Vielleicht ist es etwas extrem, dass ein Buch über den Heiligen Geist „Der unterschätzte Gott“ heißt. Es mag ja sein, dass der Fokus vieler Gemeinden nicht gerade auf dem Heiligen Geist liegt, aber muss man dann gleich folgern, dass der Heilige Geist „unterschätzt“ wird? Meiner Ansicht nach wird der Heilige Geist auf tragische Weise vernachlässigt, unterschätzt und praktisch vergessen. Während kein Evangelikaler seine Existenz verneinen würde, gehe ich jede Wette ein, dass Millionen von Kirchgängern in Amerika nicht mit Gewissheit sagen können, dass sie seine Gegenwart oder sein Handeln im letzten Jahr erlebt haben. Und viele von ihnen glauben noch nicht einmal, dass das möglich ist. Erfolg wird im Gemeindeleben eher an der Zahl der Gottesdienstbesucher gemessen als an der Bewegung des Heiligen Geistes. Das „Entertainment“-Modell wurde vor allem in den 80ern und 90ern von den Gemeinden übernommen. Und während es uns für ein paar Stunden pro Woche aus unserer Langeweile reißt, füllt es unsere Gemeinden eher mit selbstzentrierten Konsumenten als mit hingebungsvollen Dienern, die auf den Heiligen Geist hören. Vielleicht haben wir uns zu sehr an den gegenwärtigen Zustand der Gemeinde gewöhnt, um das ganze Ausmaß des Problems wahrzunehmen. Doch was wäre, wenn wir auf einer einsamen Insel aufgewachsen wären, auf der es nur die Bibel zu lesen gegeben hätte? Stellen wir uns einmal vor, wir werden nach zwanzig Jahren gerettet und besuchen dann eine typisch evangelikale Gemeinde. Vermutlich wären wir ziemlich schockiert (sicher aus verschiedenen Gründen, aber das würde zu weit führen). Weil wir die Bibel außerhalb der gegenwärtigen Gemeindekultur gelesen haben, wären wir davon überzeugt, dass der Heilige Geist für das Leben eines Gläubigen so grundlegend ist wie die Luft zum Atmen. Wir wüssten, dass der Heilige Geist die ersten Christen unglaubliche Dinge tun ließ, sie zu einem Leben anleitete, das in der Kultur ihrer Umgebung keinen Sinn machte, wodurch schließlich die Geschichte von Gottes Gnade überall in der Welt verbreitet wurde. Es gibt eine große Lücke zwischen dem, was wir in der Schrift über den Heiligen Geist lesen, und dem, wie die meisten Gläubigen und Gemeinden heute leben. In vielen modernen Gemeinden wären wir geschockt über die offensichtliche Abwesenheit des Geistes. Und das, so glaube ich, ist der Kern des Problems. Wenn ich Satan wäre und das Ziel hätte, Gottes Reich und seine Ziele zu zerstören, wäre meine Hauptstrategie, die Gläubigen dazu zu bringen, den Heiligen Geist zu ignorieren. Je mehr das passierte (und ich würde sagen, dass das eine sich ausbreitende Krankheit am Leib Christi ist), desto mehr sind die meisten von uns mit und in der Gemeinde unzufrieden. Wir haben den Eindruck, dass etwas Entscheidendes fehlt. Dieses Gefühl ist so stark, dass einige bereits der Gemeinde und dem Wort Gottes vollkommen den Rücken gekehrt haben. Ich glaube, dass das fehlende Etwas eigentlich ein fehlender Jemand ist – nämlich der Heilige Geist. Ohne ihn leben die Menschen aus ihrer eigenen Kraft heraus und erreichen nur menschliche Ziele. Die Welt wird jedoch nicht durch Liebe oder Handlungen menschlichen Ursprungs bewegt. Und die Gemeinde hat ohne den Heiligen Geist keine Kraft, um anders zu leben als eine x-beliebige Versammlung von Menschen. Aber wenn die Gläubigen in der Kraft des Geistes leben, dann wird sich das in ihrem Leben auf übernatürliche Weise zeigen. Die Gemeinde kann dann nicht anders, als anders zu sein, und die Welt kann nicht anders, als das zu erkennen. Während ich dieses Buch geschrieben habe, brannte mir ständig eine Frage auf dem Herzen: Wie kann ein Mensch angemessen über Gottes Heiligen Geist schreiben? Keine Problematik löst mehr Ehrfurcht in mir aus, allerdings kann ich mir auch keine vorstellen, die wichtiger wäre für die weltweite Gemeinde Gottes – besonders in der westlichen Hemisphäre, wo man den Eindruck hat, dass der Heilige Geist nahezu überall in den Gemeinden fehlt. Ich schreibe natürlich vor dem Hintergrund