Es ist schon ziemlich gewagt eine traurige Geschichte um eine Familie, die ihre Mutter verliert, zu erzählen und dafür dann ausgerechnet das sonnige Urlaubsparadies Hawaii als Schauplatz zu wählen. Wenn man so denkt dann vergisst man, dass es in Hawaii auch Menschen gibt die da keinen Urlaub machen, sondern da leben. Bis auf die Tatsache, dass man in Hawaii von einem sagenhaften Naturschauspiel umgeben ist und die Geschäftsleute auch zum seriösesten Business-Meeting noch im legeren Hawaiihemd erscheinen, unterscheidet sich das Leben der Hawaiianer gar nicht so sehr von dem Leben anderer Menschen. In Hawaii haben die Menschen nämlich die gleichen Probleme und Sorgen wie anderswo auch.
Zu diesem Schluss kommt jedenfalls Familienvater Matt King (George Clooney), nachdem seine Ehefrau Elizabeth bei einem Motorbootunfall verunglückt und im Koma liegt. Als er vom Arzt erfährt, dass seine Frau nicht mehr aus dem Koma erwachen wird und man aus juristischen Gründen die Beatmungsgeräte abstellen muss, beginnt für ihn eine schwere Zeit. Nicht nur, dass sich der Familienvater Sorgen um die Entwicklung seiner beiden heranwachsenden Töchter Alexandra (Shailene Woodley) und Scottie (Amara Miller) macht. Von seiner älteren Tochter erfährt er auch noch, dass seine Frau zu Lebzeiten eine intime Affäre mit einem anderen Mann hatte. Außerdem sieht er sich als Angehöriger einer alteingesessenen hawaiianischen Großfamilie, die sich im Besitz größerer Ländereien befindet, der schwierigen Entscheidung gegenüber ob er einem Verkauf an Immobilieninvestoren und dem Bau einer neuen Feriensiedlung zustimmen soll.
Dass sich diese nicht unbedingt außergewöhnlichen oder irgendwie weltbewegenden Konflikte so miteinander verbinden lassen, dass eine unterhaltsame, tiefgehende und obendrein auch noch gut verständliche Geschichte entsteht und Matt King am Ende die Trauer über den Verlust seiner Ehefrau einigermaßen überwinden kann, zeigt Alexander Payne in seinem Film "The Descendants" (2011), der den gleichnamigen Roman von Kaui Hart Hemmings als Spielfilm auf die Leinwand bringt. In einer kleinen Nebenrolle als Matt Kings Cousin Hugh ist außerdem Beau Bridges, der ältere Bruder von Jeff Bridges, zu sehen. Sympathisch finde ich auch, dass der Romanautorin Kaui Hart Hemmings selbst ein kleiner Auftritt als George Clooneys (Film-)Sekretärin Noe vergönnt ist. In der Hauptrolle hat mich George Clooney positiv als Darsteller eines dramatischen Stoffes überzeugt. "The Descendants" könnte vielleicht sein bester Film werden.
Regisseur Alexander Payne hat seit "About Schmidt" mit Jack Nicholson in der Hauptrolle als vereinsamter Witwer und Rentner Erfahrung mit Geschichten, die von Menschen handeln die ihr Leben nach dem Tod einer geliebten Person neuordnen müssen. An "The Descendants - Familie und andere Angelegenheiten" gefällt mir vor allem gut, dass die Geschichtenerzähler auf überzogene Sentimentalitäten verzichtet haben und ihren Blick stattdessen mehr auf die Konflikte richten, die der Tod einer geliebten Person zwischen den Überlebenden hervorruft. Einen starken Kontrast bilden dabei die eher melancholische Geschichte um das zerrüttete Innenleben der Hauptfigur und die sommerlichen, kräftigen Heile-Welt-Farben des pazifischen Inselparadieses. Die Kameraführung verdient meiner Meinung nach eine besondere Erwähnung, wobei ich vor allem an die Filmszene denke, in der "Familienvater Clooney" mit seinen beiden Töchtern auf dem Sofa sitzt und Fernsehen schaut. Zuerst erfährt man nicht, was sie sich anschauen. Plötzlich nimmt die Kamera die Perspektive des Fernsehgerätes ein, das Kinopublikum wurde zum imaginären Fernsehprogramm und saß den drei Hauptdarstellern frontal gegenüber. Dadurch hatten die Filmemacher es geschafft, eine persönliche Beziehung zwischen mir als Zuschauer und den agierenden Filmcharakteren zu schaffen, die sich mir ins Gedächtnis eingeprägt hat.
"The Descendants" ist ein Film geworden, dessen Geschichte von mehreren kleineren Konflikten lebt. Der inhaltliche Schwerpunkt liegt dabei ganz auf den zwischenmenschlichen und oftmals komplizierten familiären Beziehungen. Und schließlich ist die erzählte Geschichte um den Verlust einer geliebten Person doch etwas, was jedem von uns passieren kann.