Ich war bisher ein großer Fan von Herbert Rosendorfer, nachdem ich seine wirklich großartigen Werke „Briefe in die chinesische Vergangenheit" und „Ballmanns Leiden" gelesen hatte. Diese Bücher sind originell und flott geschrieben und insgesamt sehr empfehlenswert. Nach der Lektüre des zweiten Bandes der Deutschen Geschichte hat sich diese Einstellung etwas relativiert.
In diesem Band behandelt Rosendorfer auf gut 250 Seiten die Deutsche Geschichte vom Beginn des 12. Jahrhunderts bis etwa zum Ende des 14. Jahrhunderts, also grob gesagt das ausgehende Mittelalter. Er schafft es recht gut, sich auf „Deutsche Geschichte" zu beschränken, worunter er zu jener Zeit auch die Geschichte der heutigen Länder Österreich, Tschechien und Schweiz versteht, obwohl die geschichtlichen Abläufe in jener Zeit auf europäischer Ebene stark verwoben waren. Nur dort, wo es zum tieferen Verständnis nötig ist, unternimmt er kurze, aber prägnante Abstecher in die Geschichte anderer Nationen. Im Wesentlichen wird nur politische Geschichte dargestellt, das Ringen der Mächtigen um Einfluß und Macht, Königs- und Kaiserwürden. Bei der Orientierung helfen gute Darstellungen der Genealogie der einflussreichsten Familien jener Zeit, also der Staufer, Wittelsbacher, Habsburger, Luxemburger etc. Gelegentlich unterrichtet Rosendorfer auch in sehr komprimierter Form über kulturgeschichtliche Entwicklungen, vor allem in der Literaturgeschichte, aber auch in der Kunstgeschichte.
Das alles hat Rosendorfer in flotter, teilweise schon schnoddrig zu nennender Sprache geschrieben. Die Darstellung ist kompakt und war für einen wie mich, der in mittelalterlicher Geschichte noch beachtliche Lücken zu schließen hat, sehr informativ.
Dabei neigt der Autor zum schnellen Urteil. Teilweise im Nebensatz werden geschichtliche Gestalten als Deppen, Taugenichtse oder Verbrecher abgekanzelt. Vor allem die Kirche bekommt gehörig ihr Fett ab: Rosendorfer verbirgt nicht, was er von der Kirche damals und auch wohl noch heute hält. Besonders heftig wird er bei einem gedanklichen Ausflug in die heutige Zeit, in dem er die Bemühungen der katholischen Kirche, sich dem in ihrem Namen begangen himmelschreienden Unrecht zu stellen, verwirft. An dieser Stelle wird Rosendorfer endgültig zum Oberlehrer; man braucht kein Katholik zu sein und kann der katholischen wie jeder anderen christlichen Kirche skeptisch gegenüberstehen und dennoch Rosendorfers Geifern abstoßend finden. Er versteigt sich sogar soweit, Papst Johannes Paul II als Marienverehrer eine mindere Intelligenz zuzuschreiben.
Seine eigene Intelligenz beweist der Autor dagegen durch wiederholten Einsatz von Fremdwörtern, so z.B. liest man unzählige Male von Epitheton ( = „Hinzugefügtes", anstatt Bei- oder Zuname), einmal gar Epitheton ornans. Auch den gelernten Juristen versteckt Rosendorfer nicht: Immer wieder findet man seine Hinweise, wie die Lage damals de jure eigentlich zu sein hatte.
Seine Lust zum Urteilen und zum Verurteilen durchzieht den ganzen Band als prägendes Stilmerkmal. Darin erinnerte er mich an Egon Friedell, der in seiner „Kulturgeschichte der Neuzeit" eine ähnlich offensive Gangart bei der Bewertung geschichtlicher Vorgänge pflegte, wobei er dessen Klasse in meinen Augen nicht erreicht. Rosendorfer nervt mit der Zeit, sein Urteil wirkt zu häufig in seiner beiläufigen, wenig oder gar nicht begründeten Art anmaßend.
Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb liest sich sein Werk amüsant und flüssig, und auch wenn es ärgerlich wird, macht die Lektüre dennoch Spaß. Zwar wirkt sein Sprachstil auf mich an manchen Stellen nicht schön (anders in den oben zitierten Büchern!), aber darüber kann man bekanntlich nicht streiten. Ich zumindest musste einige unglücklich aufgebaute Sätze mehrmals lesen, um sie zu verstehen.
Im Vergleich zum hier besprochenen zweiten Band schreibt Rosendorfer in seinem ersten Band der deutschen Geschichte (auch bei dtv erschienen, behandelt die Anfänge in der Germanenzeit bis zum Beginn des zwölften Jahrhunderts) noch etwas milder; aus Rosendorfers Sicht vielleicht mit Grund, mögen doch die handelnden Personen in jener Zeit etwas untadeliger gewesen sein.
Liest man beide Bände unmittelbar hintereinander, nutzt sich sein unterhaltender Stil schnell ab. Inhaltliche Wiederholungen fallen unangenehm auf, so zum Beispiel sein fortwährendes Wettern gegen die gewaltsame Missionierung. Seine Abscheu diesbezüglich mag ja berechtigt sein, jedoch ist es mit der Zeit ermüdend, immer wieder zu lesen, dass „christliche Lehre der Liebe den Slawen etc. über den Kopf gehauen wurde".
Insgesamt durchaus empfehlenswert, wobei etwas mehr Distanz zu den Ereignissen dem Buch sicherlich gut getan hätte. Es macht auf jeden Fall Lust, mehr über diese Zeit zu lesen.