Mittlerweile besitze ich zwar schon einige Filme über das deutsche Kaiserreich, aber der Titel "Des Kaisers kleine Leute" und auch der Untertitel "Wie lebten unsere Großeltern?" machten mich neugierig. Insgesamt ist die DVD eine recht solide Dokumentation über das tägliche Leben der Arbeiter und Kleinbürger im Kaiserreich.
Eines vorweg: Die vorliegende Dokumentation ist schon mindestens 18 Jahre alt, was man zum einen an der Art der Präsentation merkt. Zum anderen verrät sie sich selbst durch einen Vergleich mit der (noch bestehenden) DDR. Leider findet sich aber weder auf der DVD, noch auf der Hülle ein entsprechender Hinweis, der dort unbedingt angebracht hätte sein müssen! Außerdem passt der Untertitel nicht mehr zur heutigen Jugend, deren Großeltern während der Zeit des Nationalsozialismus, allenfalls in den zwanziger Jahren lebten. Der Film erinnert mich außerdem an einen Schulfilm, worin aber auch seine Stärke liegt. Denn die Texte des Sprechers sind recht informativ und gehen etwas tiefer, d.h. sie stellen auch kompliziertere Sachverhalte dar. Nur versteht man den Sprecher an sich nicht immer optimal, was auch an den eingespielten Hintergrundtönen zu den Stummfilmaufnahmen liegt (Die ersten Tonfilmaufnahmen gab es erst Ende der 20er Jahre). Es sind ausschließlich historische Aufnahmen zu sehen.
Der Film erzählt von den Arbeitern und ihren Arbeitsbedingungen, von der sozialen Stellung der Frau, von den damaligen Wohnverhältnissen. Aber auch das Leben der Kinder, ihre Erziehung und ihre oft auch harte Arbeit in den Fabriken, trotz Einschränkung der Kinderarbeit, wird näher beleuchtet. Dabei wäre es auch schön gewesen, den ursprünglichen Grund für jene Einschränkung zu erfahren (sofern er damals, in den 80ern, schon bekannt war): Ein Jugendlicher, der schon früh hart gearbeitet hat, ist zum Militärdienst meist nicht mehr geeignet, was wiederum wunderbar die damalige Mentalität zeigt.
Weitere Themen sind der sich ausbreitende Sport, der zunehmende Verkehr, sowie das angesehene Militär. Im Bereich der Politik heißt es der Arbeiter an sich sei "politisch entmündigt". Ich kann diese These nicht ganz teilen. Zwar wird die Möglichkeit zur Wahl auf Bundesebene genannt und auch der Aufstieg der SPD wird erwähnt, deren Einfluss aber letztlich heruntergespielt wird. Hinsichtlich der Länder heißt es, dass in DEN Einzelstaaten das Wahlrecht nach Einkommen (z.B. Dreiklassenwahlrecht) gegolten hätte. Das trifft sicherlich für die große Mehrheit der Länder auch zu, allerdings gibt es einige wenige Ausnahmen. Ein Beispiel stellt der damalige liberale Musterstaat Baden dar, in dem alle männlichen Badener ab 25 zur Wahl berechtigt waren, unabhängig von Besitz und Einkommen (!). Mit dem Kriegsbeginn 1914 endet der Film schließlich. Um das Leben der unteren Schichten des Kaiserreiches zu portraitieren, hätte man allerdings noch unbedingt auf Heinrich Zille eingehen müssen, dessen Name nur einmal kurz Beachtung findet.
Der fast 30minütige Bonusfilm dokumentiert das Leben des zweiten deutschen Kaisers Wilhelm II. Dessen schwere Kindheit und Jugend wird zunächst angesprochen. Seine Idee eines "sozialen Kaisertums", seine Abneigung gegenüber der SPD, seine Technikbegeisterung, sowie die Liebe zu "seiner" Flotte und die vielen unternommenen Reisen bieten einen guten Einblick in Wilhelms Leben. Weitere Stationen des Films sind Wilhelms Rolle im ersten Weltkrieg, seine Flucht und die Exilszeit. Die Rolle, die er in der Außenpolitik gespielt hat, belegen u.a. die Daily-Telegraph-Affäre und seine positive Intervention beim Bau der Bagdadbahn. Hier hätte man aber noch unbedingt seine berühmt-berüchtigte "Hunnenrede" und die "Krüger-Depesche" nennen müssen. Auch findet sich ein Fehler: Über die Beilegung der ersten Marokkokrise (1905/06) wird behauptet, dass Deutschland eine kleine Kolonie in Zentralafrika erhält und über Marokko fortan die Trikolore weht. Das waren allerdings erst die Ergebnisse der zweiten Marokkokrise von 1911, die mit ihrem "Panthersprung" leider völlig unerwähnt bleibt.
Desweiteren heißt es, Wilhelm II. habe zu den Juden ein gutes Verhältnis gehabt. Das stimmt nur zum Teil. Er hatte zwar einige jüdische Freunde, so z.B. den späteren Weimarer Außenminister Walter Rathenau. Dennoch kamen auch antisemitisch klingende Töne von ihm, Ausdruck der Gesellschaft jener Zeit, die er repräsentierte, und die mitunter latent antisemitisch eingestellt war. Die Forschung ist in dieser Frage gespalten, ein "echter" Antisemit war er jedenfalls sicher nicht.
Im Übrigen enthält der Bonusfilm natürlich das bekannteste O-Ton Dokument vom Kriegsbeginn 1914, in dem er sich mit einer "Welt von Feinden" konfrontiert sieht (im Gegensatz zu der Aussage eines Vorrezensenten!). Es gäbe hier noch mindestens eine weitere Aufnahme (von 1904), die man hier verwenden hätte können, was aber nicht unbedingt notwendig ist. Was aber leider viel zu kurz kommt, ist sein Sturz 1918, den man schon etwas ausführlicher darlegen hätte müssen.
Fazit: Wer sich für das Leben Kaiser Wilhelms und seiner "Untertanen", der kleinen Leute im deutschen Kaiserreich interessiert, kann hier zugreifen. Nur schade, dass die zwei Dokus nicht ganz fehlerfrei sind!