Lesezeichen Die Macht, die Angst, der Tod - Imre Kertész erzählt eine Geschichte, die nicht vergehen will Imre Kertész' «Detektivgeschichte» ist ein Lückenfüller und Raumgreifer, eine Fingerübung, die von souveräner Meisterschaft zeugt. Als Kertész seinem ungarischen Verleger 1976 den «Spurensucher» vorlegte, stimmte dieser einer Veröffentlichung unter der Bedingung zu, dass er, um zehn Druckbogen voll zu bekommen (es herrschten die Gesetze der realsozialistischen Mangelwirtschaft), noch irgendetwas dazu schreibe. Kertész griff auf «eine alte, flüchtige Idee» zurück, die im Zug der Niederschrift des «Romans eines Schicksallosen» untergegangen war. Die Sache hatte es in sich, ging es doch mitten in der kommunistischen Diktatur um «die Technik einer auf illegalem Weg hochgekommenen Macht». Kertész suchte den Radikalismus der Geschichte durch die Verlegung der Handlung in ein imaginäres lateinamerikanisches Land zu retten. Der Coup gelang, und innerhalb von zwei Wochen fand der kleine Roman zu seiner Form. Parabelhaftes Kammerspiel Als freie Fiktion ist die «Detektivgeschichte», die der Rowohlt-Verlag zum 75. Geburtstag des Autors in der Übersetzung von Angelika und Peter Maté vorlegt, ein für Kertész untypisches Buch bildet sein Werk doch ein organisch gewachsenes System autobiografischer Variationen. Kertész hat gut daran getan, reduktionistisch zu verfahren. Das Ambiente ist rudimentär gehalten, das Personal wirkt typisiert, eine einfache Rahmenkonstruktion ein Anwalt legt nach dessen Hinrichtung die Beichte seines Mandanten Antonio R. Martens über sein Handeln im Staatssicherheitsdienst des «Corps» vor schafft Distanz. Die Dialoge sind elliptisch zugespitzt, die Figurenkonstellation wirkt modellhaft und bietet doch stupende psychologische Tiefe. Suspense wird man in der «Detektivgeschichte» nicht finden, vielmehr handelt es sich um ein parabelhaftes Kammerspiel über die Logik der totalitären Macht, der die Kontrolle über den Schrecken, den sie ausübt, entgleitet. Das «Corps» wird zum Staat im Staat, die Bürokratie des Terrors verwirklicht sich schicksalhaft. Verdacht, Verhör und Folter lassen Wahrheit und Gerechtigkeit verdampfen. Die Begriffe von Opfer und Täter, Treue und Verrat verschwimmen. Wo Macht und Moral, Wahrheit und Methode sich absolut setzen, entsteht die höchste Form von Unrecht. Martens rutscht über die Karriereleiter ins System des Terrors dem aufrechten Kripobeamten winken Geld, Prestige und Aufstiegschancen. Die dringliche Rettung des Vaterlandes angesichts einer Attentatsdrohung erlaubt nur eine flüchtige «Hirnwäsche», so dass bei ihm Restzweifel bleiben, die sich in Kopfweh entladen. Dem «Philosophen» Diaz und dem Fanatiker Rodriguez zugeteilt, wird Martens bald der perversen Logik seiner Aufgabe gewahr, doch ein Zurück gibt es nicht. Ironischerweise wird einzig er, der Mitläufer, es sein, der am Ende mit aller Härte zur Verantwortung gezogen wird. Es ist der Fall Salinas, an dem der Lauf der Dinge exekutiert wird. Er wird das Ende der Diktatur besiegeln. Federico Salinas, der schwerreiche Besitzer einer bekannten Warenhauskette, und Enrique, sein romantisch bewegter Sohn, werden hingerichtet, nicht weil sie des tatsächlichen Verrats überführt wurden, sondern weil ihre evident gewordene Unschuld die Macht blamieren würde. Unbescholtene eingesperrt und gefoltert zu haben, so das Kalkül des Obersts (das sich als falsch herausstellt), würde die Herrschaft mehr gefährden als ein «Justiz»-Mord. Die Salinas haben sich verdächtig gemacht durch verschwörerisches Gebaren, das sich freilich als eine Inszenierung des Vaters erweist, um den Sohn vor einer wirklichen oppositionellen Verstrickung zu bewahren. Doch die Wahrheit zählt nicht mehr, wenn sich die Ängste und Fiktionen einmal hochgeschaukelt haben. Des Vaters Bluff, der dem Überleben dienen soll, wird zur tödlichen Falle. Imre Kertész interessiert weniger die Folter als solche (deren Brutalität er lediglich aufblitzen lässt) als der Zusammenhang von ideologisch-moralischer Sendung und Machtanspruch, Paranoia und Ordnungswahn. Naturgemäss nimmt er Partei für die Opfer, doch weiter, als es das Tabu üblicherweise erlaubt, denkt er sich in die Täter hinein. Es ist der Ausnahmezustand, der die Dinge ins Gleiten bringt. Wo die Angst offensiv wird, schiebt sich die Macht über das Gesetz, triumphieren das Freund-Feind-Denken und die Vernichtungslogik. Diaz begründet