXII. zum Inquisitionsprozess gegen Eckhart zusammengefasst. Aufgrund der Vorgehensweise und Einteilung von Quint sind in diesem im Vergleich zur großen Eckhart-Ausgabe äußerst preiswerten Buch die gesichertsten deutschen Predigten enthalten. Zudem hat Eckhart nicht eine einzige, weit ausufernde Theologie oder Philosophie verfasst, sondern jede einzelne Predigt enthält in prägnanter Weise, wie Quint es in seinem Vorwort ausdrückt, "den einzigen Anlass, den Inhalt und das Ziel" Eckharts, nämlich den (Selbst)Erkenntnisprozess des Göttlichen im Grunde der menschlichen Seele oder Geistes. Auf dieses Ziel steuert Eckhart in jeder Predigt nur von verschiedenen Bibelzitaten aus zu, die er dabei sehr eigenwillig und ausschließlich allegorisch auslegt. Das verleiht den Predigten Eckharts eine nach Quint "großartige Eintönigkeit" und ermöglicht es im Idealfall, dieses Ziel Eckharts aufgrund nur einer einzigen seiner Predigten zu "verstehen".
Bei diesem "Verstehen" gibt es allerdings zwei sehr große Probleme. Wer Eckhart mit dem herkömmlichen christlichen Verständnis interpretiert, der wird bald an unüberwindliche Hindernisse stoßen, wenn er etwa liest, dass jeder Mensch Sohn werden soll, und zwar "derselbe Sohn, und nicht ein anderer", dass der Mensch im Seelengrund ununterscheidbar mit dem Göttlichen verschmelzen soll, so dass "Gott schlechthin ich und ich schlechthin Gott werden muss". Dieser Seelengrund ist dabei nicht ein besonderes Sein innerhalb der bestehenden Kreatur des Menschen und der Welt, sondern darin wird nach Eckhart die ganze Welt mit allen ihren Kreaturen geschaffen, "denn Gott hat die Welt in der Weise geschaffen, dass er sie immer noch ohne Unterlass erschafft". "Dort, wo niemals Zeit eindrang, niemals ein Bild hineinleuchtete, erschafft Gott die ganze Welt".
Wer sich diesen kühnen Aussagen unvoreingenommen nähert, wird feststellen, dass Eckhart in einer langen abendländischen Tradition steht und darin ganz starke Parallelen zu dem letzten großen System der griechischen Philosophie aufweist, dem gleichzeitig mit dem Christentum entstandenen Neuplatonismus. Das zeigt sich auch daran, dass Eckhart die personale Gottesvorstellung hin zum neuplatonischen "Einen" überwindet, wie etwa in den auch seine negative Theologie kennzeichnenden drastischen Worten:
"Denn, liebst du Gott, wie er Gott, wie er Geist, wie er Person und wie er Bild ist, - das alles muss weg. 'Wie denn aber soll ich ihn lieben?' - Du sollst ihn lieben wie er ist ein Nicht-Gott, ein Nicht-Geist, eine Nicht-Person, ein Nicht-Bild, mehr noch: wie er ein lauteres, reines, klares Eines ist, abgesondert von aller Zweiheit. Und in diesem Einen sollen wir ewig versinken vom Etwas zum Nichts".
Hier zeigt sich dann das zweite "Problem" in dem Versuch, die Predigten Eckharts zu verstehen. Genau wie im Neuplatonismus ist das Göttliche in Eckharts strikt negativer Theologie nicht in einem Begriff, einer Vorstellung oder einem Bild zu fassen und damit auch nicht verstehbar. Obwohl Eckhart als einer der scharfsinnigsten Denker des Abendlandes gilt, ist es wie im Neuplatonismus sein Ziel, in einem, wie er es nennt, "armen Geist" das Denken selbst zu übersteigen und darin die Welt zu transzendieren.
Der Philosoph Jens Halfwassen beschreibt in seinem Buch "Plotin und der Neuplatonismus" nicht nur kompetent den Kern dieser Philosophie, der dann auch bei Eckhart zu entdecken ist, sondern darüberhinaus die entscheidende Rolle, die der Neuplatonismus bei der Bildung des christlichen Gottesbildes 300 Jahre nach dem Tod von Jesus gespielt hat. Eckhart gehört dabei neben Dionysius Areopagita und Eriugena zu der Linie des christlichen Neuplatonismus, die ganz eng an Plotin geblieben ist. Dieses Buch von Halfwassen eignet sich sehr gut als Schlüssel zum Verständnis Eckharts, und umgekehrt kann Eckhart auf seine Weise die Ausführungen Halfwassens zur natürlichen Entstehung und damit Relativität des christlichen Gottesbildes bestätigen.
Wie es auf dem Rückeinband der Diogenes-Ausgabe von Quint in dem Marcuse-Zitat heißt, ist Eckhart "aufgeklärter als die Aufklärung". Wenn Eckharts Theologie wahr ist, dann ist genau wie bei Kant nicht nur das christliche Gottesbild relativ und in diesem Sinne letztlich nicht zutreffend, sondern auch alle anderen Gottesbilder. Das heißt auch, dass die Widersprüche zwischen den verschiedenen und die Spaltungen in den einzelnen Religionen unüberwindbar sind, sofern sie an der Absolutheit ihrer einander widersprechenden Gottesbilder festhalten. In diesem Sinne ist für einen wahren Frieden in der Welt Meister Eckhart erst ein Kommender, denn in seiner strikt negativen Theologie hat er diese religiösen Probleme praktisch schon nebenbei überwunden. Wie es in dem Marcuse-Zitat weiter heißt, deckte Eckhart "den >Abgrund< auf, den alle Religionen und Philosophien zudeckten".