Von Franz Kafka stammt der Satz: "Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns", an den ich während der Lektüre dieses sehr eindringlichen Buches von Fred Uhlman fortwährend denken musste.
Es ist ein Text von ungeheurer Sprengkraft, ähnlich wie "Adressat unbekannt" von Kressman Taylor. Auch hier geht es um das Zerbrechen einer Freundschaft zwischen zwei Gymnasiasten im "Dritten Reich", die sich sechzehnjährig kennen lernen und deren blindes Verstehen eigentlich eine Angelegenheit für die Ewigkeit ist.
Der Sohn eines jüdischen Arztes, beliebt, aber doch ohne feste Bezugspersonen in seiner Klasse, fühlt sich von einem später hinzu gekommenen Schüler magisch angezogen. Konradin von Hohenfels, ein sehr gebildeter, freundlicher und kameradschaftlicher Junge, kann sich die Freunde aussuchen. Er wird umschwärmt und der Ich-Erzähler kann kaum fassen, dass er sich gerade ihn zum Freund nimmt. Die beiden verbringen viel Zeit miteinander, wandern und lesen die gleichen Bücher. Als Hitler die Macht ergreift, denkt Konradins Freund lange Zeit, dass sich für ihn nichts ändern wird. Sein Vater, aufrechter Patriot, angesehener Mediziner und Kämpfer im ersten Weltkrieg, bestärkt ihn darin, die neuen politischen Verhältnisse als eine Übergangserscheinung zu sehen. Doch allmählich wird es immer schwieriger, die Repressalien in der Schule nehmen zu.
Konradin ist begeisterter Anhänger des Nationalsozialismus, seine Familie begrüßt die neuen Verhältnisse. Lange Zeit gelingt es den beiden Jugendlichen, die politischen Verhältnisse nicht zum Gegenstand ihrer Beziehung werden zu lassen.
Doch wie ein Gift schleicht sich das Misstrauen in den Freundschaftsbund.
Der Erzähler verlässt Deutschland rechtzeitig und blickt nach vielen Jahren auf seine Schulzeit zurück.
Er wirkt distanziert, abgeklärt und doch bedauernd.
Da erreicht ihn ein Brief seiner alten Schule mit einer Einladung zu einem Klassentreffen. Er kann nicht widerstehen und schaut in die Teilnehmerliste. Was er dann erfährt, lässt ihm - und dem Leser - den Atem stocken...
Fred Uhlmans Erzählung ist erstmals bereits in den Achtziger Jahren erschienen und erlebte seither viele Neuauflagen. Es ist immer wieder spektuliert worden, ob mit Konradin von Hohenfels Stauffenberg gemeint gewesen ist.
Es ist eine seltene Leseperle, die man nicht mehr vergessen kann.
Ein Buch, dass sich auch für sehr junge Leser eignet. Denn es vermittelt seine Botschaft gegen das Vergessen tatsächlich wie die sprichwörtliche Axt!