Carlos Fuentes ist der zu Zeit wohl bedeutendste mexikanische Romancier. In Lateinamerika ist es eine gute Tradition, dass belletristische Autoren sich auch auf dem politischen Feld zu bewähren haben. Häufig werden sie Botschafter oder bekleiden andere kleinere Ämter im Regierungszirkel. Mitunter streben sie auch das Präsidentenamt an wie beispielsweise Vargas Llosa es einst tat. Die lateinamerikanischen Schriftsteller sind also in einer positiven und gestalterischen Weise Intellektuelle, wie es sie bei uns viel zu selten gibt. Im Zuge dieser Tätigkeit schreiben sie auch historische und essayistische Bücher, in denen sie die Interpretationshoheit der eigenen kulturellen Identität sichern. Octavio Paz hat dies getan und Carlos Fuentes ebenso. Anlass für Fuentes` "Der vergrabenen Spiegel", die Geschichte der hispanischen Welt" war das Jubiläumsjahr 1492, in dem Christopher Columbus die Neue Welt entdeckte.
Es geht um eine historisch vergleichende Betrachtung der neuen spanischsprachigen Länder und dem Mutterland Spanien. Das Motiv des Spiegels wird in vielerlei Hinsicht aufgegriffen. Zunächst wurden bei den Totonac-Ruinen bei Veracruz vergrabenen Spiegel gefunden, anhand derer die Toten in die Unterwelt geleitet werden sollten. Hiervon ausgehend benutzt Fuentes das Spiegelmotiv unter Bezugnahme auf Don Quijote, den Spiegelritter, Velázques' Spiegelbild Los Maninas" usw. um den vielfältigen Spiegelungen von alter in neuer Welt und umgekehrt nachzuspüren.
Ausgehend von der Eroberung Spaniens durch die Römer und später die Berber hin zur Wiedereroberung (La Reconquista) kommt Fuentes auf die Geschichte der mexikanischen Eroberung und die Unabhängigkeit als Wiedereroberung zu sprechen. Der gesamte historische Abriss liest sich ungemein spannend. Was das mexikanisch Vaterland Fuentes angeht, ist er hier auch zu Hause. Auch die historische Beschreibung Spaniens ist sehr interessant. Die kurzen Einblicke nach Argentinien, Peru und Chile wirken allerdings etwas überbordend und werden nicht genügend gewürdigt. Der bloße Vergleich Spanien Mexiko wäre gewinnbringender gewesen. Der Autor führt seine Geschichte bis in die Gegenwart und gibt Ausblicke auf die Zukunft. Etwas weniger wäre mehr gewesen. Dennoch eine sehr gute Einführung in die spanischsprachige Welt von einem ausgezeichneten Kenner.
Thomas Reuter