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Land an der Donau
Ein Band der «Deutschen Geschichte im Osten»
Mit dem Siegeszug der Nationalbewegungen des 19. Jahrhunderts wurde die nationale Staatsbildung zum Leitmodell der Modernisierung. Das Selbstverständnis dieser Bewegungen konstituierte sich geradezu dadurch, dass sie die Notwendigkeit leugneten, die Begriffe Volk oder Nation aus übergeordneten Konzepten herzuleiten. Als gleichsam naturgegeben konnten diese Begriffe daher in den Nationalismen rasch auch zum aufputschenden Kampfruf pervertieren, der politisch-gesellschaftliche, sprachlich-kulturelle oder religiöse Erscheinungen instrumentalisierte. Die im ostmittel- und südosteuropäischen Raum während der habsburgischen Jahrhunderte bewahrte und bewährte Multiethnizität ging darüber schnell verloren, und nationale Minderheiten wurden überhaupt erst vor dem Hintergrund von Mehrheitsnationalismen zum Problem.
Differenzierte Betrachtung
Das Land an der Donau d. h. in grober Näherung mit den uns geläufigen Bezeichnungen Ungarn, Slowakei, Kroatien, Rumänien bietet die meisten Beispiele dafür, wie aus Nationalismen nationalistische Amokläufe wurden. Es ist ein besonderes Verdienst des hier anzuzeigenden Bandes, den der Berliner Historiker Günter Schödl herausgegeben hat, dass er mehr als die anderen Bände der Reihe «Deutsche Geschichte im Osten» darum bemüht ist, die Kategorien des Nationalen zu differenzieren und aufzuzeigen, dass keine selbstverständlich ist.
Dass ein Staat entstehe, dass Grossgruppen das ihnen innewohnende Bedürfnis der Selbstidentifikation finden all das setzt nicht notwendigerweise eine fanatische religiöse oder sprachliche Vereinheitlichung voraus, auch wenn die Geschichte diesen Weg scheinbar als den Regelfall suggeriert. Um das zu belegen, genügt der Blick auf die Schweiz oder die Vereinigten Staaten von Amerika. Freilich erkennt man dann auch unschwer in der frühen Demokratie die politische Grundlage der geglückten Alternativen. Damit kommt auch der Frage nach der Modernisierung besondere Bedeutung zu: Fördert oder behindert etwa im Falle der Slowakischen Republik ein auf Staatsbildung zielender, aber ethnisch motivierter Nationalismus die Modernisierung? Wie werden die jungen Demokratien, die im Umbruch nach 1989 entstanden sind, die Aufgaben wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Modernisierung dort bewältigen, wo im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert die Modernisierung in den Bahnen der Nationalismen verlief, ehe sie unter den kommunistischen Diktaturen retrogradierte?
Zu solchen Überlegungen fordert das Buch in nahezu jedem Kapitel heraus, auch wenn es doch eigentlich nur die Geschichte der in die Donauländer gelangten Deutschen behandeln will und dazu weit ausholen muss. Dabei erfährt der Leser viel über die deutsche Südostsiedlung im Mittelalter, als Siebenbürger und Zipser Sachsen in Ungarn als dem Gastland par excellence aufgenommen wurden. Breiten Raum nehmen auch die Einwanderung und Ansiedlung der Deutschen vom Ende des 17. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts ein. Hatte auch die Bevölkerungszahl im alten Reich eine Generation nach dem Ende des Dreissigjährigen Krieges noch lange nicht den Vorkriegsstand wieder erreicht, so gab es dennoch zahlreiche Motive zur Auswanderung, besonders aus dem deutschen Südwesten.
In Hessen-Darmstadt trieben die verheerenden Folgen der zwischen 1708 und 1718 am Hofe blühenden Parforce-Jagd die Bauern zur Migration in die südtransdanubischen Komitate; im Stift Fulda war es die strenge Heiratsbeschränkung, die eine massenhafte Auswanderung nach Ungarn veranlasste. Eine Zwangsdeportation aus Gründen der Staatsräson stellte die Umsiedlung österreichischer Protestanten nach Siebenbürgen dar. Unter Maria Theresia begonnene und unter Joseph II. fortgeführte Kolonisationsmassnahmen im Banat führten dazu, dass Ende der siebziger Jahre des 18. Jahrhunderts bereits mehr als 600 000 Deutsche in Ungarn lebten, deren Zahl sich bis zum Ende des 19. Jahrhunderts auf über 2 Millionen erhöhte.
