lesen hier die Erlebnisse und Gedanken eines jungen Mannes - Mischa, der nach Jerusalem reist weil er sich für die Wiedergeburt Jesu Christi hält. Von seiner Mission, seinem Denken und Handeln erfahren wir aber nur durch die Augen einer 39-Jährigen Deutschen Literaturkritikerin namens Barbara, welche ihn auf der Flugreise dorthin kennen lernt. Barbara ist eine typisch postmoderne Frau und in nicht mehr ganz jungem Alter weder in ihren Job noch in ihrem Privatleben an irgendjemanden gebunden, was Freiheit bringt, emotional jedoch natürlich auch Nachteile hat. Sie ist fasziniert von dem naiv und enthusiasmiert daherredenden Kauz. Da beginnt ein seltsames Verhältnis zwischen den beiden. Ohne je wirklich an seine Mission zu glauben, lässt sie sich immer stärker an die Geschicke dieses jungen Mannes binden, der so überzeugend erzählen kann. Er schreibt ihr Briefe nach Deutschland, die sowohl von seiner, Mischas Reise in Jerusalem erzählen als auch von den Geschicken Jesu Christi, wie Mischa sie 'erinnert'.
In diesen Erzählungen Mischas verarbeitet Henisch Motive und Geschichten der Bibel. Dafür verwendet er neben den kanonischen Evangelien, die Apokryphen und andere Mythen außerhalb und rund um die Bibel, wie die Schwängerung Mariens durch den Legionär Panthera, das Verhältnis von Jesus und Maria aus Magdala oder die Flucht Jesu nach Indien nach dem nur vermeintlichen Tod am Kreuze, etc. All die vorgebrachten Interpretationen klingen für moderne Ohren realistischer, glaubhafter und vor allem lebensnäher as die eher distanziert und umständlich verfasste Lutherbibel, über deren lebensfremde Formulierungen sich auch Mischa lustig macht.
Jedoch all die Geschichten erfahren wir nur durch die Erinnerung Mischas, eines vermutlich am Jerusalem-Syndrom Erkrankten oder auch Manisch-Depressiven. Man fragt sich ob nicht sein moderner Geist mit dem sozialen Wissen unserer Zeit sich alles zusammengebastelt und zurechtinterpretiert hat. Denn auch wenn der reale Mischa z.B. Enttäuschungen erlebt scheinen sich diese in den von ihm erzählten Geschichten über sein voriges Leben als Jesus, z.B. in der Form als Zweifeln an der Realität der Auferstehung, widerzuspiegeln. Außerdem lesen wir die Berichte Mischas, mit samt den Erzählungen noch mal durch die Augen der modernen aber sehnsüchtigen Barbara. Das ist ein Zeichen unserer Welt: es gibt kaum mehr Unmittelbarkeit, fast nur mehr Narration und Kommentar. Oft ist im Buch dann aber nicht glasklar wer - Jesus, Mischa, Barbara etc.- genau was sagt oder denkt. Im kunstvollen Stil von Henisch, der übrigens den Konjunktiv meisterhaft einsetzt, verwischen diese Grenzen manchmal ganz unauffällig im Fluss der Erzählung. So fragt man sich manchmal auch: geht es jetzt um Jesus im Jahre 30 oder Mischa im Jahre 200x und macht es einen Unterschied?
Wir stellen uns diese Fragen, denn in der postmodernen Welt sind alle naiven Unmittelbarkeiten verschwunden oder als Fälschung entlarvt. Wir haben uns als Konstrukteure unserer eigenen Geschichten entlarvt, sind klüger geworden aber leiden darunter, sind isoliert wird Barbara. Der Weg zurück geht nur über die Verrücktheit oder führt zumindest in die Verzweiflung, weshalb auch Mischa gegen Ende des Buches auf Kierkegaard und dessen 'Krankheit zum Tode' stößt.
Früher hätte dieser freie und ironisch distanzierte Umgang mit der biblischen Überlieferung vielleicht blasphemisch gewirkt, heutzutage wirkt er zeitgemäß. Wie Barbara haben viele irgendwie Respekt vor der Überlieferung, wünschen sich vielleicht auch irgendwo vorbehaltlos glauben zu können, können es aber nicht, ohne verrückt zu werden wie Mischa. Ist es diese Sehnsucht nach Einfachheit, Geborgenheit und Sinn, welche Barbara so an Mischa, einem Mann, der wie ein Schaf aussieht und auch so riecht, interessiert? Nicht nur, dass sie seine Briefe liest und ständig an ihn denkt, mit der Zeit verliebt sie sich und kümmert sich auch mütterlich aufopferungsvoll um den doch eindeutig paranoid scheinenden. Und doch kann sie ihm nicht wirklich glauben, bewundert ihn teilweises wegen seines naiven Eifers und denkt sich: 'oft ist die Literatur viel besser als das Leben'. Es werden also Fragen von Modernität, Identität und Glauben im Buch behandelt, wie dies zur Katastrophe führen kann sieht man nicht nur an Mischas Leben sondern auch anhand der Situation in Israel, wo die Mauer durch Jerusalem die Hoffnungslosigkeit der verfahrenen Situation anzeigt.
Also gegen die Sprache fand ich gar nichts einzuwenden, das Buch lässt sich sehr flüssig lesen, vieles stimmt an der Handlung. Auch sind quer durch das Buch immer wieder kleine aber fein ironische Wortwitze verstreut. Jedoch zum Meisterwerk fehlt dem Buch ein bisschen was, ich kann nicht genau sagen was. Vieles, das problematische Verhältnis zwischen Glaube und Moderne, die tragische Situation in Israel an der alle Gruppen schuldig und alle leidend sind, all dieses und noch viel mehr also, kennen wir schon. Das endgültige Offenlassen der Frage ob er nun wirklich die Wiedergeburt, gar des Sohn Gottes sei, bei gleichzeitiger Abdeutung, dass er es nicht ist, geht in Ordnung, war aber genau das, was man erwartete.
Ein Rest an unerklärter Sachverhalte hält die Möglichkeit der anderen Interpretation noch einem kleinen Spalt offen, wie dem Auftauchen des diabolischen und christlich-fundamentalistischen Pseudo-Rumsfelds oder Mischas geheimnisvolle Fähigkeit Barbaras Gedanken scheinbar zu lesen. Doch auch diese unwahrscheinliche Restmöglichkeit passt in unsere Zeit in der nichts vollkommen gewiss ist.
Somit: kontroversiel ist dieses Buch meiner Meinung gar nicht. Deshalb geht es einem auch nicht so, wie bei den allerbesten Büchern, die wenn man die Lektüre unterbricht und sie weglegt, einem immer noch ständig im Kopf herumschwirren. Doch eine niveauvolle kurzweilige Unterhaltung bietet dieses Werk auf alle Fälle.