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7 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
4.0 von 5 Sternen
Aktuelles Möbeldesign: Desire The Shapes to Come, 10. Juni 2009
Mit diesem englischsprachigen Buch werfen die Autoren einen recht guten Blick auf die aktuelle Designeravantgarde des Möbelbaus, die dem Menschen den zunehmenden Wunsch nach Individualität erfüllen möchte. Angeblich entwerfen Designer gerade aus diesen Beweggründen Möbel nicht mehr nach funktionalen Aspekten, sondern experimentieren mit fließenden Formen, kräftigen Farben und Kontrasten. Ihre Vision ist eine ekletische Fusion von vertrauten Elementen, die neu miteinander kombiniert werden und zu einem neuen haptischen Erlebnis führen sollen. Poliertes Massivholz trifft auf mattes Metall, Glasoberflächen werden von lackiertem Holz getragen und Plastik wird mit Leder verarbeitet.
Viele dieser Möbel, die in diesem Buch abgelichtet sind, finden Interessierte am Möbeldesign regelmäßig in der Halle 3 der IMM Cologne. Natürlich fehlen auch nicht die aktuellen Trends, die von den Designergrößen gesetzt werden, wie z.B. von Konstantin Grcic, David Trubridge, Fernando & Humberto Campana, Jasper Morrison, Jean - Marie Massaud, Mathias Bengtsson, Ron Arad, Patricia Urquiola, Ron Arad, usw. Interessant ist aber auch der Blick auf die jungen Talente, deren Ideen durchaus inspirierend sein können. So hat mich beispielsweise der Tisch Suppenkaspar von Nina Farsen (leider nicht in diesem Buch) auf der IMM Cologne 2008 dazu bewegt, über Möbel nachzudenken, die statische Grenzfälle darstellen und damit die Schwerkraft geradezu zum Duell herausfordern. Teilweise kann man zu diesem Zweck auch in fremden Fachgebieten wildern, wie z.B. in der Architektur. Da wäre an erster Stelle Santiago Calatrava zu benennen. Auf der IMM 2008 in Köln waren aber auch in unmittelbarer Nachbarschaft Designobjekte von Katrin Sonnleitner zu sehen, die in diesem Buch mit ihrer Möbelette oder Immöbel Chest Of Drawers vertreten ist. Weitere Namen, die sich evtl. in der Zukunft weiter etablieren könnten, sind z.B. Hunn Wai, Tom Price, Oki Sato, usw. Dazu gesellen sich dann auch noch Lampen aus Wachs, die mit zunehmender Nutzdauer sozusagen dem Kunden davon schmelzen. Natürlich sind viele der hier abgebildeten Produkte sozusagen reine Designobjekte, die kurzfristig den Kunden oder Betrachter affektiv an das Objekt binden, welches aber letztendlich mehr ein Kunstobjekt bzw. Spaßdesign ist als ein ernstzunehmender kommerzieller Nutzgegenstand. So wird der kreative Funke und der Entstehungsprozess der Möbel hier oftmals nur zu einem erzählenden Mittel, um unsere Alltagskultur kritisch zu reflektieren. Stühle, Schränke oder Lampen gehen dabei über ihre Funktion oder den symbolischen Wert hinaus, um auf spielerische Art und Weise deren kulturelle Bedeutung zu reflektieren oder in Frage zu stellen.
Meines Erachtens ist das Buch aber auch ein Hinweis darauf, dass das Design auf der Suche nach Innovation verzweifelt und sich formal nicht mehr großartig weiterentwickeln wird. Diesbezüglich denke ich auch an einige nachdenkliche Sätze von Konstantin Grcic, einem deutschen Stardesigner, der natürlich auch in diesem Buch vertreten ist. Er versteht unter Design Auftragskunst, die sich aufgrund des Dialogs mit dem Kunden, vom Markt, vom Herstellungsprozess oder der Funktion her erschließt. Er sagt: "Den perfekten Stuhl gibt es nicht (...). Wenn man einen Stuhl entwirft, dann kann man nichts wirklich Neues machen. Was sich ändert, sind die technischen Möglichkeiten, ist unser Umgang mit dem Stuhl: Wofür ist er gemacht, wer setzt sich drauf und wie? So kann man schlussfolgern, dass zukünftiges Design mehr eine Evolution der Form aufgrund von neuen Werkstoffen oder Beschlägen, Fertigungs- und Konstruktionsmöglichkeiten sein wird.
Festzustellen ist auch, dass die Materialanmutung vieler der in diesem Buch abgebildeten Objekte zu wünschen übrig lässt. Darin sehe ich eine Fehlentwicklung, da diese Objekte weder die Durchschnittsverbraucher noch eine wohlhabende Kundschaft ernsthaft ansprechen werden. Im Prinzip haben sich über alle Zeiten und Stilepochen gewisse Grundregeln der guten Form (Wahrnehmungspsychologische Erkenntnisse) erhalten und bestätigt. Erfolgreiche Möbel sollten nicht modisch, eher schlicht und einfach als pompös und aufwändig, in Details und Dekor zurückhaltend, einfach zu benutzen oder zu bedienen, logisch in Funktion und Konstruktion und harmonisch in den Proportionen sein.
Dennoch denke ich, dass die abgebildeten Produkte eine Inspirationsquelle sein können. Wer mit Architekten oder Designern schon beruflich zu schaffen hatte, weiß, dass diese oft nicht genau wissen, was sie tun und recht schwierig im menschlichen Umgang sein können.
Deshalb möchte ich an dieser Stelle auf die Fachreihen Meisterstücke der Zeitschrift BM in Stuttgart verweisen. Dort werden Sie hochwertige Möbel erblicken, die von Fachleuten mit gestalterischen Gefühl und nicht von überspannten Künstlern entworfen worden sind.
Für Interessierte am Spaßdesign oder an Kreativitätstechniken ist mir beispielsweise das ebenfalls englischsprachige Buch "Form Follows Idea" von Prof. Naylor und Prof. Ball positiv aufgefallen, welches derzeit immer noch bei amazon erhältlich ist. Zur Reflexion von Design, also auch in der Gegenüberstellung von Ideen vergangener Zeiten zu Neuinterpretation der Modernisten, gefiel mir auch das französischsprachige Buch "Design Contre Design" (die kostspieligere Ausgabe, bei amazon.fr erhältlich) recht gut, auch wenn die französischen Rezensenten das Buch etwas kritischer besprechen. - Christoph Erlemeier -
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