Zugegeben,
ganz wohl war mir nicht, als ich das 12-bändige Werk bestellte, obwohl es in der bis dahin einzigen Leserkritik nur zwei Sterne abbekommen hatte. (Etwas ermutigt wurde ich andererseits durch den Umstand, dass die Einzelbände der Frankfurter Anthologie mit fünf Sternen aufwarten können, ein Paradoxon, dem ich durchaus auf den Grund gehen wollte.)
Kurz gesagt: Ich bedaure den Erwerb der Sammlung keineswegs.
Durch die chronologische Anordnung verliert sie gegenüber den Einzelbänden zwar tatsächlich ein wenig den Stellenwert eines "Schmökers", durch den man, geleitet vom Chaos, nach Lust und Laune umhersurft, aber mehr als einen Stern möchte ich dafür nicht abziehen.
Dass man das Werk nicht in der Hoffnung kaufen sollte, germanistisch fundierte Interpretationen zu finden, kann ich bestätigen. Und ich verstehe auch, dass man in diesem Fall sehr enttäuscht sein kann. Wie Reich-Ranicki sich im Vorwort von 2002 über den Zusammenhang von Form und Inhalt auslässt, unterstützt diese falschen Erwartungen leider.
Aufschlussreicher ist sein Vorwort von 1976: "Die Verse, die wir abdrucken, hat jeweils ein Lyriker, Kritiker oder Literaturhistoriker vorgeschlagen, der seine Entscheidung in einem kurzen Kommentar begründet."
Die in der Tat angenehm kurzen Begleittexte sollen also gar keine wissenschaftlichen Interpretationen sein, sondern persönliche Stellungnahmen. Diese allerdings liefern in der Regel durchaus Fingerzeige für mögliche Deutungen, denen man sich anschließen, die man weiter denken oder denen man widersprechen kann - und so leisten sie das Beste, was ihnen möglich ist: Sie helfen, den eigenen Dialog mit dem Gedicht zu eröffnen.
Deshalb von mir die vier Sterne.