Vorwort zur Taschenbuchausgabe
Als dieses Buch vor fünf Jahren zum ersten Mal auf den Markt kam, war ich schon mit einem anderen Thema beschäftigt - das Kapitel "Lebensborn" schien abgeschlossen. Aber dann bekam ich Briefe und Telefonanrufe: Ob ich auch etwas über die anderen Heime wisse? Ob ich bei der Suche nach dem Vater helfen könne? Und was man anstellen müsse, um herauszufinden, ob die Mutter in "Heim Friesland" gearbeitet habe? Aus solchen Anfragen ergaben sich neue Hinweise: auf Lebensborn-Angestellte, Lebensborn-Mütter, Lebensborn-Kinder - und auch auf Dokumente. Hinweise, die ich nicht einfach ignorieren konnte. Schließlich war es in einigen Fällen die letzte Möglichkeit, nachzufragen und nachzuforschen. Also machte ich mich wieder auf den Weg, besuchte Zeitzeuginnen und rund sechzigjährige Lebensborn-"Kinder", die mir ihre Geschichte erzählen wollten. Und schon war ich wieder mittendrin.
Dann kam die Nachricht, daß in Norwegen eine große Studie über die Arbeit des norwegischen Lebensborns erschienen war. Ich traf ihren Autor Kare Olsen und fing an, mich intensiver mit der Geschichte der sogenannten "Norwegerkinder" zu beschäftigen: Menschen mit norwegischer Mutter und deutschem Vater, die in norwegischen Lebensborn-Heimen geboren wurden.
Gleichzeitig war nicht zu übersehen: Meine Recherchen bewegten sich in einem Strom allgemeinen Interesses. In Norwegen, in den USA und vor allem in Deutschland griffen Zeitungen, Zeitschriften, Hörfunk und Fernsehen das Thema auf. Mittlerweile gibt es wohl keinen deutschen TV-Sender, der noch keinen Magazin-Beitrag über ein Lebensborn-"Kind" produziert hat. Dadurch sind viele Lebensgeschichten bekannt geworden - auch die von solchen "Norwegerkindern", die im Krieg nach Deutschland verfrachtet wurden, in der DDR aufwuchsen und deren Identität von der Stasi zu Geheimdienstzwecken mißbraucht wurde. In all diesen Berichten zeigte sich: Der Mythos vom Lebensborn als einer "Zuchtanstalt" war einfach nicht zu belegen!
Vielleicht liegt es an dieser veränderten Sicht auf die Organisation: Auch im wirklichen, nicht-medialen Leben hat die Beschäftigung mit dem Lebensborn eine neue Qualität bekommen. Natürlich gibt es immer noch hartnäckige Geister, die auf dem Mythos beharren oder - andersherum - nach wie vor ausblenden, daß der Lebensborn eine Organisation war, die der "rassischen Auslese" diente. Aber viele Menschen wollen es jetzt genauer wissen. Eine Gemeinde zum Beispiel, in der lange über die Geschichte "ihres" Lebensborn-Heims geschwiegen wurde, hat das Tabu durchbrochen und stellt sich der Diskussion. Mit einem Mal tauchten auch neue Dokumente auf. 1998 bekam das Bundesarchiv einen Karteikasten mit rund 1000 Blättern, auf denen die Namen von Lebensborn-Vätern und Müttern verzeichnet sind. Die sogenannte Birthler-Behörde (früher Gauck-Behörde) meldete, daß sie über einen Bestand an Lebensborn-Akten verfügt. Ende Oktober, Anfang November 2001 schließlich fand in Oslo ein Prozeß statt, in dem die norwegischen "Kriegskinder" ihren Staat auf Entschädigung verklagten: In der Nachkriegszeit wurden sie wegen ihrer deutschen Väter beschimpft, benachteiligt, ausgegrenzt, abgeschoben - von Schulen, Ärzten, Heimen und Behörden. Und diese Erfahrungen wirken nach, manchmal ein ganzes Leben. Das >Projekt Lebensborn< reicht also in die Gegenwart hinein, es hat sich in die Biographien der Kinder eingeschrieben - wenn auch in unterschiedlicher Form und in unterschiedlicher Schärfe.
Irgendwann entschloß ich mich, die Ergebnisse meiner neuen Recherchen zu veröffentlichen. Aus Fotos, Dokumenten und Objekten entstand eine Ausstellung über den Lebensborn - die erste große Ausstellung über dieses Thema. Und nun die zweite, überarbeitete Auflage dieses Buches -ein Versuch, die Vielzahl von Namen und Daten und Hintergründen, die ich in den letzten fünf Jahren zusammengetragen habe, zu verarbeiten. Heute allerdings in dem deutlichen Bewußtsein, daß die Recherche wohl nie zu Ende ist. Und daß auch die Fragen nicht aufhören.
Dorothee Schmitz-Köster, Bremen im April 2002
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.