Wolf Schneiders Empfehlungen zur Wortlänge, zur Syntax und zum geschliffenen Ausdruck haben schon in „Deutsch für Profis“ hin und wieder den Beigeschmack der Erbsenzählerei angenommen. In seinem neu gesampelten Rezeptbuch macht sich aber zusätzlich eine Form des Altersstarrsinns breit, die einem die Lektüre gänzlich verleiden kann. Etliche der 44 Rezepte, die Schneider kredenzt, sind brauchbar und machen sich gut, wenn man sie anwendet - beispielsweise die Empfehlung, hin und wieder einen Nebensatz mit einem Gedankenstrich abzusetzen. Und natürlich auch das oberste Gebot des lebendigen Satzes, nämlich Verben zu hofieren, wo es nur geht. Und klingt es nicht auch überzeugend, manchmal eine Frage in einen Text einzustreuen? - Sicherlich, nur: Aus fast jeder Seite seines Buches reckt sich dem Leser ein erhobener Zeigefinger entgegen. Und diese Besserwisserei kann einem sehr bald auf die Nerven gehen. Noch dazu, wo dem Rechthaber Schneider selbst Fehler unterlaufen. Etwa wenn er den Satz „Ein Schiedsrichter wurde im Vorfeld des Spiels kurzfristig abberufen“ kritisiert, weil „kurzfristig“ doch eindeutig und ausschließlich „für eine kurze Frist“ heiße. „Abgelöst also vielleicht für zwei Stunden oder zwei Spiele? Vermutlich nicht“, unkt Schneider. Ach, hätte er doch nur in den Duden geschaut! Bd. 2, Stilwörterbuch, S. 492: Da steht schwarz auf weiß, dass „kurzfristig“ sehr wohl auch „ohne vorherige Ankündigung“ bedeutet. Aber gut, solche Fehler können einem auf 300 Seiten schon passieren.
Was schwerer wiegt, ist dass Schneider eines gänzlich übersieht: Sprache besteht nicht allein aus ökonomisch verteilten Silben, aus Wortklassen, richtiger Syntax und fehlerfreier Grammatik. Das alles bildet nur das Gefäß, die sprachliche Verpackung für den Inhalt, sprich: den Geist, der in den Sätzen steckt, und auf den kommt es an! Und dieser Geist lässt sich manchmal nur ungern und zum Preis seiner völligen Verstümmelung in Einheiten von 12 Silben/6 Wörtern quetschen, wie es Schneider empfiehlt. Diesen Aspekt aber übersieht der Sprachpapst in seiner neuen Stil-Enzyklika.
An einer Stelle zitiert Wolf Schneider aus dem Brief des Apostel Paulus an die Korinther, um die sprachliche Wucht einfacher Hilfszeitwörter zu demonstrieren: „Wenn ich mit Mensch- und mit Engelszungen redete und HÄTTE der Liebe nicht…“ (Hervorhebung Wolf Schneider). Es ist bezeichnend, dass Schneider das Zitat an dieser Stelle abbricht und sich lediglich mit dem ersten Halbsatz des Paulus zufrieden gibt. Denn der Satz endet, wie hinlänglich bekannt ist, mit der schönen Erkenntnis: „… so wäre ich nur ein klingendes Erz oder eine tönende Schelle.“ Bei Wolf Schneider hört man es tönend schallen. Er hat ein unendliches Wissen um das bessere Deutsch und noch mehr besserwisserisches Sendungsbewusstsein. Sein Buch „Deutsch!“ ist genauso aufdringlich und letztlich überflüssig wie das Rufzeichen im Titel. Stilistisch interessierte Leser sind mit der 25. Auflage von „Deutsch für Profis“ auf jeden Fall besser beraten.