5.0 von 5 Sternen
Von Sigenot bis Superman, 11. Dezember 2011
Rezension bezieht sich auf: Deutsche Comicforschung 2006 (Gebundene Ausgabe)
Die Neunte Kunst ist keine Erfindung der Neuzeit, wie es merkwürdigerweise immer wieder kolportiert wird, und auch in deutschen Landen gab es Bildgeschichten vor Wilhelm Busch. Diese wie auch neuere, doch vergessene oder verschollene Comics ausfindig zu machen ist das Anliegen der "Deutschen Comicforschung".
Ein Ritterroman in Bildern aus dem späten Mittelalter wird von Dietrich Grünewald vorgestellt: "Der jüngere Sigenot", in dem Abenteuer des Sagenrecken Dietrich von Bern erzählt werden.
Der Herausgeber der Reihe Eckart Sackmann hat wieder emsig Beiträge über einzelne Cartoonisten und Szenaristen verfaßt - darunter einen der Gebrüder Grimm, den kaum bekannten Ludwig Emil Grimm, als auch den durch seine Weltkriegsromane weltberühmten Erich Maria Remarque! Dessen "Conti-Buben" wie auch "die nichtsnutzigen Streiche von Latsch und Bommel" aus der Feder des Berliner Karikaturisten Paul Simmel stehen für die eben nicht nur in Amerika heimischen launigen Zeitungsstrips aus der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts.
Comics erzählen jedoch nicht nur humorvolle Geschichten, sie standen auch im Dienste von Ideologien: Gerd Lettkemann berichtet über linke Arbeitercomics der ausgehenden Weimarer Republik, Sackmann wiederum über martialische kampfverherrlichende "Bilderbogen vom Kriege", deren realistische Gestaltung, horribile dictu, an diverse Bildgeschichten des viel später erschienenen, doch ebenfalls weltanschaulich untermauerten "Atze" erinnert.
Auf amerikanischer Seite nahm sich zu dieser Zeit Superman des Papierkrieges gegen die Nazis an - die in diesem Buch gezeigten Ausschnitte von Nazigrößen, die im Supermankostüm ihrem Kontrahenten begegnen, wirken aus heutiger Sicht freilich bizarr. "Und don't think ve lack der means to destroy you, Schweinhund!!"
Comics als typische Gebrauchskunst, nämlich als Werbeträger der Zigarettenindustrie werden von Günter Damman beleuchtet.
Schließlich widmet sich Michael F.Scholz einer Sternstunde des deutschen Comics: der Geburt und den Kinderjahren des "Mosaik" von Hannes Hegen, das freilich bald - und nicht zu seinem Nachteil - von einem ganzen Kollektiv gestaltet und in der DDR zu Recht fast mit Gold aufgewogen wurde.
Über eine mehr oder minder ebenfalls typisch ostdeutsche Comic-Kuriosität wird luzide von Guido Weißhahn berichtet: Bildgeschichten auf Dia-Rollfilmen, die zum Teil ausschließlich für dieses wunderliche Medium geschrieben und gezeichnet wurden - der eine oder andere Ost-, nun Mitteldeutsche mag sich vielleicht an Käpt'n Bramsegels Abenteuer erinnern.
Die "Deutsche Comicforschung" präsentiert reichlich nach Möglichkeit farbiges und teils ganzseitiges Bildmaterial, so daß die literaturwissenschaftliche Gewissenhaftigkeit nicht zu spröde daherkommt.
Ein Buch eines Kolibrigenres, sicher, aber dem wißbegierigen Interessierten sehr zu empfehlen.
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