Wenn Frau Allende alle in ihrem Roman verknüpften Biografien an realen Vorbildern festgemacht hat, muss sie schier unendlich viele Menschen in ihrer Entwicklung hautnah verfolgt haben - oder vielleicht doch nicht ganz so intensiv?
Denn wenn sie von dem weißen Anwalt Gregory, der wie ein Latino im Barrio aufgewachsen ist, erzählt, von der Selfmade-Schmuckdesignerin, von den gescheiterten Kindern aus gedankenlos eingegangenen Ehen, von der krebskranken Vietnamesin, die für ihr Kind eine amerikanische Mutter sucht, von der verhärmten Julia, die nur noch mit ihren unzähligen Kindern leuchtet, dann kann man nur staunen über die verwickelten und exotischen Leben, die sich vor einem ausbreiten, man zieht sie nicht einmal ernsthaft in Zweifel, aber dennoch bleiben die Menschen irgendwie fremd: Too much.
Ich möchte nicht so weit gehen, von fachlichen Mängeln zu sprechen, obwohl auch ich die unmotivierten Wechsel von der dritten auf die erste Person entfremdend fand, aber dennoch hätte ich gerne mehr von den Empfindungen und Motiven der Personen verstanden - auch wenn dann für die ein- oder andere exotische Ausschweifung der Raum gefehlt hätte. So wird vieles begonnen und nicht zu Ende geführt, völlig ist mir entgangen, wohin das Ganze eigentlich auslaufen sollte.
Das Buch scheint mir wie ein Flohmarkt von Lebensgeschichten. Zunächst ganz unterhaltsam. Aber bei genauem Hinsehen zu wenig echt. Zu wenig wertvoll. Und nach einer gewissen Zeit fragt man sich, ob man seine Zeit nicht besser mit etwas anderem gestaltet hätte.
jury 3* A0386 28.11.2010eg 4 A