- Altmeister Marsé zeichnet Barcelona als schizophrene Stadt voller Zweideutigkeiten -
"Das Wesentliche am Karneval ist nicht, sich eine Maske aufzusetzen, sondern sich von seinem Gesicht zu befreien.", mit diesen Worten des spanischen Lyrikers Antonio Machado beginnt Juan Marsé, der am 08. Januar 2008 seinen 75. Geburtstag feierte, seine katalanische Variante von Stevensons "Dr. Jekyll und Mr. Hyde".
Bereits die Namensgebung seines Protagonisten weist, neben der autobiografischen Prägung, auf ein Spiel mit verschiedenen Identitäten hin.
Joan Marés (ein nicht zu übersehendes Anagramm des Autorennamens) überrascht den Leser immer wieder mit unterschiedlichen Masken und doppelbödigen Verkleidungsspielen, die mehr und mehr seine ursprüngliche mit einer fiktiven Identität verschmelzen lassen.
Begonnen hat diese Persönlichkeitsspaltung an dem Tag, als er seine Frau Norma mit einem typischen charnego, einem andalusischen Einwanderer, im Bett erwischt und diese ihn daraufhin verlässt.
Zehn Jahre später begegnet der Leser dem Protagonisten wieder. Mittlerweile ist er nur noch ein Schatten seiner selbst. Als zerlumpter und verunstalteter Bettler sitzt er an einer schmutzigen und zugigen Ecke im Raval und spielt Akkordeon.
Marés kann Norma nicht vergessen und ist immer mehr von der fixen Idee besessen, seinen permanent zunehmenden Persönlichkeitsverfall nur dadurch stoppen zu können, seine Frau wieder für sich zu gewinnen.
Er schlüpft in die Rolle seines Freundes aus Kindertagen - Faneca -, verkleidet sich und verstellt seine Stimme, um sich dem Objekt seiner Begierde zu nähern. Doch immer stärker nimmt Faneca seinen Platz ein und bestimmt sein Handeln: ein zunehmend reeller Verlust seiner eigenen Identität.
Juan Marsé, detailverliebter Beobachter menschlicher Sehnsüchte und Enttäuschungen, gelingt erneut, mit leisen, unspektakulären Tönen, die Tragödie des privaten Lebens als Spiegelbild der Geschichte darzustellen, gewürzt mit einer gehörigen Prise Humor und feiner Ironie.
Wunderbar sind vor allem seine Dialoge, die bei ihm den Text machen und bereits im ersten Kapitel einen brillanten, brüllend komischen Einstieg garantieren. Gerade sie gehören durch ihre erzählerische Brillanz zu den bemerkenswerten Einzelszenen, die den Roman lesenswert machen. Gleichfalls zeichnet den Autor eine außergewöhnliche Gabe aus, alle Figuren mit sparsamsten Mitteln äußerst plastisch und lebendig wirken zu lassen.
Die Sprünge von einer Erzählebene zur anderen, neben den Wechseln der Erzähl-Form von der ersten zur dritten Person, geben die zerfallende Persönlichkeit des Joan Marés realistisch wider und fügen sich homogen ins literarische Gesamtkonzept ein.
Marsé erweist sich wiederum als Profi der Suggestion: realistisch wiedergegebene Geräusche und Gerüche sowie das wechselnde Spiel von Licht und Schatten der Persönlichkeit des Protagonisten tragen dazu genauso bei wie Hans-Joachim Hartsteins Übersetzung aus dem Spanischen. Seine neue deutsche Fassung vermittelt ausgezeichnet den Schwebezustand, in welchem sich Marés befindet und lässt die sprachliche Leichtigkeit der wundersamen Wandlungen des Protagonisten bis zur fiktiven Selbstauslöschung spüren.
Fazit:
"Der zweisprachige Liebhaber" ist eine meisterhafte Mischung aus Realität und Phantasie; ein wunderbares Spiel mit den Themen Identität und unerfüllte Liebe. Dabei ein Buch voller Sprachwitz und Ironie.
Gleichzeitig zeichnet Marsé ein großartiges Portrait der spanischen Gesellschaft und liebevolles Bild seiner Heimatstadt Barcelona.