Anlässlich des gerade eben erschienenen Buches "Fortunas Flug" von Victoria Schlederer habe ich mich daran erinnert, bis dato noch keine Rezension zu ihrem Erstling "Des Teufels Maskerade" eingestellt zu haben - ein schreckliches Versäumnis, handelt es sich bei diesem Roman doch um einen der zehn besten, die ich vergangenes Jahr gelesen habe. Hiermit wird dieses Versäumnis nachgeholt.
Worum es geht, sollte aus den zahlreichen Rezensionen und der Produktbeschreibungen ausreichend hervorgehen, sodass sich potentielle Leser ein Bild davon machen können, ob sie das Setting prinzipiell anspricht oder nicht. Was allerdings daraus nicht hervorgeht, ist die Wirkung der furiosen Sprache von Victoria Schlederer. "Des Teufels Maskerade" ist definitiv kein Buch, das man mal eben so verjausnen kann. Victoria Schlederer hat ein unglaubliches Sprachgefühl und eine Sicherheit in ihren verschnörkelten Sätzen, die wohl viele Leser - wie sich auch an den gemischten Rezensionen zeigt - unvorbereitet trifft. Es wird einiges verlangt vom Leser, der hübsch konzentriert bei der Stange bleiben muss, will er sich nicht zwischen konspirativ verwickelten Handlungssträngen und eleganten Monstersätzen verheddern. Allerdings lohnt sich die Anstrengung. Denn was man als Leser geboten bekommt, ist ein erfrischend origineller Mix aus Fantasy, k.u.k.-Agententhriller, Graf Dracula und Briefroman, das Ganze eben gewürzt mit einer präzisen und geschichtstreuen Sprache. Präzise deshalb, weil jeder Charakter tatsächlich seine eigene, unverwechselbare Stimme bekommt, die sich allerdings wiederum ausgezeichnet dem allgemeinen sprachlichen Duktus des Buches unterordnet. Wenn beispielsweise die Bordellbesitzerin Esther (überhaupt meine Lieblingsfigur) leicht sarkastisch auf gut Wienerisch loslegt, so hat das allergrößten Unterhaltungswert, ohne jedoch auch nur eine Sekunde aus der Romanwelt rauszuwerfen.
Die Charaktere sind allesamt leicht schräg, aber lebensnah gezeichnet. Dass das auch für einen englischen Lord im Körper eines Otters gilt, ist eine erstaunliche Meisterleistung, und spricht einmal mehr für Victoria Schlederers unerschöpfliches Erzähltalent. Etwas blass im Vergleich zu dem unorthodoxen Personal, das den Roman ansonsten bevölkert, bleibt vielleicht die Hauptfigur Dejan Sirko, andererseits bietet er dadurch auch tatsächlich das größte Identifikationspotential für den Leser. Schön ist jedenfalls, dass keine einzige der Figuren eindimensional bleibt, auch die Helden haben ihre dunklen Flecken, auch die Schurken ihr tragisches Geheimnis. Das macht es vielleicht für "Schwarz-Weiß-Leser", die nach einfacher, klar strukturierter Unterhaltung suchen, etwas schwerer, sich in das Buch hineinzufinden; für all jene, die sich gerne mit Grautönen beschäftigen, dafür aber umso interessanter.
Zwar muss ich dem wohl am häufigsten genannten Kritikpunkt meiner Vorrezensenten, nämlich dass der Spannungsbogen nicht allzu straff gespannt ist und die Handlung oftmals in Nebenhandlungen abdriftet und zuweilen ziemlich schräge Kapriolen schlägt, grundsätzlich zustimmen, aber das muss nicht unbedingt das Lesevergnügen mindern, im Gegenteil. Ich selbst bin mit Büchern von Stephen King groß geworden, und der ist und bleibt nun mal der Meister der Nebenhandlungskapriolen, und ich habe das auch sehr zu schätzen gelernt. Zum Einen können manche Ausflüge in Nebenhandlungen mindestens genauso interessant und lohnend sein wie die Haupthandlung selbst, zum Anderen bauen genau diese Seitenstränge auch die eigentliche Romanwelt mit auf und helfen (mir), darin völlig zu versinken. Ja, ein Dan Brown kann die Daumenschrauben sicherlich gekonnter und schmerzhafter ansetzen als Victoria Schlederer, aber wenn ich ein gutes Buch lesen will, dann halte ich mich gerne auch etwas länger als unbedingt nötig in dessen Welt auf. Und allein schon der Sprachwitz von Victoria Schlederer rechtfertigt jede einzelne Zeile.
Kurz zusammengefasst: Sicherlich keine leicht zu konsumierende Kost und nicht unbedingt für jedermann gleichermaßen geeignet, aber wenn jemand Wert legen auf sprachliche Brillanz, ein unverbrauchtes Setting und viel Atmosphäre, dann ist er hier genau richtig. Und ich selbst freue mich schon sehr auf den zweiten Roman "Fortunas Flug" von Victoria Schlederer, der sich bereits im Anflug auf mein Postfach befindet. Weiteres dazu dann später an dortiger Stelle.