In einer der Anfangssequenzen des Films erzählt Derrida eine Anekdote. Heidegger sei einmal gefragt worden, wie das Leben von Aristoteles aussah. Antwort: "Er wurde geboren, er dachte, und er starb." Alles andere sei nicht mehr als eine Ansammlung von Anekdoten - also irrelevant. Zumindest sei diese Ansicht in der traditionellen Philosophie, so Derrida, bislang immer eines der obersten Gebote gewesen.
Was würde dann also eine Filmdokumentation über Derrida ins Zentrum stellen? Sein akademisches Leben? Seine politischen Ansichten? Oder würde der Tabubruch begangen und eine home story auf gehobenem Niveau geboten werden? Skepsis ist also zunächst angesagt.
Die Filmmacher zitieren zunächst ein paar äußerst komplizierte Thesen Derridas aus dem Off, andererseits zeigen sie ihn dabei, wie er sich beim Friseur die Haare schneiden lässt oder darüber nachdenkt, ob er lieber sein blaues oder sein schwarzes Jackett anziehen soll. Später wird man Zeuge, wie Derrida, der philosophische Popstar, von studentischen US-Groupies angehimmelt wird. Entzückt versichern sie ihm, nach dem soeben beigewohnten Vortrag seine Texte besser zu verstehen.
Doch diese Filmschnippsel erwecken einen sehr oberflächlichen Eindruck. Wer sich davon nicht gleich abschrecken lässt, wird just hinter diesen Flappsigkeiten eine überraschende Tiefe entdecken, die ganz unterschiedliche Facetten eines Themas hervorbringt: Es fängt mit der Betrachtung des Philosophen als biographische Persönlichkeit an, setzt sich mit seinen Schwierigkeiten fort, über sein Privatleben zu reden, und spitzt sich sich schließlich auf die Frage nach seinem Selbstbild zu.
Richtig spannend wird es, als Derrida in eine Galerie eintritt, in der ein von einer Künstlerin gemaltes Porträt von ihm hängt. Derrida gibt vor laufender Kamera zu, "ein gestörtes Verhältnis" zu Bildern von sich zu haben. Häufig komme in ihm ein Verlangen auf, Fotos zu zerstören, auf denen er abgebildet sei. Immerhin akzeptiere er sein Aussehen nun allmählich und gewinne einen positiven Zugang zu seinem Narzissmus. Eine Stimme aus dem Off zitiert eine von Derridas Thesen, die lautet, es gebe in Wirklichkeit nicht diesen Gegensatz zwischen Narzissmus und Nicht-Narzissmus: "Es gibt mehr oder weniger verständnisvolle, großzügige, offene und weitgefasste Narzissmen. Was man als Nicht-Narzissmus bestimmt, ist nur die Ökonomie eines viel einladenderen und gastfreundlicheren Narzissmus. Einer, der offener ist gegenüber der Erfahrung des anderen als anderem. Ich glaube, ohne die Bewegung der narzisstischen Wiederaneignung wäre die Beziehung zum anderen vollkommen gestört. Liebe ist narzisstisch."
Damit möchte Derrida keineswegs eine Lanze für die Selbstverliebtheit brechen. Es geht ihm um die Frage, wie sich zwei Menschen trotz ihrer narzisstischen Verblendung lieben können, und zur Anschaulichkeit dieser Frage zitiert er aus Ovids "Echo und Narziss".
Gegen Schluss des Films die Frage an Derrida: Was würde er in einer Dokumentation über Heidegger oder andere Philosophen gerne sehen? Antwort: Sie sollten über ihr Sexualleben sprechen. Weil genau dies stets ausgeklammert werde, wenn von einem Philosophen die Rede sei. Er wolle hören, welche Rolle die Liebe in ihrem Leben gespielt habe.