sein Tun ironisch-zynisch, Rodriguez fundamentalistisch. «Wer etwas anderes will», wer Zweifel anmeldet an der verordneten Ordnung, ist für ihn ein «Jude»: «Warum sind sie dagegen? (. . .) Wir wollen doch nur das Beste für sie, wollen sie aus dem Dreck ziehen, wollen Ordnung für sie, damit wir stolz auf sie sein können.» Die wahre Veränderung erblickt er in der «Revolution der Cops», deren Interessen in einer faschistischen Internationale konvergieren selbst im Apparat nistet der Verrat. Anders als Diaz, der es beim Foltern maschinell sauber und bequem mag, macht sich Rodriguez die Hände gerne schmutzig: «Der Delinquent sieht [sonst] nicht, dass man dabei guter Laune ist. Das aber (. . .) ist gerade das Geheimnis der Wirkung.» Martens zeigt sich schockiert, doch der Versuch des Widerspruchs scheitert. Sein Mitleid ist echt, doch seine Moral bleibt abstrakt. Später, als er selbst im Sumpf steckt, wird er sich auf seine Naivität berufen («ich bin ja nicht Polizist, um so etwas deuten zu können»). Er nützt die Situation skrupellos aus, als er sich nach dessen Tod Enriques Freundin sexuell unterwirft, behauptend, «dass in dieser Sache jeder seinen Teil zu zahlen hatte, jeder». Über die Lektüre von Enriques Tagebuch beginnt er sich mit dem zwischen Daseinsekel und Lebenshunger zerrissenen jungen Mann zu identifizieren, wobei sich in ihm das Bewusstsein von Schuld mit dem Allmachtsgefühl dessen mischt, der gottgleich die Dinge lenkt: «Die Ereignisse an sich bedeuten nichts. Das Leben lässt sich auch als Zufall betrachten. Die Cops aber sind dazu da, dass sie Logik in die Schöpfung bringen.» Was nicht heisst, dass Martens nicht weiss, dass er im Grunde wie alle nur eine Rolle spielt im «unersättlichen, gierigen und ewig hungrigen Räderwerk» der Macht. Seelische Wüste Zurück bleibt eine seelische Wüste zwischen Vater und Sohn, aber auch unter den Tätern, im Verhältnis Martens' zu sich selbst. Die «Detektivgeschichte» zeigt auf, wie die Folter den Menschen in seiner Substanz zerstört. Wem einmal Körper und Geist geschändet wurden, wer die Hölle von Schmerz, Angst und Einsamkeit durchlitten hat, dem wird keine Heilung mehr zuteil. Das Sterben aber setzt sich fort in der Scham. So wie er, Imre Kertész, der ehemalige Lagerhäftling, über Auschwitz zu reden begann, als es keiner hören wollte, so lässt er Martens Zeugnis ablegen wider die Tyrannei des Todes: «Ja, Schweigen ist Wahrheit. Aber eine Wahrheit, die stumm ist, und es werden die Recht haben, die reden.» Wie dünn der Firnis des Humanen ist, wie sehr das Perverse im Normalen nistet und wie schnell das Tier in unsereins erwacht, ist einem zuletzt an den menschenverachtenden Exzessen im irakischen Gefängnis von Abu Ghraib jäh bewusst geworden. Imre Kertész hatte anderes im Sinn, als er die «Detektivgeschichte» verfasste, und doch verweist fast alles darin mit Dringlichkeit auf die Aporien von Freiheit und Sicherheit in unseren Tagen. So universal ist seine Literatur, so undogmatisch und unaufgeregt, dass sie die Würde des Nobelpreises mittlerweile weit übersteigt. Andreas Breitenstein
Ein Umsturz, irgendwo in Lateinamerika. Eine Diktatur wird errichtet. Dem Polizisten Antonio Martens bietet sich eine Chance zu unverhofftem Aufstieg: Er wird zum Corps berufen, wo er auf den ebenso charismatischen wie undurchsichtigen Vorgesetzten Diaz und seinen sadistischen Spießgesellen Rodriguez trifft. Mit harmlos anmutenden Beschattungen fängt es an, mit der Aufnahme zahlloser unbescholtener Bürger in das Register. Doch Rodriguez hat eine Foltermaschine in Auftrag gegeben, die er zu nutzen gedenkt. Martens verschließt davor die Augen. Während überall nach Aufständischen gefahndet wird, kämpft er mit Gefühlen, die zu schwach für echten Zweifel, aber zu stark für reine Bedenkenlosigkeit sind. Ein Gegner des Regimes soll der junge Enrique Salinas sein ein Träumer, der trotz aller Bemühungen keinen Anschluß an den Widerstand findet. Doch schon sein Traum genügt, um den staatlichen Unterdrückungsapparat in Gang zu setzen. Antonio Martens, ahnungsloser Täter und ahnungsloser Zeuge zugleich, beginnt zu begreifen, daß er Teil einer großen Mordmechanik ist. Die "Detektivgeschichte" ist in Ungarn erstmals 1977 veröffentlicht worden. Jetzt endlich erscheint die Erzählung, deren universale Gültigkeit sich angesichts neuer Kriege und neuer Folterexzesse immer wieder bestätigen wird, in deutscher Sprache.