"Die Dinge sehen anders aus, je nachdem, auf welcher Seite man steht." So gibt uns "Desert Fury" bereits zu Beginn einen leitmotivischen Hinweis: Trotz Technicolor (und zwar einem etwas zu verschwenderisch überbordenden Technicolor), trotz Wüstengegend statt Großstadtschluchten ist dies ein film noir. Es wird gehen um Spiegelungen, Seiten- bzw. Betrachtungswechsel, Widerspiegelungen in der Zeit (Mutter-Tochter-Verhältnis, dunkle Geheimnisse der Vergangenheit), und am Ende deutlich um eine der interessantesten Persönlichkeitsspaltungen im psychologischen film noir, wie er ab 1945 so sehr in Mode war.
In Chuckawalla (chuck-a-luck ist übrigens ein bekanntes amerikanisches Glücksspiel) brennt die Wüstensonne heiß, sind die Ranches schön und für manche unerreichbar - stattdessen gibt es ein paar Häuser und Menschen in der Innenstadt, die gleich wenig attraktiv wirken. Ein paar korrupte Spießer incl. der Polizei, ein paar bigotte Damen, und über alle hat "Fritzi" (Mary Astor) das Sagen. Diese tough lady hat einen Spielsalon und im Grunde alle Menschen des Ortes zu eigen. Nur bei der neunzehnjährigen Tochter Paula scheint das nicht so einfach zu sein. Die Newcomerin Lizabeth Scott gibt sie mit blond gewelltem Haar und wirklich sehr roten Lippen wie eine typische Ausgabe ihrer schwarzweißen Noir-Verwandten. Doch fatale ist diese femme nicht, eher zerrissen zwischen Aufmüpfigkeit, Anlehnungsbedürfnis, aber auch der Angst, genauso zu werden wie ihre Mutter. Der Hilfssheriff Tom, der sie von allem Bösen fernhalten will und von einer Ranch in der Nähe träumt, geht Paula in seinem eindimensionalen Beschützerinstinkt, wiewohl gutwillig, schon beinahe auf die Nerven (und uns auch, wenngleich Burt Lancaster immerhin in einer Rodeo-Szene seine artistischen Fähigkeiten bzw. körperliche Präsenz unter Beweis stellen kann). Attraktiver scheint der Spieler (und wir vermuten gleich: Ganove) Eddie (John Hodiak) zu sein. Dieser und sein ihm nie von der Seite weichender Begleiter Johnny (Wendell Corey) sind die interessantesten Figuren dieses Streifens. Sie kommen aus der Großstadt, die wir zwar nie sehen, aber mit noir-typischen Verlockungen und Abgründen in Verbindung bringen. Eddie und Johnny stehen für diese Verlockungen; die Abgründe kommen hier aber aus der Wüste, das heißt aus der Vergangenheit, die die beiden nicht loslässt. Sie kehren an den Ort ihres Ursprungs zurück und werden dem Strudel der vergangenen Ereignisse kaum entrinnen können, denn ausgerechnet auf einer Brücke (die metaphorisch gesprochen einen Ausweg böte) hat sich Dramatisches ereignet. Eddies schöne Frau war hier durch einen Unfall ums Leben gekommen; wir mutmaßen sofort, dass irgendjemand etwas nachgeholfen haben könnte...
