Comics - damit verbinden viele Leser erst einmal Micky Maus und Asterix. Deutsche Comics? Die Wilhelm-Busch-Geschichten fallen einem da ein, die Fix-und-Foxi-Bände, dem ostdeutschen Publicum das "Mosaik", und wer Autorencomics liebt, weiß manche neue Namen zu nennen. Gegenüber der reichen frankobelgischen und der amerikanischen Tradition scheint die deutsche Bildgeschichte aber erst durch den Auslandsimport nach dem 2.Weltkrieg wiederbelebt worden zu sein - nach dem zu Recht immer noch populären Werk des großartigen Wilhelm Busch scheint eine Lücke zu klaffen.
Diese Lücke zu schließen und darüber hinaus verloren gegangene und wenig bekannte Comics des deutschen Sprachraums wiederzuentdecken und zu publizieren, aber auch Bildgeschichten aus ganz anderen Epochen dem Vergessen zu entreißen hat der nimmermüde Eckart Sackmann, weiland namhafter Comixene-Mitstreiter, die Reihe "Deutsche Comicforschung" ins Leben gerufen.
Der erste Band befindet sich bereits auf dem hohen Niveau, das die jährlich erscheinenden Bücher seither kennzeichnet.
Im Vorwort weist Sackmann, der die Mehrzahl der Artikel bestreitet, bereits darauf hin, daß er den Comic im weitesten Sinne begreift - so wie Comiczeichner und -theoretiker Scott McCloud, der jede Art von in Bildern erzählten Geschichten als solche begreift. Als schönes Beispiel dafür führt Sackmann eine Seite aus dem Evangeliar Heinrichs des Löwen aus dem 12.Jh. an - die abgebildete Geschichte zeigt sogar Dialoge in Sprechblasen!
Freilich stammt die Überzahl der wenig oder gar nicht bekannten Werke dann doch aus der viel produktiveren Neuzeit; Illustrierte aus der ersten Hälfte des 20.Jhs. stellen offensichtlich eine reiche Fundgrube dar. Vorgestellt werden einzelne Comic-Künstler wie beispielsweise der deutlich in der Busch-Tradition stehende Carl Storch oder der in den 20ern und 30ern in Periodika sehr präsente Emmerich Huber, oder einzelne Comicserien - eine heutzutage spröde wirkende Bilderzählung über die deutschen Kolonien zur Jahrhundertwende, eine Supermannserie aus den 30ern... Erfreulicherweise findet auch die wenig bekannte ostdeutsche Comicproduktion ihren Niederschlag: die Tiny-Winys dürften auch vielen "Mosaik"-Afficionados nicht bekannt sein, obwohl der Stil sich merklich an dieses anlehnt, Richard Hambach hat sich als Hauszeichner des Kindermagazins "Frösi" seine Würdigung ebenfalls sicher verdient.
Das Buch ist reich und, so möglich, farbig illustriert: auf jeder Seite finden sich Abbildungen, manche Geschichten werden sogar in Seitenformat vorgestellt. Sekundärliteratur, sonst eine etwas trockene Lektüre, präsentiert sich hier einmal farbenfroh und locker.