(Vorsicht, Spoiler!)
So lautet der Titel eines der frühesten Filme des unübertroffenen Komikerduos Laurel und Hardy, und auch George Marshalls Westernklassiker "Destry Rides Again" aus dem Jahre 1939 könnte durchaus ein Behosungsversprechen im Untertitel führen, da diese temporeiche Komödie sich unter anderem der Frage zu widmen scheint, was einen Mann zu einem Mann macht - die Antwort, die Jeffrey Lebowski auf diese Frage gibt, war 1939 wohl noch niemandem bekannt und hätte auch sicher nicht so unverblümt formuliert werden können.
Zur Handlung: Das kleine Westernstädtchen Bottleneck ist - wie uns ein langer dolly shot zu Beginn des Filmes zeigt - ein rauhes Pflaster, auf dem Laster und Zügellosigkeit aller Art fröhliche Urständ feiern. Unterstützt vom korrupten Bürgermeister Slade (Samuel L. Hinds), einer Handvoll Schläger und der verführerischen Sängerin Frenchy (Marlene Dietrich), rafft der schurkische Geschäftsmann Kent (wie immer brillant in der Rolle des Tunichtguts, Brian Donlevy) das Land der benachbarten Höfe an sich, indem er die Farmer beim Poker mit Frenchys Hilfe betrügt. Als Sheriff Keogh seinem Treiben Einhalt gebieten will, wird der Gesetzeshüter kurzerhand umgebracht, und Slade ernennt den Trunkenbold Washington Dimsdale (Charles Winninger) zu seinem Nachfolger - in der Annahme, daß diese abgehalfterte Witzfigur ihm und Kent nicht gefährlich werden könnte. Doch Slade soll sich irren, denn kaum ist sich Dimsdale seiner neuen Verantwortung bewußt geworden, da gelobt er mit den Worten "A man has got to choose between the bottle and the badge" Abstinenz und bittet Tom Destry (James Stewart), den Sohn des legendären Sheriff Destry, unter dem Dimsdale einst als Deputy diente, in die Stadt zu kommen, um ihm zu helfen, Bottleneck vom Verbrechen zu säubern.
Die Ankunft des jungen Mannes bereitet den Schurken indes keinerlei Unbehagen, denn er wirkt, als könne er keiner Fliege etwas zuleide tun. So steigt er mit Sonnenschirm und Kanarienvogel - die beide freilich einer Mitreisenden gehören - aus der Kutsche und macht sich im Saloon zum Gespött, als deutlich wird, daß er keine Waffe trägt. Als er dann auch noch ein Glas Milch bestellt, hat die ganze Stadt endgültig den Respekt vor ihm verloren, und Dimsdale fragt sich reumütig, was denn aus dem Sohn des legendären Town Tamers geworden sei. Allerdings darf er dies bald genug herausfinden ...
"Destry Rides Again" ist ein actionreicher und ungemein witziger Western, in dem die Dietrich zudem auch sehr viele Gelegenheiten hat zu singen - worin meiner Meinung nach ihre größte Stärke liegt. Im gleichen Jahr erschienen wie John Fords Klassiker "Stagecoach", in dem Charaktere und Topographie des Westerns einer Bestandsaufnahme unterzogen und das Genre vom Ruch der anspruchslosen Unterhaltung für Kinder befreit werden, widmet sich "Destry Rides Again" in besonderer Weise der Frage nach den typischen Attributen des Mannes, obwohl es gerade die Frauen sind - Marlene Dietrich auf der einen, Una Merkel auf der anderen Seite sowie der Aufmarsch der erbosten geballten Weiblichkeit am Ende des Filmes -, die die Handlung aktiv vorantreiben.
Ganz wie der versoffene Doc Boone, der einer der Passagiere in Fords "Stagecoach" ist, vermag auch der belächelte und wenig ernstgenommene Dimsdale im Angesicht von Gefahr und Verantwortung sein Laster in den Griff zu bekommen und sich - im Sinne des später von Howard Hawks zelebrierten professionalism - erfolgreich auf seine Aufgabe zu konzentrieren und dadurch seinen "Mann" zu stehen. "Mann sein", das hat also etwas mit "restraint", mit Selbstbeherrschung zu tun, wie auch Lee Clark Mitchell in seinem aufschlußreichen Buch "Westerns. Making the Man in Fiction and Film"* feststellt.
