Der Beurteilung meines Vorgängers kann ich mich nicht anschließen. Ich habe das Buch häppchenweise immer am Ende einer bestimmten Schulstunde meiner 2. Klasse (8- und 9jährige Kinder) vorgelesen. Gelegentlich erklärte ich einen gelesenen Sachverhalt oder auch einzelne ältere Wörter, damit es verstanden wurde. Der Stil des Autors erinnert in seiner Unaufgeregtheit an einen Zeitungsartikel - ohne spannende Darstellung durch Details an inhaltlich aufregenden Stellen. Sprachliche Darstellung und Inhalt passen nicht zu einander: Selbst über zentrale Geschehnisse (Siegfrieds Tod, Tricks bei der Werbung um Brunhild, Versenkung des Hortes u.a.) liest man episch dahin. Ich habe die Kinder dann regelmäßig auf die Tragweite aufmerksam gemacht, sonst wäre die Geschichte nur dahingeplätschert. Jammerschade.
Pluspunkt: Der geringe, geraffte Umfang der sehr umfangreichen Nibelungensage führt dazu, dass man in einem überschaubaren Zeitraum diesen "Stoff" vermitteln kann. Leider geht dies aber - wie gesagt - auf Kosten einer ansprechenden, spannenden und zum unbedingten Weiterlesen anspornenden Wirkung. Glänzende Augen und vor Aufregung gerötete Wangen? TOTALE Fehlanzeige :-)
Fazit: Hier ist eine Interessenabwägung angesagt: Schnelle Vermittlung der Sage (wenn z.B. nur ein geringer Zeitraum zur Verfügung steht) oder Eintauchen in die mysteriöse, schicksalshaft geprägte Welt dieser Sage mit all den Ränkespielen, gnadenlosen Kämpfen, der verhängnisvollen "Nibelungentreue" edler Menschen? Für mich machen gerade bei dieser Sage diese Aspekte einen Großteil ihres Zaubers aus. Der Stil des Autors konzentriert sich auf die rein inhaltliche Darstellung - wie ein Reporter, der nicht involviert ist und möglichst sachlich und objektiv das Geschehen rüberbringen will.