Thomas Hampson dominiert die Interpretation von Mahlers Liedern seit Jahrzehnten. Das lässt sich der Discographie und dem Terminkalender Hampsons mühelos entnehmen. Und hat offensichtlich die Rezeption seiner neuesten Publikation beeinflusst. Um es gleich vorweg zu nehmen: Eine neue Referenzaufnahme ist hier nicht eingespielt worden. Zugestandenermaßen singt Hampson auf höchstem Niveau und das relativiert alle Kritik a priori. Gleichwohl: Es gibt doch den einen oder anderen Anlass zu kritischen Bemerkungen. Da ist zunächst die orchestrale Begleitung durch die Wiener Virtuosen. Die ist in einigen Fachgazetten als kammermusikalisch bezeichnet worden. Und in der Tat: Hier tritt kein Sinfonieorchester auf, sondern eher ein Kammerensemble. Das allein wäre nicht weiter schlimm, obgleich nicht im Sinne Mahlers, wenn die Reduktion auf kammermusikalisches Format nicht dazu geführt hätte, dass es hier so manches Mal rumpelt und trötet wie bei einer Zirkuskapelle. Auch das Lautstärkeverhältnis zwischen Orchester und Singstimme ist keineswegs durchweg angemessen. Hampson selbst, der mehrfach zu Protokoll gegeben hat, dass er Mahlers Lieder erneut und auf einem höheren intellektuellen Niveau durchdrungen habe, meistert ein ums andere Mal nur knapp die Klippe, die schon Thomas Quasthoff hinuntergestürzt ist: Es droht das philologische Interpretieren, das Durchbuchstabieren. Eines das zugleich und unversehens die musikalische Seele aushaucht. Allerdings, noch bewältigt Hampson derlei Fährnisse, lässt aber Ungutes ahnen. Die Stimme selbst wirkt nicht immer ganz so kraftvoll wie es vielleicht wünschenswert gewesen wäre (Lied des Verfolgten im Turm"); Hampsons ohnehin eher weicher Bariton wirkt gelegentlich etwas verhangen. Freilich, das ist reine Geschmackssache. Musikalität und Textverständnis liegen wie nahezu immer bei Hampson auf allerhöchstem Niveau. Und: Selten hat man Urlicht", meist integraler Bestandteil von Mahlers Zweiter Sinfonie, bedrohlicher wahrgenommen als hier. Und daher authentischer. Eine Empfehlung mit Einschränkungen. Einschränkungen allerdings, die dialektisch gleichsam der Erstklassigkeit von Hampson geschuldet sind.