Deutsche Hörer! Thomas Mann
Rezension für Amazon
Das Büchlein enthält die Manuskripte von 58 Radioansprachen, in denen Thomas Mann den Deutschen von Oktober 1940 bis November 1945 die Leviten las, über das "tausendjährige Reich", daß sie sich geschaffen hatten. In einem komplizierten Verfahren nahm Mann seine drei bis sechs Minuten langen Reden zunächst in Los Angeles (Thomas Mann hatte in Kalifornien sein Exil bezogen) auf Schallplatte auf, welche dann per Flugzeug nach New York gebracht wurden. Von dort wurden die Aufnahmen per Telefon nach London überspielt und erneut auf Platte gepreßt. Die BBC strahlte die Sendungen schließlich nach Deutschland und in die von Deutschen besetzten Gebieten aus. Der Autor der "Buddenbrooks" und von "Tod in Venedig" besaß das Gewicht und die moralische Autorität eines Schriftstellers von Weltrang, und man traute ihm zu, mit seinen von starker Klage gegen den Nationalsozialismus getragenen Reden den Widerstandsgeist im Deutschen Volk zu wecken. Die Miniaturen gehen im eigentlichen Oeuvre Thomas Manns ein wenig unter, was bedauerlich ist, dürften diese rhetorischen Meisterwerke doch zu dem Schärfsten und Ausgefeiltestem zählen, was gegen die Nazis je vorgebracht wurde. Gerade weil Thomas Mann kein politischer Kampfredner war, bei dem aggressive Agitationsrhetorik zum Tagesgeschäft gehörte, gewinnen seine Kommentare eine ätzende Schärfe. Freilich mutet er seinen Zuhörern einiges zu, wenn er am Jahrestag der Zerstörung Coventrys im April 1942 der Royal Air Force "guten Erfolg" wünscht bei ihren Vergeltungsmaßnahmen, und glaubt " Es wird mehr Lübecker geben, mehr Hamburger, Kölner und Düsseldorfer, die dagegen nichts einzuwenden haben, (...) wenn sie das Dröhnen der Royal Air Force über ihren Köpfen hören...". Das die in den Luftschutzbunkern zitternde Deutsche Bevölkerung die aliierten Bomber mit Freude erwartet hat, ist mehr als zweifelhaft. Thomas Mann hatte sich nach dem Ende der Hitlerherrschaft und des zweiten Weltkrieges bittere Klagen aus Deutschland anzuhören, er habe bequem aus dem sonnigen Kalifornien das große Wort führen können. Doch dieser Gang ins Exil war für Thomas Mann und seine Familie unvermeidbar. Und der Leser wie Höhrer der Sendungen erkennt auch heute mit einer Art innerer Befriedigung, wie eine Geistesgröße ein verbrecherisches, krankes System verbal in Stücke reißt! (Dies ist eine Amazon.de an der Uni-Studentenrezension.)