(Kinoversion)
Irgendwann lerne ich das noch...auf mein Bauchgefühl zu hören und vollkommen überzogen gehypten Filmen keine Beachtung zu schenken. Bis ich das gelernt habe, werde ich wohl immer wieder in Produktionen landen, die meinen Erwartungen nicht gerecht werden. So auch hier, beim fünffach oscarnominierten (u. a. bester Film, beste Hauptrolle, bestes Drehbuch) "The Descendants", was soviel heißt wie "Die Nachfahren". Der Film ist jetzt nicht wirklich schlecht, aber eigentlich zeichnet er sich durch nichts Besonderes aus, weder durch die Story noch die Regie noch überragende Darstellerleistungen. Immerhin plätschert er 115 Minuten lang halbwegs unterhaltsam vor sich hin, ohne den Zuschauer großartig zu langweilen, was für einen vorab so hochgelobten Film aber ein relativ geringes Verdienst ist. Der Film pendelt unaufgeregt zwischen Drama und Komödie hin und her und kann dadurch zwar eine Handvoll Lacher und auch ein paar ganz anrührende Szenen für sich verbuchen, vielmehr gibt es dann aber eigentlich auch nicht über ihn zu sagen. Aber erstmal zum Inhalt:
Matt King (George Clooney, "Ocean's Eleven") ist erfolgreicher Anwalt und reicher Erbe in Honolulu, Hawaii. Just, als er sich damit auseinandersetzen muss, was mit einem von ihm treuhänderisch verwalteten, riesigen Grundstück an der Küste der Nachbarinsel Kauai geschehen soll, das seit 150 Jahren im Besitz der Familie ist, verunglückt seine Frau Elizabeth (Patricia Hastie in einer denkbar undankbaren Rolle als Komapatientin) bei einem Motorboot-Ausflug. Fortan muss Matt sich allein um seine beiden Töchter, die zehnjährige Scottie (Amara Miller in ihrer ersten Rolle) und die 17jährige Alexandra (Shailene Woodley, "O.C. California") kümmern, was den Workaholic, der kaum jemals Zeit für seine Kinder hatte, zunehmend überfordert. Als Matt dann auch noch erfährt, dass seine Frau ihn betrogen hat und nie mehr aus dem Koma erwachen wird, scheint sein Leben restlos in seine Bestandteile zu zerfallen. Dennoch macht er sich auf die Suche nach Elizabeths Lover, dem Immobilienmakler Brian (Matthew Lillard, "Scream"), versucht, seinen Clan und die Entscheidung über das zu verkaufende Grundstück unter einen Hut zu bringen und seine Kinder auf den Tod ihrer Mutter vorzubereiten.
Ja...nun. Klingt ja erstmal nach ganz schön vielen Problemen für einen einzigen Film. Da aber alles irgendwie zusammenhängt und durch Regisseur Alexander Payne ("Sideways", "About Schmidt") betont ruhig und schnörkellos erzählt wird, merkt man das eigentlich gar nicht. Überhaupt merkt man emotional nur recht wenig. Zu Matts Frau kann man z. B. überhaupt keine Beziehung herstellen, weil sie nur in der ersten Szene des Films als lebendige, vitale Frau gezeigt wird und fortan an Maschinen angeschlossen im Krankenhaus liegt und am Leben erhalten wird. Aber auch die restlichen Beteiligten des Films bleiben einem irgendwie fremd und sind auch keine sonderlich interessanten Menschen, ehrlich gesagt. Tochter Scottie ist ein ruhiges Pummelchen mit Schulproblemen, ihre Schwester Alexandra rebelliert und pubertiert so vor sich hin und hat sich den dauerbekifften Sid (Nick Krause, "Homo Erectus") als Freund ausgesucht und Matt ist ein unglückliches Arbeitstier, das nach und nach seine hawaiianischen Wurzeln wiederentdeckt. Dann gibt es noch einen Haufen austauschbarer Cousins (u. a. Beau Bridges), einen unsympathischen Schwiegervater (Robert Forster, "Jackie Brown") samt dementer Schwiegermutter und irgendwelche Freunde und Bekannte von Matt und Elizabeth. Einen Hauch von Profil können noch Matthew Lillard als Elizabeths überforderte Affäre und seine gedemütigte Frau Julie (Judy Greer, "Two and a half man") vermitteln, aber letztendlich ist hier Hawaii mit seinen unterschiedlichen Inseln, grün-blauen Küsten, den Vulkanen und sattgrünen Regenwäldern der heimliche Hauptstar.