Der Titelheld Destry indes bietet die Tugend der Selbstbeherrschung freilich in noch größerem, fast bis an den Rand der Selbstverleugnung reichendem Maße auf. Nicht nur verzichtet er auf Whiskey und Revolver - wer schon einmal Bourbon getrunken hat, weiß außerdem, daß nicht viel Selbstbeherrschung zum Verzicht darauf dazugehört, das muß ich als Scotch-Trinker doch einmal sagen -, sondern er duldet es mit christlicher Demut, daß sich die gesamte Stadt über ihn lustig macht. So bietet ihm der Oberschurke an, sich bei Gefahr an "Uncle Kent" zu wenden, was Destry dann auch wenige Minuten später tut, und Frenchy reicht ihm Putzeimer und Wischmopp und feixt, daß er wohl auch auf diese Weise Dodge City gesäubert habe. Ich weiß nicht, wie es anderen Zuschauern geht, aber für mich ist diese öffentliche Demütigung Destrys stets schwer zu ertragen. Später allerdings zeigt sich, daß Destry sehr wohl ein hervorragender Schütze ist, der es - durch die hinterrücks durchgeführte Ermordung seines Vaters eines besseren belehrt - aus ehrlicher Überzeugung, und nicht etwa aus Feigheit oder Unfähigkeit, ablehnt, eine Waffe zu tragen. Die für Destry typische Kluft zwischen Schein und Sein, die eigentlich gar kein Widerspruch ist, da es Destry ja gar nicht darauf anlegt, als Revolverheld und harter Kerl bewundert und gefürchtet zu werden, erinnert ein wenig an den von Gregory Peck gespielten Protagonisten James McKay aus Wylers "The Big Country" (1958), einem der wohl gelungensten Western schlechthin. Während McKay allerdings in so ziemlich allem das genaue Gegenteil eines Westerners ist - dem Seemann mit Oststaatenhintergrund traut man im Westen ohnehin nicht viel zu - und es doch mit allen aufnehmen kann, wenn es denn drauf ankommt, sind die Erwartungen an Destry, der immerhin der Sohn eines berühmten Gesetzeshüters ist, ja im Gegenteil sehr hoch. Und es zeigt sich, daß Destry junior so sehr den Idealen des Westmannes entspricht, daß er es gar nicht nötig hat, den äußerlichen Klischees dieses Typus zu gehorchen.
Anders liegt der Fall bei Boris Stavrogin (Mischa Auer), einem emigrierten Russen, der stets im Saloon herumlungert und Frenchy schöne Augen macht. Er ist durch und durch geschwätzig, unentschlossen und ein Sklave seiner Begierde - mithin völlig ohne Selbstbeherrschung - und somit eben kein Mann im Sinne des Westerns. Dies wird unter anderem dadurch illustriert, daß er beim Wetten mit Frenchy seine Hose verspielt und unter Spott das Weite sucht. Später kommt seine resolute Frau in den Saloon, wo sie sich mit Frenchy einen erbitterten Kampf um das verlorene Beinkleid liefert - übrigens eine der beeindruckendsten Szenen des Filmes. Lily Belle (Una Merkel) mag zwar die Hose ergattern, doch schadet sie damit dem Ruf ihres Mannes eigentlich noch mehr, macht sie doch deutlich, daß bei ihnen ganz eindeutig sie im Besitz dieses prestigeträchtigen Kleidungsstückes ist. Aber Stavrogin hat nicht nur keine eigene Hose - ein running gag des Filmes ist es, daß er immer wieder versucht, in den Besitz von Hosen zu kommen, die er anderen Männern stehlen will -, sondern auch keinen eigenen Namen, wird er doch gemeinhin nach Lily Belles erstem Ehemann, dessen blitzendes Konterfei - ein Bild von einem Mann - über dem ehelichen Bett hängt, Callahan genannt, wogegen er sich erfolglos verwahrt. Der arme Stavrogin ist, alles in allem, meilenweit vom Idealbild des "Mannes" entfernt, doch auch er bekommt seine Aufgabe und kann sich schließlich von der unheimlichen Gegenwart Callahans emanzipieren.
Aber genug über das Mann-Sein. Schließlich spielt ja auch Marlene Dietrich die weibliche Hauptrolle, und dies tut sie ausgesprochen gut. Daß es zwischen ihr und Stewart gehörig knisterte, merkt man in ihren witzigen Wortgefechten sowie in der Szene, in der sie ihn aus dem Saloon wirft, sehr gut.** Leider ist Marshalls Film in bezug auf die Frauenfigur nicht ganz so revolutionär wie hinsichtlich des Helden, dem sein Ansehen als Held ganz gleichgültig ist, denn am Ende erwartet die Frau mit der bewegten Vergangenheit eben genau das, was so ziemlich jeder Western für sie parat hält - ich erinnere nur an Anthony Manns "The Far Country" (1954) -, und Destry scheint eine Zukunft an der Seite der anständigen, aber langweiligen Miss Tyndall (Irene Hervey) bevorzustehen. Dieses Ende wird schon in der Mitte des Filmes durch eine vielsagende Montage angedeutet: Kurz nachdem Destry der sich hinter Lügen verschanzenden Frenchy nahegelegt hat, einmal unter ihrer Schminke nachzusehen, was für ein Gesicht sich dort verberge, blickt diese nachdenklich in den Spiegel, dann ein Schnitt, und dann sehen wir Miss Tyndall, die sich ebenfalls im Spiegel begutachtet. Naja, auch diese Wendung sagt uns etwas über Männer ...
Trotz dieses ausgedehnten Subtextes ist "Destry Rides Again" aber ein sehr unterhaltsamer Western, der mit geschliffenen Dialogen, einer atemberaubenden Marlene, viel Musik und noch mehr Action aufwarten kann.
*Vgl. hierzu insbesondere das Kapitel 6: "A Man Being Beaten", das auch kurz auf Marshalls Westernkomödie Bezug nimmt.
** In Paul Simpsons "Rough Guide to Westerns" habe ich sogar gelesen, daß die Dietrich und Stewart eine heiße Affäre hatten und daß M.D. anschließend eine Abtreibung vornehmen lassen mußte (S.61).