Balram Halwai wächst als Sohn eines Rikschafahrers in der "Finsternis" Indiens, irgendwo im Nirgendwo, ohne Strom und fließend Wasser, dafür mit Unter- und Mangelernährung sowie fehlender ärztlicher Versorgung auf. Während sein Vater an einer unbehandelten Tuberkulose verstirbt bringt sein Sohn es zum Chai-Verkäufer und Kohlenknacker, später zum Fahrer, was gleichbedeutend mit Diener ist, eines Unternehmers. Mit diesem zieht er in die Großstadt nach Delhi. Dort entwickelt sich das naive und unschuldige Landei in einen mit allen Wassern gewaschenen Kriminellen. Zuletzt tötet er seinen Herrn, gepeinigt von sztändigen Erniedrigungen und Demütigungen, um sich aus der "Sklaverei" zu befreien. Er rettet sich in die Anonymität von Bengalore und gründet ein Unternehmen, das Callcenter-Angestellte zu nachtschlafender Zeit transportiert.
Balrams Lebensgeschichte wird in Emails, geschrieben in sieben Nächten, erzählt. Adressiert sind sie an den Ministerpräsidenten von China, der in Indien zum Staatsbesuch erwartet wird. Man vergisst schnell, daß man eine Art Briefroman liest und folgt Balrams Abenteuern mit angehaltenem Atem. Den Namen "Weißer Tiger" bekommt er in der Schule verliehen, wo er durch seine Intelligenz auffällt. Die Menschen der indischen Unterschicht beschreibt Aravind Adiga als Hühner im Käfig und Balrams Befreiungsschlag als Ausbruch aus diesem Käfig.
"Hunderte blasser Hennen und leuchtend bunter Hähne sind dicht and dicht in Drahtkäfige gestopft, so eng wie die Würmer im Darm, sie hacken nacheinander und scheißen aufeinander, sie kämpfen um ein bisschen Luft zum Atmen; der ganze Käfig stinkt fürchterlich nach verängstigtem, gefiedertem Fleisch..."
Wenn der weiße Tiger sich auch befreien konnte, so ist er doch zum Mörder geworden und führt ein einsames Leben in einer anonymen Großstadtmetropole. Da fragt man sich als Leser, ob ihn sein Gewissen denn nachts ruhig schlafen läßt, auch wenn die polizeiliche Fahndung nach ihm wohl erfolglos verlaufen wird. Zur Not hilft eben ein wenig Bakschich. Denn darüber scheint Adigas Held - Ende gut, alles gut (?) - nun im Überfluss zu schwimmen.
Ebenso wie im Film
Slumdog Millionär nach dem Roman
Rupien! Rupien!: Roman (slumdog millionär): Roman von Vikas Swarup beschreibt der Booker-Preisträger das moderne Indien abseits von Bollywood und Ayurveda-Wellness. Adiga beschreibt vielmehr die ziemlich unwahrscheinliche Geschichte des Märchens vom Tellerwäscher zum Millionär unter indischen Gesetzmäßigkeiten. So gehören Bestechlichkeit und Korruption ebenso zum Erfolg, wie das Streben nach Macht und Einfluss. Mit Bakschish kann man sich offenbar nicht nur die Steuern sparen, sondern auch Verbrechen vertuschen und den passenden Ehepartner finden. In Liebesdingen scheinen die Inder, wenn man den Angaben in diesem Buch Glauben schenken soll, eher dem Geldbeutel, als ihrem Herzen zu vertrauen. Vielleicht ist aber auch nicht alles ganz so ernst gemeint und der Roman eher als eine Art Schelmenroman anzusehen.
Arvand Adiga ist der Sohn eines Arztes, in Indien geboren, in Australien aufgewachsen. Absolvent der University of Columbia in New York sowie der University of Oxford in England. Literatur, Philosophie, Ökonomie hat er studiert und dann als Korrespondent für die Financial Times aus Bombay geschrieben. Adiga ist ein Produkt der besten Bildungsinstitutionen der alten Welt. Als privilegierter Sohn eines Arztes ist er sicher im Licht" Indiens aufgewachsen und man fragt sich, wie er derart tiefe Einblicke in das Leben eines einfachen Dieners und Sohn eines Rikschafahrers gewinnen konnte. Nichtsdestotrotz ist Der weiße Tiger" ein großartiger Debutroman, der nicht nur gut unterhält, sondern auch ein realistisches Portrait des modernen Indien liefert. Ich habe den Roman sehr gerne gelesen.