eines westlichen Lebensumfeldes und weiß auch, dass in Kontinenten wie Afrika, Südamerika und Asien der Leib Christi wächst und lebendig ist und dass der Heilige Geist dort aktiv ist. Ich weiß auch, dass Gott überall so wirkt, wie er es für richtig hält, und ich glaube, dass das einige Unterschiede zwischen hier und dort erklärt. Trotzdem bin ich davon überzeugt, dass der Geist vor allem dort in sichtbarer Weise aktiv ist, wo die Menschen ihn suchen, demütig vor ihm sind und sich nicht von ihrem Streben nach Wohlstand und Bequemlichkeit ablenken lassen (so wie das bei uns der Fall ist). Das Licht der amerikanischen Gemeinde flackert und ist beinahe verloschen, weil sie sich in vieler Hinsicht an die Reiche und Werte dieser Welt verkauft hat. Obwohl die meisten Menschen darin ein Problem sehen, gibt es nur wenige, die etwas dagegen unternehmen, und die, die es tun, bewegen sich in die falsche Richtung. Anstatt dass wir sinnvoll und kenntnisreich in die Kultur hineinsprechen, haben wir kapituliert und unterscheiden uns in vielen Fällen nicht von der Welt. Ich weiß nicht, ob ich dieses Buch aus einer Berufung heraus schreibe oder einfach nur, weil ich sehe, wie dringlich das Thema ist. Vielleicht ist es beides. Tatsache ist, dass ich zwar nicht das „Recht“ habe, ein solches Buch zu schreiben, dass es aber dennoch ein Buch ist, das geschrieben werden muss. Deshalb schreibe ich es in der Hoffnung, dass Gott es gebrauchen wird, um sich zu verherrlichen. Der Heilige Geist ist in unserer heutigen Situation absolut notwendig. Natürlich ist er das immer gewesen; vielleicht aber besonders heute. Es bleibt dabei: Wenn der Heilige Geist die Dinge in die Hand nimmt, kann nichts ihn aufhalten. Wenn er nichts unternimmt, werden wir keine bleibende Frucht bringen – egal, wie viel Einsatz oder Geld wir uns das kosten lassen. Die Gemeinde wird irrelevant, wenn sie nicht mehr ist als eine menschliche Institution. Wir sind nicht das, was wir sein sollten, wenn unser ganzes Leben und unsere ganze Gemeindearbeit erklärt werden kann, ohne dass man dabei auf das Werk oder die Gegenwart des Geistes Gottes zurückgreifen müsste. Vielleicht fehlt es uns gar nicht an der Theologie, sondern an einer theologischen Integrität. Viele haben ja das Wissen, ihnen fehlt aber der Mut zuzugeben, dass zwischen dem, was wir wissen, und dem, wie wir leben, ein großer Graben klafft. Hunderte gelehrter Bücher wurden bisher über den Heiligen Geist geschrieben, ebenso über die Dreieinigkeit. Dieses Buch gehört nicht in diese Reihe. Offensichtlich, vernachlässigt und entscheidend, das sind die Adjektive, mit denen ich die in diesem Buch dargelegten Wahrheiten beschreiben würde. In den folgenden Kapiteln werde ich die fundamentalen Kenntnisse entfalten, die die meisten von uns bereits über den Heiligen Geist haben. Wir werden uns einige wichtige Bibelstellen über den Heiligen Geist ansehen und auch darauf schauen, wie wir ihn missbrauchen, missverstehen und manchmal sogar Angst vor ihm haben. Indem wir ehrlich unterwegs sind, so hoffe ich, können wir das bisher übliche Verständnis des Heiligen Geistes hinter uns lassen und anfangen, offen zu reden ... dass wir ihn eigentlich jeden Tag erfahren sollten, ja sogar in jedem Augenblick. Dass wir, wenn wir mit ihm unterwegs sind, uns eher darüber austauschen sollten, was er tut, als darüber, was er vor einigen Monaten oder Jahren getan hat. Wir werden uns an die Kraft und Weisheit erinnern, die uns im Heiligen Geist zur Verfügung steht, und ernsthaft um mehr davon beten. Wenn wir den Verheißungen des Geistes vertrauen, werden wir aus der Entmutigung geführt, hin zu einem Leben, das sich durch Mut und Kraft inmitten von Schwäche und durch die Frucht des Geistes auszeichnet. Ich bete dafür, dass unser Leben so verändert wird, dass es die folgende Verwunderung hervorruft: „Sie sahen aber den Freimut des Petrus und Johannes und wunderten sich; denn sie merkten, dass sie ungelehrte und...
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