Soweit die ziemlich interessante Konstellation dieses Filmes, der lange Zeit solide mit ein paar kleinen Schwächen und gegen Ende herausragend ist - das gibt vier Sterne insgesamt. Scott und Astor machen ihre Sache äußerst gut als zwei zerrissene Charaktere, die ob ihrer Ähnlichkeit erschrecken, stets das Gute wollen und stets das Böse zu schaffen befürchten. Wie beispielsweise Paula bei einer Konfrontation Fritzis mit Eddie mitansehen muss, wie Fritzi zittert, und wie Paula in Gesicht und Körperhaltung dann anscheinend erfolgreich triumphierend sagt: "Ich bin nicht so wie Du", aber minimale Irritationen in ihrem Spiel eben doch Zweifel aufkommen lassen (und zwar so, dass wir wissen, dass Paula das weiß) - das haben Astor und Scott meisterhaft ausgespielt. Lancasters Rolle hingegen ist wie gesagt etwas eindimensional und enervierend geraten. Auch die Inszenierung ist eine Weile nicht ganz aus einem Guß. So übertreibt sie es ein wenig mit den Oberflächenreizen: Es ist zwar immer wieder schön, einen Technicolorfilm aus den Vierzigern in gut restaurierter Bildqualität zu sehen, und kein Farbverfahren kann rote Lippen so intensiv wie Technicolor auf die Leinwand zaubern, aber ein bißchen bewusster und weniger verschwenderisch hätte die Farbgestaltung sein dürfen. Lizabeth Scott gelingen nicht nur ein paar der üblichen Verdächtigen bei den Kleiderfarben (das noch unschuldige Weiß, das sündige Rot etc.), sondern sie trägt so häufig wechselnde Primär- und Bonbonfarben in allen erdenklichen und gelegentlich schrägen Kombinationen, dass es irgendwann zufällig und vordergründig auf Schauwerte abzielend wirkt. Am originellsten ist noch, als sie völlig derangiert ist, ein quietschbunter Rock mit vertikalen Streifen in ich weiß nicht wie vielen knalligen Farben - Douglas Sirk und Vincente Minnelli hat's sicher gefallen. Aber unter dem Strich ist das genauso überflüssig überbordend wie die Musik von Miklos Rosza, der viel zu sehr forciert und viel zu oft auf große Geste setzt, statt nur zu unterstützen (was gelegentlich auch mal mit Stille am besten funktioniert).
Doch nun kommt's: Eddie und Johnny sind ungemein interessante Charaktere, die diesen Film gerade in der Schlussphase stärken. Sie werden zwar von Anfang an als zwielichtige Unsympathen gezeigt, die aus einer anderen Stadt, einer anderen Welt kommen (einer Scheinwelt? einem Reich des Todes? Schließlich hat es in Verbindung mit ihnen schon einmal einen Todesfall gegeben). Doch bei Eddie kommen ab und an Zweifel auf. Johnny hingegen scheint fast eine homoerotische Anspielung zu werden, wie es das in dem seltsamen film noir "Moontide" gab. Johnny war schon mit Eddie "zusammen", bevor Eddie erstmals verheiratet war, und er werde es auch sein, falls Eddie Paula heirate - und noch NACH dieser Ehe... Ohne die Krimi-Auflösung preiszugeben, sei verraten, dass sich für das Verhältnis von Johnny und Eddie eine interessante und am Ende sehr konsequent ausgespielte psychologische Deutung anbietet. Persönlichkeitsspaltung ist immer ein beliebtes Noir-Thema - wir können uns bereits fragen, ob nicht Paula die Wiederkehr von Fritzi ist, aber Eddie und Johnny sind definitiv eine Person. Es gibt keinen Anderen, "ich bin Eddie", sagt Johnny in einer markanten Szene kurz vor Schluss. Johnny ist die dunkle Seite von Eddie dem Zauderer, Johnny ist die Skrupellosigkeit, die Eddie bislang aus allen Schwierigkeiten mit dem Gesetz herausgehalten hat, aber um den Preis einer schicksalhaften Abhängigkeit. Johnny ist der Trieb, der Impuls, und zwar in einer konsequent bösen Variante. Eddies Kampf gegen Johnny ist ein leidenschaftliches Plädoyer für einen freien Willen und eine drastische Zurschaustellung der Gefahren, wenn man sich diesen nicht zu bewahren weiß. In der Analyse dieses schwierigen Verhältnisses von (eher schwachem) Willen und (eher starkem) Trieb ist der Film beeindruckend klug und stringent. Was bedeutet es eigentlich, wenn Eddie gegen seine dunkle Seite revoltiert? Kann er das überhaupt, und kann er ohne sie sein? Sehen Sie selbst!
Die DVD hat eine gute Qualität, den deutschen und englischen Ton, aber keine Untertitel, kaum Extras, aber ein lesenswertes Booklet.