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Das Problem ist philosophisch und theologisch in vielfältigster Art und Weise behandelt worden, aber es sind auch künstlerische Annäherungen möglich: Spätestens seit den barocken Passionen vor allem Johann Sebastian Bachs kommt zwischen den berichtenden Passagen des Evangelisten das menschliche Individuum mit reflektierenden Arien zur Sprache und schafft auf diese Weise Bezug zur aktuellen Lebenswirklichkeit, zur Leiderfahrung im eigenen Leben. Damit wird übrigens noch ein weiteres theologisches Problem in den Blick genommen, nämlich dasjenige der geschichtlichen und auch geografischen Entfernung des fraglichen Passionsgeschehens, durch die es für unseren heutigen Alltag offenbar äußerst wenig Anknüpfungspunkte bietet.
Freilich waren schon bei Bach die kontemplativen Arientexte, wie auch die Choralstrophen, nicht beliebige Poesie, sondern wurden aus Bibelworten zusammengestellt. Ähnlich verfährt Rihm, der den ausgedünnten lukanischen Passionstext mit liturgischen Texten der Karwoche durchsetzt, die entweder der Psalmodie entstammen oder Hymnendichtung sind. Den Abschluss bildet allerdings Paul Celans beklemmendes Gedicht "Tenebrae", das die menschliche Leiderfahrung wiederum auf das Holocaust-Geschehen fokussiert.
Dieser überzeugenden Textzusammenstellung gibt Wolfgang Rihm eine weitgehend sehr beeindruckende musikalische Gestalt, die immer wieder verfremdete Anklänge an die Musik Johann Sebastian Bachs durchscheinen lässt. In den freien Passagen wird darüber hinaus die ganze Ausdruckspalette von solistischem und chorischem Gesang mit Begleitung eines großen Orchesters zur Anwendung gebracht. Spannungsreiche Piano-Abschnitte, wie etwa das eindringliche "Barabbas"- beziehungsweise "kreuzige"-Geflüster des Chores und erschreckende plötzliche Geräuscheffekte bei der Pilatus-Frage "Bist du denn der Sohn Gottes?", bilden die Eckpunkte des umfangreichen kompositorischen Handwerkszeugs, das Rihm zur Verfügung steht.
Ein wenig ermüdend sind dabei allenfalls manche Gesangspassagen der Solisten, die auf Grund ihrer großen, schwierigen Intervallsprünge bei gleichzeitigem dramatischen Duktus von den Sängern nicht ohne eine gewisse Aufregung und mit entsprechend starkem Vibrato bewältigt werden können (Ausnahme: Juliane Banses brillantes Solo "Qui cogitaverunt". Hier bewährt sich deutlich ihr absolutes Gehör). Solche etwas ermüdenden Stellen werfen mitunter die Frage auf, ob diese Art der Führung von Gesangsstimmen nicht mittlerweile etwas verbraucht ist und durch andere Formen des Ausdrucksgesangs abgelöst werden könnte. --Michael Wersin
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Rezension bezieht sich auf: Deus Passus (Audio CD)
Ein sensationelles Stück mit hervoragenden Künstlern umgesetzt! Rihms "Deus passus" ist eines der wenigen zeitgenössischen Beispiele für eine tiefe, aber dennoch - oder gerade deshalb - zeitgemässe Spiritualität, die nicht an den historischen Ereignissen der Passion "klebt", sondern die allgegenwärtige Dimension des menschlichen Leidens thematisiert. Genial auch der Abschluss des Werkes mit Celans "Tenebrae", der den Bogen in die jüngste Vergangenheit spannt, ohne das poetische Niveau der Komposition zugunsten aktueller Bezüge zu verraten.
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