Aus der Amazon.de-Redaktion
Alles erfahren über „des Prols reine Seele“ will Moritz von Uslar. Zu diesem Zweck sucht der Reporter von der Spree eine „möglichst beschissene Kleinstadt“ im Wilden Osten der Republik. Jenseits des Berliner Speckgürtels, in Zehdenick – im Buch Oberhavel genannt –, wird der Autor fündig. Von Uslar lässt seinen Drachen steigen und nähert sich gefühlter Arbeitslosigkeit, getunten Autos, rasierten Glatzen und einem Friseursalon, der „Kamm Inn“ heißt. Leser erfahren, wo beim Kratzputz der Lack ab ist, dass in der DDR Bier in Raumtemperatur getrunken wurde – und was es mit
Deutschboden auf sich hat.
Als „teilnehmende Beobachtung“ betituliert der Autor seine Notizen aus der ostdeutschen Provinz. Diese ursprünglich sozialwissenschaftliche Methode begründete Bronislaw Malinowski vor rund 100 Jahren mit seinen Forschungen in Melanesien. Angesichts der vom Völkerkundler geforderten Dauer von mindestens einem Jahr, relativiert sich von Uslars dreimonatiger Aufenthalt in Brandenburgs Hinterland. Andererseits ist ein Vierteljahr als Zeitraum für eine Reportage üppig, da beackern andere Schreiberlinge währenddessen die ganze Republik.
Im Labyrinth der Kleinstadt leuchtet der Autor Alltag und Ansichten einiger Kameraden genauer aus, andere erscheinen nur im Schlaglicht. Seine Sicht spiegelt die Männerwelt wider, eine Reporterin würde in Zehdenick andere Lebenswelten aufspüren. Nicht nur wenn von Uslar den Frieden des Bieres genießt oder beim Boxtraining die Leere im Kopf verspürt, zeigt sich, dass er auf seinem Trip mindestens so viel über sich selbst erfährt wie der Leser über das ostdeutsche Outback.
Im Unterschied zu Wissenschaftlern filtert von Uslar seine Eindrücke bewusst subjektiv und literarisch. Das ermöglicht es dem Leser, in die Rolle eines Ringrichters zu schlüpfen, der Treffer des Berliner Stadtmenschen sowie der Zehdenicker Urgesteine bepunktet – und liefert einen Grund mehr, warum das Buchkonzept weit genug trägt. Ganz wie im richtigen Leben fangen die besten Geschichten in der Gaststätte Schröder an. Und der Leser lehnt mit am Tresen und verputzt ordentlich „Molle“.
– Herwig Slezak
Kurzbeschreibung
Ich sagte: Ich haue ab von hier, dort hin, wo kaum ein Mensch je vor uns war – nach Hardrockhausen, Osten, nordöstliche Richtung, nicht zu weit weg, vielleicht eine Stunde von Berlin entfernt. Dort suche ich mir einen Boxclub, trainiere mit, hänge rum und tue nichts, außer die ganze Zeit nur zuzuhören und zuzugucken, was passiert, und abends stelle ich mich da hin, wo der totale Blödsinn erzählt wird, auf Parkplätze, an Tankstellen, in Pilslokale, und nebenbei erfahre ich alles über des Prolls reine Seele, über Hartz IV, Nazirock, Deutschlands beste Biersorten und die Wurzel der Gegenwart.“
Moritz von Uslar geht in eine Kleinstadt im Osten Deutschlands, er bleibt drei Monate und kehrt mit dieser großen Erzählung, einer Geschichte der Gegenwart, die gleichzeitig Reportage und Abenteuerroman ist, zurück.
Willkommen in jenem unbekannten Land, das Deutschland heißt.
Draußen, vor der Großstadt, wo Hartz IV, Alkoholismus, Abwanderung und Rechtsradikalismus angeblich zu Hause sind: Hier beginnt diese Geschichte. Der Reporter sucht nach einem Ort mit Boxclub und Kneipe und findet ihn im Landkreis Oberhavel, gut eine Autostunde nördlich vor Berlin. Pension Heimat, Franky’s Place, Gaststätte Schröder: Pils am Tresen, Diktiergerät am Mann. Der Reporter hört zu, guckt zu, trinkt mit, trainiert mit, labert mit, und am nächsten Morgen steht er wieder da. Es erscheinen der Kneipenchef Heiko, der Geschichtenerzähler Blocky, der tätowierte Punk Raoul, und damit ist der Zugang eröffnet: zu den Proben der Band »5 Teeth Less«, zu Grillfesten mit Deutschlandfahne, zum Abhängen am Kaiser’s-Parkplatz und an der Aral-Tankstelle – und zum Alltag junger Männer, die vielleicht keine großartige Zukunft haben, aber einen ziemlich guten Humor.
Die präzisen Beobachtungen, im Wortlaut mitgezeichneten Gespräche, die Gags, Sprüche, Märchen und Blödeleien und die Fülle absurder, rührender und furchterregender Alltäglichkeiten entwickeln einen Sog, der den Leser hineinzieht in das Leben in der ostdeutschen Kleinstadt. Das ist klassisches und das ist modernes Reportertum.
Moritz von Uslar besitzt den Mut, die Ausdauer und das Einfühlungsvermögen, um zu zeigen, dass Wirklichkeit immer jener Ort ist, der jenseits der Erwartung liegt. In diesem Buch ist Platz für allerhand Abstrusitäten, bloß für keine Trostlosigkeit. Deutschboden leuchtet – es ist das Licht der Tankstelle an der Ausfallstraße nachts um halb eins.