Wer kennt schon Detlev von Liliencron? Gewiss, wer die Möglichkeit hatte, alte Lesebücher aus der Kaiserzeit zu erhaschen, der kennt ihn noch und erinnert sich.
Und genau so ist es mit seinem Werk, aus dem hier in diesem wirklich schönem Buch eine Auswahl zusammengestellt wurde, die "gute, alte Zeit" wird sichtbar.
Gedichte, Erzählungen, ein kleines Drama ("Arbeit adelt") und der vollständige Text des Epos "Pogfred", ein anständiges Nachwort und allerlei Hinweise bringen eine "runde Sache" zuwege.
Walter Hettche, Akademischer Oberrat am Institut für Deutsche Philologie der Universität München hat mit seinen Studenten eine schöne Arbeit geleistet, indem er diese Auswahl zusammenstellte.
Was wird geboten?
Erst einmal als Einstieg Gedichte und zwar die "Adjutantenritte" von 1883.
Und schon haben wir das Thema, das ihn fordert: alte Burschenherrlichkeit, Husarenromantik, ehrliches Haudegengefühl vermischt mit Kaisertreue. Wie sollte es denn auch anders sein, erhielt er doch später eine kleine Rente von seiner verehrten Majestät nachdem er sich über viele Stationen als Husar, als Privatier (auch einmal in Amerika) und als selbstständiger Schriftsteller durchschlug.
Aber seine Gedichte, sein eigener Stil, alles sehr interessant. Schon der Beginn ist verheißungsvoll und im "Pogfred", da illuminiert er zuweilen, indem er mit den Formen spielt, Rhythmus und Reime vielfältig einsetzt und nicht nur Fingerübungen vollführt, nein, da ist schon mehr vorhanden.
Ein Beispiel gefällig?
Neben "Pidder Lüng", "Trutz, blanke Hans" oder "Die Musik kommt" entstehen auch solche Gedichte wie:
"Brodway in New-York"
Die Straße, die den Westen mit dem Osten,
Und wieder weiter mit dem Westen bindet,
Betrat ich einst: der Reichtum uns`rer Erde
Durchfließt die Ader von New-York.
Ich sah der Völker bunte Mischung hasten.
Doch drängte sich der Yankee, klug und rastlos
Vor allem hier: In seinen scharfen Augen
In seinem Rennen, seinem Fluchen fand ich
Nur eins: die unersättlich große Gier
Nach Gold, auf alle Wege Gold zu machen.
Ersetze in Gold nur einen Buchstaben durch einen anderen, dann steht da statt Gold Geld!
Gut, lassen wir es so stehen.
Vom Naturalismus der ersten Verse hin bis zum Expressionismus, dass Richard Dehmel selbst davon angetan war und ihm ein ehrendes Nachwort zurief, das ist wichtig.
Seine Gedichte gehen ein, seine Prosa ist ehrfürchtig, bieder, fast fromm, eben deutsch und sein Drama "Arbeit adelt" lädt zum Schmunzeln ein, man könnte sich keine schönere Seifenoper vorstellen, ein Vorbild fürs deutsche Fernseh-Nachmittagsprogramm sozusagen, vorweggenommen und entstanden in seiner Zeit.