Alles andere ist klein gegen die Liebe." ( Clemens Brentano),
"Des Knaben Wunderhorn" muss man meines Erachtens als ein Dokument des Heimwehs nach der verlorenen Kindheit betrachten, keineswegs nur der Individuen, sondern auch der Völker und gleichzeitig als ein Manifest einer Sehnsucht nach umfassender Einheit.
Gegen die Trennung in soziale Klassen versammelt das "Wunderhorn" Lieder der namenlosen mit denen namhafter Dichter, wie Opitz, Weckherlin und Schubart. Im Zusammenspiel der gebildeten Einzelnen und der gesellig Werktätigen wird ein Bild vom Volk entworfen, in welchem nicht bloß die Barrieren zwischen den Klassen, sondern auch zwischen Ich und Gemeinschaft, zwischen Reflexion und Lebensunmittelbarkeit überwunden sind. Dies wohl stellt die gesellschaftliche Utopie des "Wunderhorn" dar.
Das Interesse Armins zielt dabei offenbar strikter als das Brentanos auf nationale Erneuerung. Das deutsche Nationalgefühl vernahm im Werk eine Stimme, die deutsches Selbstbewusstsein zu stärken verhalf. Goethe warnte deshalb nicht grundlos in seiner Rezension zum Werk vor nationaler Verengung, sparte aber ansonsten keineswegs an Lob und Zuspruch. Insbesondere verteidigte er die romantische Art Aneignung. Seiner Beurteilung schließe ich mich in allen Punkten an und werde diesem Werk deshalb nur 4 Sterne geben.
Mir gefällt die ästhethische Utopie des Wunderhorns, wonach Volkspoesie und Kunstpoesie verschmelzen soll. Das Ergebnis muss keineswegs so mittelmäßig sein, wie man zunächst vielleicht vermuten könnte.