(Vorsicht, Spoiler!)
Zu diesem Schluß kommt der frisch gewählte Sheriff Ben Sadler (Jeff Chandler), der in dem kleinen verschlafenen Nestchen Spurline in den 50er Jahren das Gesetz hütet, dabei eines Tages mit dem mächtigen Rancher Virgil Renchler (Orson Welles) zusammenstößt und schnell erkennen muß, daß er nicht auf die Unterstützung durch seine Mitbürger rechnen kann.
Nachdem ihm ein mexikanischer Hilfsarbeiter namens Jesus Cisneros den Mord an einem seiner Freunde durch zwei Cowboys, die für Renchler arbeiten, angezeigt hat, sieht Sadler es als seine Pflicht an, dem Verdacht nachzugehen. Ein erstes Gespräch mit Renchler, der sich hinter Stacheldraht und von einem furchteinflößenden Hund bewacht auf seiner Ranch aufhält, zeigt Sadler deutlich, daß dem Patriarchen bewußt ist, wie sehr die kleine Stadt wirtschaftlich von seiner Gunst abhängt, und daß er deshalb glaubt, auch über Recht und Gesetz nach Gutdünken entscheiden zu können. Sadler läßt sich jedoch nicht von Renchler einschüchtern und hört auch nicht auf die Einwände seines Deputys Ab Begley (Ben Alexander) und des Bürgermeisters. Auch anonyme Drohungen und die um das Wohl der Stadt und ihre soziale Stellung kreisenden Bedenken seiner Ehefrau Helen (Barbara Lawrence) können ihn nicht von dem abhalten, was er als seine Pflicht ansieht - dem Gesetz ohne Ansehen der Person in seinem Zuständigkeitsbereich Geltung zu verschaffen. Und so kommt es, daß er nicht nur einen machtbesessenen Rancher und dessen gewaltbereite Handlanger, sondern auch noch (fast) eine ganze Stadt gegen sich aufbringt.
Dem König des B-Movie, Jack Arnold, ist mit "Man in the Shadow" (1957) ein kleines Meisterwerk gelungen, für das er einen routinierten Schauspieler wie Chandler und einen hochkarätigen Mann wie Welles, der sich größtmöglichen Einfluß bei der Gestaltung seiner Rolle ausbedang, zur Verfügung hatte. Alles in allem atmet "Man in the Shadow" den typischen Jack-Arnold-Charme, der schwerer zu definieren als zu fühlen ist, und kommt mit einer deutlichen Botschaft daher, die allerdings an keiner Stelle die Handlung des Filmes erdrückt.
Bereits am Anfang macht uns Arnold deutlich, daß Cisneros die Wahrheit spricht und auch keinem Irrtum unterliegt, denn wir sehen den brutalen Mord an dem mexikanischen Hilfsarbeiter - wie der entsetzte Zeuge durch das Fenster der Scheune. Sehr kunstvoll nutzt der Regisseur hier eine hin- und herschwingende Lampe, die die Mordszene abwechselnd in grelles Licht und tiefe Schwärze taucht und die symbolisch andeutet, daß es im folgenden darum gehen wird, ob das Licht der Wahrheit beiseitegeschoben wird oder nicht. Der Zuschauer weiß mithin, daß die Anzeige, die Sadler erhält, auf Tatsachen beruht, und er weiß zweifelsfrei, wo Recht und Unrecht liegen, so daß er sich vollkommen mit dem rechtschaffenen und pflichtbewußten Sheriff identifiziert und keinen Augenblick lang der Versuchung erliegt, die Bedenken der zaghaften Bürger von Spurline ernstzunehmen.
