Eins steht fest: Mit Kleckerkram gibt man sich in der "Digitalen Bibliothek" nicht zufrieden -- die vorliegende DVD umfasst das Äquivalent von über 600.000 Buchseiten. Mehr als 500 deutschsprachige Autoren sind in knapp 3000 (z.T. mehrbändigen) Werken vertreten. Um der Vorstellung ein wenig auf die Sprünge zu helfen: Die unscheinbar daherkommende DVD entspricht ca. 130 Regalmetern deutschsprachiger Literatur. Es soll kleinere Bibliotheken geben...
Die Auswahl der Autoren umfasst nahezu alles, was in der deutschen Literatur Rang und Namen hat -- aber neben weltberühmten Klassikern auch nahezu unbekannte Autoren, deren Werke seit Jahren vergriffen sind.
Aufgenommen wurden vor allem belletristische Genres: Romane, Erzählungen, Gedichte, Dramen natürlich, aber auch Aphorismen, Märchen, Opernlibretti, Predigten und vieles mehr (z.B. auch den kompletten Text von Luthers Bibelübersetzung). Autobiographische Schriften (Tagebücher, Briefe) wurden nur in Ausnahmefällen berücksichtigt, ebenso philosophische, politische oder wissenschaftliche Werke. Das für die Aufnahme entscheidende Kriterium für Ausnahmen von dieser Regel dürften literaturgeschichtliche Argumente gewesen sein: Die Wirkung von, beispielsweise, Luthers Traktaten, Goethes wissenschaftlichen Abhandlungen oder Nietzsches "Zarathustra" auf die Literatur ist ja hinreichend bekannt.
Die Texte selber wurden möglichst nach kritischen Werkausgaben o.ä. ediert (selbstverständlich werden die Quellen genannt) und wurden nicht gekürzt; die Seitenumbrüche entsprechen denen der Vorlage.
Der zeitliche Rahmen dieser Mega-Sammlung ist ebenfalls nachvollziehbar begründet: Von den Anfängen der neuhochdeutschen Literatur (z.B. Hans Sachs, Ulrich v. Hutten, Martin Luther) bis zu den Klassikern der Moderne -- sofern deren Verfasser bereits über 70 Jahre lang tot sind. Hier spielt das Urheberrecht eine entscheidende Rolle.
Man findet auf dieser DVD nahezu alles Wichtige der deutschen Literaturgeschichte; mitunter haben die Herausgeber allerdings die Dichter-Nachlässe übersehen; so fehlen z.B. einige der schönsten Gedichte Gottfried Kellers vermutlich aus diesem Grunde. Man merkt auch bei eingehenderer Durchsicht, dass die digitalisierten Texte nicht immer sorgfältig korrekturgelesen wurden, aber insgesamt halten sich Tipp- bzw. OCR-Fehler doch in tolerierbaren Grenzen.
Nun bietet zwar ein Computerbildschirm nicht dieselben Sinneseindrücke wie ein Buch, und kann es auch nicht ersetzen -- aber es kann ein Buch ergänzen. Und man kann sich nach Herzenslust durch die deutsche Literatur stöbern: Unbekanntes entdecken, oder gezielt nach bestimmten Werken oder Schriftstellern suchen. Man kann natürlich auch gezielt nach bestimmte Textstellen u.ä. suchen, ad-hoc-Wortkonkordanzen erstellen und vieles mehr, kurz: Man kann mit dieser DVD wunderbar arbeiten. Sie weist alle üblichen Import- und Suchfunktionen sowie Notizenverwaltung auf; selbstverständlich kann man auch, wie in "richtigen" Büchern, Buchzeichen setzen und Notizen "an den Rand" schreiben, soviel man will. Ungünstig ist allenfalls, dass man nicht gezielt innerhalb eines bestimmten Werkes nach bestimmten Texten (Zitaten, Wörtern...) suchen kann. Auch der schnellste Prozessor braucht seine Zeit, bis er 500 Jahre deutscher Literatur nach einer bestimmten Textstelle durchforstet hat...
Allerdings, neben den oben erwähnten kleineren Schönheitsfehlern muss ich nun doch ein schwerwiegendes Manko feststellen: Man findet nirgends eine Zeitleiste, eine chronologische Auflistung der Autoren und Werke. Schließlich wüsste man gerade bei den vielen weniger oder gar nicht bekannten Autoren gern, von welchen Zeitgenossen sie womöglich beeinflusst worden sind, u.v.m. Und bei über 500 verzeichneten Autoren ist die Suche "von Hand" doch allzu mühsam -- schade, und vor allem ärgerlich!
Auch wenn die Handhabung mitunter recht umständlich ist: Die "Material"fülle dieser DVD ist bestechend, und typo- und orthographische Umsetzung sind insgesamt gut. Das ist doch immer noch viel besser als umgekehrt...