Man muss wohl die Filme von Alexander Payne wirklich mögen, um mit "The Descendants" etwas anfangen zu können. Schon bei "Sideways" und "About Schmidt" wurde das paynesche Erzähltempo deutlich. Payne liebt es, seine Geschichten sehr langsam, unaufgeregt und menschlich zu erzählen. Seine Charaktere werden mit allen Stärken, aber vor allem Schwächen gezeigt und auf ihnen liegt Paynes Hauptaugenmerk. Darüber vernachlässigt er meistens die Story. Leider ist das bei "The Descendants" nicht anders. Die Geschichte ist nebensächlich und so belanglos wie uninteressant. Große Emotionen treten nur vereinzelt auf, ansonsten scheinen sich Paynes Charaktere meist kampflos in ihr ihnen zugewiesenes Schicksal zu fügen. Ein bisschen Aufbegehren hier, ein wenig Widersprechen oder wütend werden da, aber ansonsten bitte immer schön ruhig bleiben. Payne scheint dies zu wissen und hat sich wahrscheinlich deshalb George Clooney als kassenträchtiges Zugpferd für seinen Film ausgesucht. Leider ist es ihm nicht gelungen, Clooney neue Facetten abzuringen. Clooney ist ein versierter Schauspieler, man nimmt ihm sowohl den smarten Gangster als auch den überarbeiteten Arzt mühelos ab und auch hier überzeugt er als unrasierter, überforderter, gehörnter Ehemann, der seltsamerweise erst durch den Hirntod seiner Frau wieder zum Leben erwacht. Aber von oscarreifen Leistungen kann hier keine Rede sein. Und nur, weil er hässliche Hawaiihemden trägt, geht, als hätte er Hämorrhoiden und sich die etwas zu langen und grauen Haare rauft, wird daraus noch kein exzellentes Schauspiel.
"The Descendants" ist ein Film, der keinem weh tut. Trotz eigentlich hochemotionalem Thema bleibt einem die gebeutelte Familie seltsam fremd und obwohl man sich nicht wirklich langweilt, ist der Film eigentlich ziemlich belanglos, ja, fast bieder. Seine exotischen Locations, die herrlichen Strände, die selbst wolkenverhangen noch reizvoll sind, die großen, kühlen Häuser im amerikanisch-hawaiianischen Stil und die unberührten, wunderschönen Hänge, Wälder und Berge in leuchtendem Grün, das ist das, woran man sich nach dem Sehen des Films erinnert. Und vielleicht noch die kitschig-furchtbare hawaiianische Musik, die einen Großteil des Soundtracks ausmacht. Die Darsteller sind es nicht, die Geschichte ist es nicht, die Regie ist es nicht. Aber für einen authentisch verknautschten und unfrohen Clooney Schorsch, der tapfer gegen sein smartes Gentleman-Image anspielt, die wunderschönen Landschaften und das Kunststück, dass man trotz 115 Minuten Filmlänge und gemächlich vorgetragener Geschichte zwar nicht berührt, aber kaum gelangweilt ist, ganz knappe drei von fünf hawaiianischen Momentaufnahmen, die mehr zu erzählen haben als Alexander Payne mit dieser schlichten, bestenfalls durchschnittlichen Dramödie, die weder Fisch noch Fleisch ist. Kann man gucken, muss man aber nicht, ehrlich.