Der 1927 geborene Michael Gielen war immer der große Außenseiter unter den Dirigenten. Mit seinem vehementen Einsatz für die Moderne und rigorosen, aller Gefälligkeit zugunsten der Wahrhaftigkeit entsagenden Interpretationen, die in ihrer intellektuellen Schärfe und analytischen Durchdringung der Musik kaum ihresgleichen finden, blieb ihm kommerzieller Erfolg natürlich versagt. Und doch oder vielleicht gerade deshalb ist der unbeugsame Anti-Star dank seiner Tätigkeit als Chefdirigent und danach ständiger Gastdirigent am Südwestrundfunk in Kennerkreisen zu spätem Ruhm gelangt. Dazu trug vor allem sein 2004 bei Hänssler Classics erschienener Mahler-Zyklus bei, durch den Gielen im hohen Alter zu einer international geachteten Mahler-Autorität geworden ist. Auf einem Musikmarkt, der in erster Linie auf schnellen Gewinn aus ist, weshalb er momentan vor allem Modeströmungen wie "Originalklang" anheizt und einen Hype nach dem anderen um meist eher zweifelhafte Talente inszeniert (um seine shooting stars dann alsbald wieder fallen zu lassen), steht der alte Gielen für das radikal Andere: ein auf Substanz statt Effekt, Geist statt Zeitgeist ausgerichtetes, auf beharrliche Auseinandersetzung mit dem Werk gegründetes Musizieren.
Im Mahler-Gedenkjahr 2011 hat Hänssler noch zwei weitere Mahler-CDs mit Gielen und dem SWR-Sinfonieorchester herausgebracht. Während das Lied von der Erde (mit Siegfried Jerusalem und Cornelia Kallisch) aus zwei verschiedenen Aufnahmen älteren Datums zusammenmontiert wurde, besteht der Wunderhorn-Liederzyklus aus Konzertmitschnitten aus Freiburg und Gran Canaria vom Januar 2009 und März 2011. Daraus wurde eine wirklich bemerkenswerte CD, die allen Freunden der Musik Mahlers nachdrücklich empfohlen werden kann. Den zwölf "kanonischen" Wunderhorn-Liedern wurden das "Urlicht" aus der zweiten und "Das himmliche Leben" aus der vierten Sinfonie hinzugefügt. Ferner wurde als orchestrales Zwischenspiel der ursprünglich in der ersten Sinfonie enthaltene, doch dann gestrichene "Blumine"-Satz eingefügt. Schon diese Zusammenstellung verleiht der CD einen besonderen Reiz.
Was die gesangliche Seite angeht, können gegen den Bariton Hanno Müller-Brachmann durchaus Einwände erhoben werden. Seine zwar in der Tiefe sonore, aber in der Höhe enge und in der Vokalfärbung unausgeglichene Stimme ist für diese Lieder gewiss nicht optimal. Kompensiert wird dieser Mangel durch die vorzügliche Sopranistin Christiane Iven, der vor allem die auf Manierismen verzichtende Schlichtheit ihres Vortrags hoch anzurechnen ist. Obwohl beide bei Fischer-Dieskau studiert haben, fällt in den im Duett gesungenen Liedern eine Gegensätzlichkeit der Stilistiken auf, die andererseits der Konfrontation der Charaktere etwa in der "Verlornen Feldwacht" oder in "Die Gedanken sind frei" eine besondere Plastizität verleiht.
Michael Gielen liefert dazu eine Interpretation der Extraklasse, die in ihrer berückenden Altersweisheit tief beeindruckt. Der späte Gielen hat eine außerordentliche, vielleicht ein wenig an den alten Klemperer erinnernde Fähigkeit entwickelt, die Musik ganz natürlich und organisch für sich selbst sprechen zu lassen. Die Tempi sind moderat, der Orchesterklang ist offen und transparent. Nichts wird geglättet, aber auch nichts forciert. Gielen kommt vollständig ohne die aufgesetzte Sentimentalität aus, die viele Mahler-Interpretationen zur Karikatur missraten lässt. So wird beispielsweise "Das himmliche Leben" zu einem außergewöhnlichen Hörerlebnis: Selten ist die Gebrochenheit von Mahlers kindlicher Gegenwelt so beklemmend erfahrbar geworden wie hier. Selten hat die Sehnsucht nach dem Himmel solche Farbigkeit angenommen, und selten ist dieser Himmel vom "irdisch Getümmel", das es dem Text zufolge darin offiziell nicht geben soll, so gespenstisch durchkreuzt worden - und das alles kommt ganz einfach und direkt aus der Musik heraus, ohne dass Gielen ihr irgendwelche Effekte von außen aufdrücken muss.
Möge der bald 85-jährige Michael Gielen noch lange aktiv bleiben und uns noch viele derart hochkarätige Aufnahmen bescheren.