Herbert Rosendorfer, der Schriftsteller mit dem treffsicheren Wort fürs außergewöhnliche Detail, nimmt diesmal die Anfänge der deutschen Geschichte unter die Lupe und schreibt auf seine alten Tage das x-te populärwissenschaftliche Werk in Sachen Geschichte... Ob das gutgeht? Ob das Sinn hat?
Um es kurz zu machen: Ja, es geht gut. Ja, es hat Sinn, und es lohnt sich zu lesen. Zumindest beim ersten Band; die anderen Bände kenne ich (noch) nicht. Freilich weiß Rosendorfer, dass er es im ersten Band, genaugenommen, noch gar nicht mit der deutschen Geschichte zu tun hat, sondern mit dem Gewusel auf jenem Gebiet, auf dem später mal in etwa Deutschland liegen wird, samt verschiedenen Anrainern. Ebenso weiß er, dass die beteiligten Völker allenfalls gelegentlich Germanen und später verschiedene Stämme waren, was denen aber längst nicht so wichtig war wie den späteren Historikern.
Was das Wort "deutsch" angeht, beziehungsweise dessen Vorläufer: Das Wort "theodisca" tauche relativ spät auf, erstmals während der Regierungszeit Karls des Großen, und beziehe sich auf die Sprache, die nötig sei zur Christianisierung linksrheinisch umtriebiger Stämme, denn "wer werben will, muß sich der Sprache bedienen, die der Umworbene versteht". So isses. Das Staatenkonglomerat, auf den sich das vermaldeite Wort bezieht, heißt seit 962 offiziell "Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation", und daran wird sich bis 1806 offiziell nichts ändern... Der Name ist freilich so ziemlich das einzige, an dem sich in der Zwischenzeit nichts ändern wird.
Was Rosendorfers "Deutsche Geschichte" angeht: Er beginnt mit einem "Was bisher geschah", das im Schulunterricht "Teutoburger Schlacht" und "Völkerwanderung" heißt, dort meist schnell abgehandelt wird. Es birgt jedoch jede Menge Stoff zum Erzählen, wenn man genauer hinschaut und Sinn hat für Zusammenhänge. Rosendorfer hat diesen Sinn, und er fieselt einen scheinbar hoffnungslos wirren Knäuel auseinander. Zu des Lesers Genuss tut er das in einem pointiertem Deutsch, wie man es selten serviert bekommt.
Im Gegensatz zu allzu vielen gegenwärtigen Populärhistorikern schreibt er nichts für die schnelle Lektüre, das ebenso schnell wieder vergessen werden kann, verrennt sich nicht in die derzeit beliebte mythenumwaberte Unterhaltung mit einem Mystikspritzer obendrauf, die mangels Faktentreue naturgemäß kritikresistent ist. Stattdessen hält er sich an historische Quellen, die er freilich nicht so akkurat nennt, wie das in wissenschaftlicher Literatur üblich ist (Aber keine Sorge, nennen tut er sie). Man könnte auch kritisieren (wenn man will), dass er diese Quellen durchaus nicht immer sine ira et studio wiedergibt, sondern öfters interpretiert. Andererseits... weist er (zu Recht!) drauf hin, dass all diese mittelalterlichen Schreiber, bei aller Ehre und allem Versuch, die "Wirklichkeit" festzuhalten, ihrerseits handfeste Interessen vertreten haben. Und außerdem wäre da noch zu beachten: Vor circa 2000 bis 1000 Jahren waren Weltbild und Wahrheits-Definition der Geschichtsschreiber noch etwas anders als heute. Etwas sehr anders. Auch darauf weist er übrigens hin.
Der erste Band von "Deutsche Geschichte" quillt über vor historischen Details, ohne den Überblick zu verlieren. Dass dieses Buch zwar Vorwissen beim Leser erfordert, aber dennoch kein Fachbuch ist und daher schonmal die Autorenfrechheit siegen lässt -- das weiß man vorher, wenn man schonmal was von Rosendorfer gelesen hat.
