Auch wenn Reclam"heftchen" (dieses hier umfasst stolze 647 Seiten!) keine optische Zierde fürs Regal sind: Die von Hartmut Laufhütte bei Reclam veröffentlichte Balladen-Sammlung empfiehlt sich unbedingt -- chronologisch geordnet findet man hier viele, viele Balladen von 1756 bis zur Gegenwart, von Johann Wilhelm Ludwig Gleim bis Ulla Hahn; vertreten sind über 90 Autoren. Eine Entwicklungsgeschichte der deutschen Ballade also, anhand vieler, vieler Beispiele.
Man kann sich nach Herzenslust durchschmökern und sich erstaunt die Augen reiben: Es gibt kaum ein Metrum, kaum ein Versmaß, das nicht irgendwo zu finden wäre. Das scheinbar einfache "Erzählgedicht" ermöglicht eher schlichten Aufbau ebenso wie ausgebuffte Rhythmen und Versmaße, und was die Themen angeht: Hier gibt es nichts, was sich nicht für eine Ballade eignet. Wüste Moritaten und feierliche Heldensagen sind genauso vertreten wie Liebesleid und Liebeslust; man findet Spott, Satire, Anklage, Reflexion oder Zeitkritik; Zartes und Blutrünstiges sind vertreten, und oft werden ganz einfach gute Geschichten in Gedichtform präsentiert und gewinnen so zusätzlichen Reiz: Der Kaiser Rotbart lobesam kommt in feierlichem Andante zum Heilgen Land gezogen, Fontanes "Brücke am Tay" zerreißt vor allem Inhalt schon formal vor innerer Spannung, während Theodor Storms Katzengewusel ("Von Katzen") nach gemütlichem Anfang mit exponentiell ansteigender Katzenzahl in ein komisches Finale furioso mündet.
Man kann sich auch den Spaß machen, nach der allergelungensten Schlusspointe zu fahnden: Schillers "Taucher" oder Mühsams "Kleiner Roman", oder macht doch ein ganz anderer Kandidat das Rennen? Das kann kein Zielfoto entscheiden.
Klar kann einem bei einer derart umfangreichen Zusammenstellung nicht alles gleich gut gefallen; dass manche Gegenwartsautoren allzu pretenziös die Form problematisieren (um des Problematisierens willen? -- Keine Ahnung!), geht mir z.B. schon mal auf die Nerven... Andere mögen die Aufnahme gerade solcher Beispiele begrüßen. Der Formenreichtum der Ballade erweist sich auch hier als Glücksfall.
Klar sind die vielen üblichen Verdächtigen aus Klassik, Romantik und Realismus mit an Bord, wie es sich für eine Balladen-Anthologie gehört.
Aber auch unbekannte Autoren und Balladen bzw. Autoren, die man nicht in erster Linie als Balladendichter kennt, sind vertreten; der Leser kann seine individuellen Entdeckerfreuden ungebremst austoben: Kurt Marti und h.c. artmann (beim Lesen von Artmanns wilder Moritat "Drei Mohren stehn im Felde" hört man förmlich den Leierkasten im Hintergrund) sind ebenso zu finden wie z.B. die zu Unrecht fast vergessene Gertrud Kolmar, die alle Register ziehen konnte: Von atmosphärisch dichtem alttestamentarischem Orient in "Thamar und Juda" bis zum lakonischen Herrscherporträt "Ludwig XVI., 1775".
Die Zusammenstellung ist repräsentativ, kein wichtiger Balladendichter fehlt (so jedenfalls mein Eindruck). Und dass auch jede Menge weniger bekannte Autoren vertreten sind, macht diese Anthologie noch reizvoller.
Literaturwissenschaftlich unbelastete Leser werden sich vermutlich am Nachwort ein wenig die Zähne ausbeißen, in dem Laufhütte neben literaturhistorischen Aspekten vor allem gattungstheoretischen Fragen nachgeht. Das heißt allerdings nicht, dass man dieses Nachwort ignorieren sollte... Nur sollte der Leser drauf gefasst sein, dass ihn hier keine leichte Kost erwartet.
Bei dieser Anthologie kommen schiere Lust am Lesen und Freude am Spiel mit der Form voll auf ihre Kosten -- also eine dicke Empfehlung für dieses dicke Reclam"heftchen".