Die Rolle des sinistren Widersachers, des "Mannes im Schatten", ist Orson Welles dabei perfekt auf den Leib geschrieben, obwohl er für einen mächtigen Mann wie Renchler doch noch ein wenig jugendlich wirkt. Im Vorspann erscheint Renchler mit finster ent- und verschlossenem Gesicht neben einem mannshohen Zaun stehend, und uns wird klar, daß bei dem Besitzer der "The Golden Empire" genannten Ranch maßlose Habgier und Mangel an Gemeinsinn am Werk sind. Bringt Renchler seine Habgier dazu, sich zum Herren über Leben und Tod aufzuschwingen, so veranlaßt die gleiche Habgier - in Form von Angst, den eigenen Lebensunterhalt zu verlieren und die Stadt dem finanziellen Ruin preiszugeben - die Bürger Spurlines dazu, Renchlers Herrschaftsanspruch duckmäuserisch anzuerkennen. Im Falle Cisneros und des toten Arbeiters wird ihnen ihr Wegsehen noch dadurch erleichtert, daß es sich um Mexikaner handelt, auf die herabzusehen sie sich ohnehin erlauben. Dies wird in der Szene im Büro des Sheriffs deutlich, in der Begley mit seinem Chef unbefangen plaudert, als säße da nicht ein wartender Cisneros auf der Bank, bis er Sadler schließlich auf den alten Mann hinweist und sagt, den hätte er beinahe vergessen. Wie wenig Mumm ein Mann wie Begley auch immer haben mag, immer findet er jemanden, den er verachten zu dürfen glaubt.
Erst als zwei Cowboys Renchlers den Sheriff mit einem Auto durch die Stadt schleifen und dabei Fensterscheiben und Laternen zerschießen, regt sich in den Bürgern der Unwille. Sadler quittiert dies mit einer verächtlichen Philippika, in der er sie auf die Unverhältnismäßigkeit ihres Handelns hinweist, regen sie sich doch über zerbrochenes Glas auf, während der Tod eines Mexikaners sie völlig kalt gelassen hat.
An einigen Stellen kann sich Arnold nicht enthalten, wenig subtile politische Vergleiche zu ziehen - wenn er den italienischstämmigen Friseur Santoro (Mario Siletti), der von Anfang an fest an Sadlers Seite steht, auf die 20er Jahre in Italien und die Bedrohung durch Mussolini hinweisen läßt. Dies ist eher untypisch für Arnold, der nach eigenem Bekunden es eher vermeiden wollte, in seinen Filmen politische Aussagen zu machen - aber ich denke, mit diesem offenen politischen Verweis wollte der Regisseur die eigentliche Speerspitze seiner Kritik - die Notwendigkeit, gegenüber öffentlichem Druck wie der paranoiden Hexenjagd gegen vermeintliche Kommunisten Vernunft und Maß zu bewahren und Recht und Gesetz nicht verbiegen zu lassen - nicht allzu offensichtlich hervortreten lassen.
Am Ende zeigt sich Sadler gegenüber den Bürgern, die ihm im letzten Moment zur Hilfe eilen, zwar versöhnlich, und es scheint, als gehe nach der Entthronung Renchlers wieder alles seinen gewohnten Gang. Doch endet der Film damit, daß die Männer der Stadt Renchler und seine Gehilfen in ihre Wagen verfrachten und davonfahren, während die Tochter Renchlers (Colleen Miller), die sich ebenfalls gegen die Herrschsucht ihres Vaters zur Wehr gesetzt hat und damit das weibliche Pendant zu Sadler ist, allein in der Auffahrt zurückbleibt, eine einsame, isolierte weißgekleidete Figur vor einem großen schwarzen Haus, und die Kamera zusehends von ihr wegzoomt. Sie scheint die eigentliche Verliererin zu sein und gleichzeitig darauf hinzudeuten, wie es um die Position Sadlers in der Gemeinschaft der gezähmten Hunde bestellt ist.
Die DVD bietet eine vorzüglich restaurierte Version des Filmes in den Sprachen Deutsch und Englisch sowie die anscheinend letzte Episode aus der Reihe "Jack Arnold erzählt", in der sich Arnold über die Mechanismen Hollywoods äußert und die davon erzählt, wie die letzten Projekte Arnolds sich gerade durch diese Mechanismen zerschlugen. Ein wenig traurig kann einem hier schon zumute werden, aber irgendwie paßt das auch zu dem Ende von "Man in the Shadow".