Wo sonst kommt man nebenbei auf die Idee, dass man Theoderich als frühen Vorgänger der Habsburger betrachten kann, jedenfalls in Sachen Heiratspolitik? Wo sonst kann man die religionsimmanente Islamimpfung gegen Kritik so amüsant nachlesen wie hier: "Stellten sich ihm Argumente entgegen, zog er sich in seine Höhlen zurück und kam bald mit geeigneten Visionen und neuen Engelsbefehlen zurück". Andernorts wird einem endlich klar, wieso einem reflexartig Ravenna einfällt, wenn man das Wort "Ostgoten" hört, und man lernt nebenbei den wichtigen Unterschied zwischen "König in Italien" und "König von Italien". Freilich könnte die harsche Kritik an der frühen katholischen Kirche vielen Lesern deftig vorkommen, auch wenn Rosendorfer hier kein Neuland betritt: Beispielsweise weist der seinerzeit ebenfalls populäre Werner Keller in "Und wurden zerstreut unter alle Völker" auf ähnliche Unterschiede zwischen Katholiken und Arianern hin (auch Keller betont die Toleranz arianischer Germanenstämme im Gegensatz zu den Katholiken).
Das ist freilich nur die ausgiebige Einleitung; den umfangreicheren Teil macht natürlich die Zeit der Karolinger, Ottonen und Salier aus. Auch hier liest man vieles, was man so herum noch nicht betrachtet hat -- angefangen mit der dekorativen Kaiserwürde selbst. Der inhaltliche Schwerpunkt liegt eindeutig bei den Herrschern, aber von denen ist auch am meisten überliefert...
Rosendorfer findet natürlich in diesen scheinbar vertrauteren späteren Epochen der Karolinger, Ottonen und Salier wieder vieles, was sonst oft übersehen wird.
Es gibt allerdings auch Kritisches anzumerken: Manchmal wäre es kein Luxus, wenn Rosendorfer drauf hinwiese, dass die in den nächsten drei, vier Abschnitten beschriebenen Vorgänge seitens dieses oder jenes Herrscherhauses im Sande verlaufen und keine historischen Folgen haben werden. Mit anderen Worten: Läse man diese drei, vier Abschnitte nicht, behielte man leichter den Überblick. Doch in diesem Buch weiß man nie: Ist das nun folgende Unbekannte wichtig, oder spielt's nur eine Nebenrolle, oder ist's völlig irrelevant? Hier hätte Rosendorfer unnötige Triebe stutzen sollen, wie ein guter Gärtner. Die Leser hätten ihm ein wenig Gliederung gedankt.
Andere Kritikpunkte sind weniger schwergewichtig: Ganz selten geht auch Rosendorfer in die Falle und setzt neuzeitliche Weltbilder bei den Mittelaltern voraus. Ich frage kopfschüttelnd dagegen: Wem von denen war bewusst, im möglicherweise schicksalträchtigen Jahre 1000 zu leben? Hingen in den primitiven Hütten etwa Kalender an der Wand? Ebenso merkwürdig ist die Vorstellung, in der Gemäldekunst der Romanik seien ähnlich realistische Porträts gemalt worden wie in der Renaissance. Nunja... Richtig ärgerlich ist der systematische Fehler, parallele Ereignisse als logisch voneinander abhängig zu betrachten (die Bogumilen als logische Folge des apokalyptischen Jahres 1000). Dass er "bayrisch" mit anachronistischem 'y' schreibt, bekennt Rosendorfer immerhin; es sei ihm vergeben. Kleinere Schusseleien (nicht nur Böhmen war nicht deutschsprachig, und die Reichenau-Klöster hätte er schonmal erwähnen können) seien ebenfalls vergeben; nobody is perfect. Ego te absolvo... Das gilt auch für einen einzigen (!) peinlichen Druckfehler. Mal sehen, ob der noch jemandem aufgefallen ist.
Die Lektüre lohnt sich für Leser mit Geschichtsinteresse, die keinen Bedarf haben an Wanderhuren und dergleichen.
Allerdings sollte der Leser nicht nur Interesse mitbringen, sondern auch ein gerüttelt Maß an Vorwissen -- und zwar deutlich mehr Vorwissen, als die Schule mitgab. Rosendorfer setzt nämlich einiges voraus. Wer darüber verfügt und es einfach mal wieder geordnet haben will, lebhaft formuliert und mit viel neuem Wissen obendrein, dem sollte das Lesen Spaß machen.