Die Revolution von 1848
Die einzelnen Siedlungsgruppen der ungarländischen Deutschen standen der ungarischen Revolution von 1848 überhaupt nicht einheitlich gegenüber. Während die Siebenbürger Sachsen wegen der Vereinigung mit Ungarn um ihre jahrhundertealte Autonomie fürchteten, begrüssten die Schwaben, vor allem im liberalen Stadtbürgertum, die in der Revolution erreichten bürgerlichen Freiheitsrechte. Sprach- und Schulautonomie wurden am ehesten zu Konfliktfeldern, während die Deutschen im übrigen nachgerade einen staatspolitischen ungarischen Nationalismus pflegten.
Die im 19. Jahrhundert einsetzenden Nationalisierungsprozesse bei Ungarn, Kroaten und Serben wurden in Kroatien-Slawonien seit dem Vormärz überlagert von dem Konflikt zwischen dem ungarischen Nationalismus und den südslawischen Nationalbewegungen, der die interethnischen Beziehungen in Kroatien-Slawonien auch für die Deutschen zunehmend belastete. Das deutsche Bürgertum hatte den Begriff Nation nicht ethnisch, sondern politisch genommen; man verstand sich als Kroate oder Slawonier, identifizierte sich mit dem Königreich Kroatien-Slawonien, in dem man lebte.
Da sie Nation noch nicht als Abstammungsgemeinschaft verstanden, schlossen sich, ohnehin zweisprachig gebildet, deutsche Intellektuelle der südslawischen Nationalbewegung an. Erst als sich der Begriff Nation vom Politischen mehr und mehr zum Sprachlichen verschob, als Sprache von einem regionalen oder ständischen Kommunikationsmittel zum «ethnonationalen Definitionsmerkmal» wurde, setzte die Ab- und Ausgrenzung ein, an der die Niederschlagung der 1848er Revolution und der anschliessende sogenannte Neoabsolutismus nichts mehr änderten.
Zwischen Assimilation und Dissimilation
Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die politische Landkarte neu geordnet, nach dem Prinzip nationaler Selbstbestimmung oder dessen, was die Sieger oft ohne hinlängliche historische Sachkunde als Selbstbestimmung deklarierten. So verstärkte sich der Druck auf die Deutschen, sich zwischen Assimilation und Dissimilation zu entscheiden. In beide Richtungen drängte die Politik der Minderheiten in jeweils sehr unterschiedlichen Ausprägungen. Der besonnene jugoslawiendeutsche Politiker Stefan Kraft stellte sich vergeblich den Versuchen der nationalsozialistischen «Erneuerer» entgegen. Unter dem faschistischen Regime Nikolaus Horthys in Ungarn, ebenso in der Slowakei und in Kroatien, die Hitler zu Vasallenstaaten erniedrigt hatte, gab es in den deutschen Minderheiten unselige Kooperation mit dem Nationalsozialismus.
Nach dem Zweiten Weltkrieg als infolge von Umsiedlung, Flucht, Vertreibung und Vernichtung der deutsche Bevölkerungsanteil längst zu einer quantitativ unbedeutenden Minderheit zusammengeschmolzen war wurde aber solche Kollaboration allzu leichtfertig zur Signatur der gesamten Politik deutscher Minderheiten umgedeutet. Auch hier liefert das neue Buch die nötigen Unterscheidungen nach.
Als Aufgabe ist das Minderheitenproblem in der deutschen Politik bis heute virulent geblieben. Hält man doch die Forderung, den Zuzug für Aussiedler zu beschränken, in Deutschland für eine wirkungsvolle Wahlkampfparole. Wer sich dagegen über das Herkommen dieser Menschen unterrichten möchte, für den kommt dieses Buch gerade zur rechten Zeit.
Hans-Albrecht Koch
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