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Klabautermann und Vagabund, 13. April 2008
Rezension bezieht sich auf: Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde: Von den älteren Zeiten bis zur Gegenwart (Taschenbuch)
"Die deutsche Dichtung ist vergleichbar einem Baum, der tief in der deutschen Erde wurzelt, dessen Stamm und Krone aber den allgemeinen Himmel tragen hilft. Es gibt eine deutsche Erde. Der Himmel ist allen Völkern gemeinsam." - In der Literatur gibt es immer wieder den Versuch, sich selbst zum Thema zu machen. Wir lesen übers Schreiben und Lesen.
Von anderen, vermeintlich besser unterrichteten, etwas über deren Präferenzen in Sachen Unterhaltungs- und Bildungsliteratur zu erfahren, in erzählender Form feuilletonistisch aufgearbeitet und präsentiert, um damit den eigenen Literaturhorizont zu erweitern, war schon immer ein Bedürfnis einer nicht kleine Gruppe von Lesern. Und einsichtige Schreiber fühlten sich dazu berufen, diesen Wünschen nachzukommen. Einen diesbezüglichen Klassiker schenkte uns schon im Jahre 1922 Herr Alfred Henschke (1890-1928), deutscher Erzähler, Dramatiker und Lyriker, uns - wenn überhaupt - dann besser nur bekannt unter seinem aus Klabautermann und Vagabund zusammengesetzten Pseudonym, Klabund: "Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde".
Lagen die Ursprünge - Kapitel "Urzeit" - noch sehr im ungewissen ...
"Jener germanische Jüngling, der einsam im Eichenwald am Altare Wotans niedersinkend, von ihm, der jeglichen Wunsch zu erfüllen vermag, in halbartikuliertem Gebetruf, singend, schreiend, die Geliebte sich erflehte, dessen Worte, ihm selbst erstaunlich, zu sonderbaren Rhythmen sich banden, die seiner Seele ein Echo riefen, war der erste deutsche Dichter."
... so kommt Klabund doch schnell zu den Zeiten der geschriebenen Dichtungen: dem Wessobrunner Gebet (Zeit Karls des Großen) sowie zum "stolzesten Epos der Deutschen", dem Nibelungenlied (um 1210). "Jeder der Helden: Siegfried, Hagen, Gunther ist ein Held seiner Zeit, aber mit den strahlenden Attributen der Vorzeit umgeben."
Nach Minnesang, den Liedern der "Vaganten und fahrenden Sänger", "in Volksliedern von Mund zu Mund gegangen, ehe sich, unter dem romantischen Einfluss der Troubadoure, die deutschen Dichter seiner annahmen und die Frau als Geliebte und Gattin auf einen goldenen Throne setzten ...", lernen wir den Der von Kürenberg (wie heißt der nur mit Vornamen?) kennen, aus der Zeit um 1150. Klabund erwähnt ihn ebenso wie den "Spielmann, genannt der Spervogel" (gestorben 1180), von dem ich noch nie etwas hörte. Walther von der Vogelweide bekommt - Gott sei Dank - sein eigenes Kapitel.
Und hier wird Klabund, ein Dichter und Denker zwischen Impressionismus und Expressionismus, selbst zum beschreibenden Erzähler seiner Träume, Phantasien und Vorstellungen, - und spielt sogar auf eines meiner Lieblingsgedichte "Unter der Linden" an - "Dem heiligen Vater in Rom war er aus deutschem Herzen feindlich gesinnt: er sah, politischer Denker, der er war, dass die Päpste sehr diesseitige römische Politik und Diplomatie trieben, der die deutschen Kaiser sich selten genug gewachsen zeigten. Er stand auf der Wartburg und sah hinab auf das thüringische und deutsche Land. Wie blühte der Frühling, wie sangen die Amseln! Unter einem Wacholderstrauch lagen zwei Liebende. Unter der Linde stand ein fahrender Geiger und geigte zum Tanz. Ein schönes Fräulein lächelte seitwärts, selbstvergessen. Da lächelte Walther von der Vogelweide. Er bückte sich und wand in Eile mit geschickten Fingern einen Kranz aus Butterblumen, die zwischen den Steinritzen auf dem Burghofe blühten, nahm den Kranz, sprang zu dem errötenden Mädchen, verneigte sich, und sprach: / 'Nehmt, Fraue, diesen Kranz, / So zieret ihr den Tanz / Mit schönen Blumen, die am Haupt ihr tragt.' / Und der alte Geiger, mit dem Totenkopf zum Tanz taktierend strich den Bogen. Tod spielte zum Leben auf. Der Ritter tanzte mit dem Fräulein. Sie hieß Maria wie die Mutter Gottes selber und war ihm Gottesmutter, Gottesschwester, Gottestochter all in eins."
Der von Kürenberg, Walther von der Vogelweide, Meister Eckhard, Hartmann von Aue, Wolfram von Eschenbach, Gottfried von Straßburg, sie alle Mitglied der Endlos-Galerie von großen deutschen Frauen und Männern, wie ich sie an der Deckenumrandung im grandiosen Treppenaufgang der Alten Nationalgalerie in Berlin vor Jahr und Tag bewundern durfte.
Klabund verfolgt mit seiner Literaturgeschichte, wie er selbst schreibt, "weder philosophische noch philologische Absichten. Sie ist nichts als der Versuch einer kurzen, volkstümlichen, lebendigen Darstellung der deutschen Dichtung."
Volksdichtung, ausgehendes Mittelalter, Reformationszeit und Martin Luther, die Schlesier, die Aufklärer (Lessing), die Klassiker (natürlich Goethe, natürlich Schiller), die Romantiker ... alle sind dabei, keiner vergessen, durch Abschnitte und ganze Kapitel zur Ehre der Erwähnung berücksichtig.
Die "Erlanger Liste", ein Sammelsurium über Literatur, Malerei, Graphik und Fotografie des "Instituts für Germanistik" der Universität Erlangen-Nürnberg, bemerkt zu Klabunds "Deutsche Literaturgeschichte in einer Stunde", dass sie "u.a. bemerkenswerte Ansichten über Goethe und den Expressionismus" enthält. Klabunds Abhandlung jedenfalls ist herrliche Wegbeschreibung durch die deutsche Literaturgeschichte, die Lust macht - mir zumindest geht es so - nächstens mal die eine oder andere Wanderung vorzunehmen: vom Mittelalter bis hin zur Gegenwartsliteratur Klabunds, und ja sogar darüber hinaus.
Ich habe bemerkt, was es hier noch festzuhalten gilt: In einer Stunde (in Worten: eins) lässt sich die Deutsche Literaturgeschichte (auch nicht die von Klabund) allerdings nicht bewältigen.
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