Ich schwöre: Ich habe schon einige hervorragende Fantasyromane gelesen, aber noch nie ruhigen Gewissens einen davon als 'tolkienesk' bezeichnet. Warum? Noch nie hat ein Fantasyautor vor oder nach JRRT es geschafft, sein Werk auf eine Stufe mit Homer, der Edda oder der Romanzendichtkunst zu erheben (die meisten haben dies, Gott sei Dank, auch nicht vor), d.h. dem europäischen Kulturerbe von Antike, Völkerwanderungszeit und Mittelalter etwas wesentliches hinzuzufügen. Das ist jetzt anders, denn Ana Maria Matute verfügt sowohl über das Talent als auch über die Phantasie, dieses Werk zu vollbringen. "Der vergessene König Gudu" erweckt den Eindruck mehrtausendjähriger Tiefe, in welcher der Leser mit dem Gefühl, alles sei, wie es sein müsse, versinkt (und dennoch nicht von der Autorin allein gelassen wird). JRRT definierte Phantasie als die Fähigkeit, einen erfundenen Schauplatz glaubwürdig zu schildern. Ana Maria Matute gelingt dies vorzüglich, denn nach der Lektüre hofft man fast, diese märchenhafte Geschichte müsse sich wirklich zu irgendeiner Zeit, an irgendeinem Ort dieser Welt zugetragen haben - einfach nur der Gewissheit wegen, dass solche Schönheit existiert.